Energiekonzerne Öl-Flut zwingt Industrie zum Umdenken

Die Auslastung der europäischen Raffinerien sinkt. Vor allem kleineren Anlagen droht jetzt das Aus.

Von Silvia Liebrich

Die sinkende Ölnachfrage in Europa zwingt die Energiekonzerne, ihr bisher sehr lukratives Raffineriegeschäft neu zu strukturieren. Experten begründen dies damit, dass vor allem der Bedarf an Benzin in Europa und den USA in den nächsten Jahren deutlich zurückgehen wird.

Raffinerien in Deutschland

(Foto: Grafik: SZ)

Nachfragezuwächse werden dagegen in anderen Regionen der Erde erwartet, etwa in China und Indien. Dort baut die ölverarbeitende Industrie derzeit ihre Kapazitäten massiv aus. Damit dürften jedoch der Auslastungsgrad und die Gewinnspannen der Raffinerien in Europa auf lange Sicht zurückgehen.

"Mittelfristig gehe ich von Überkapazitäten in einer Größenordnung von 20 Prozent aus", sagte Uwe Franke, Deutschland-Chef des britischen Ölkonzerns BP, der Süddeutschen Zeitung.

Er schloss nicht aus, "dass ein Teil der Raffinerien in Europa aufgrund von Unterauslastung geschlossen werden muss". Das bestätigt auch Heino Elfert vom Hamburger Energie Informationsdienst (EID). "Vor allem die kleineren Raffinerien mit einer Kapazität von unter fünf Millionen Tonnen sind gefährdet, wenn sie sich nicht spezialisieren", ergänzt er.

Vor allem die sinkende Benzinnachfrage zwingt die Hersteller zum Umdenken. Diesel- und Heizölnachfrage gelten dagegen noch als relativ stabil. Ein großer Teil der in Europa erzeugten Ottokraftstoffe wurde in den vergangenen Jahren in die USA ausgeführt, weil dort die Kapazitäten nicht ausreichten, um den wachsenden Bedarf der Autofahrer zu decken.

Die meisten deutschen Raffinerien arbeiteten deshalb an ihrer Leistungsgrenze. "Jahrelang haben die Ölkonzerne im Raffineriegeschäft gutes Geld verdient", sagt Elfert vom EID. "Auch 2008 war für die deutschen Betreiber noch ein Rekordjahr."

Inzwischen habe sich die Situation jedoch grundlegend geändert, schon in diesem Jahr könnte sich der Trend umkehren, weil im Zuge der Finanzkrise auch in den USA weniger gefahren wird.

Werke stehen zum Verkauf

Shell schrieb vor wenigen Wochen zwei seiner kleineren Werke in Norddeutschland zum Verkauf aus.

Der weltweit größte Raffineriebetreiber machte deutlich, dass auch eine Schließung möglich sei, sollte kein Käufer gefunden werden. 2007 trennte sich der britische Konzern bereits von drei kleineren Anlagen in Frankreich.

Shell will sich wie die Ölkonzerne Exxon und BP in Zukunft auf große Raffinerien konzentrieren. Esso, die deutsche Exxon-Tochter, gab vor zwei Jahren eine kleinere Raffinerie in Ingolstadt ab. In Italien prüft derzeit der Energiekonzern ENI den Verkauf von Verarbeitungsanlagen.

Die Shell-Werke in Hamburg-Harburg und Heide verfügen über Kapazitäten von 5,5 Millionen beziehungsweise von 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Schlimmstenfalls werde Hamburg geschlossen, meint der EID-Experte Elfert. Schwieriger sei es dagegen, den Standort Heide aufzugeben, denn dort wird jenes Rohöl verarbeitet, das aus dem Feld Mittelplate stammt, dem einzig bedeutenden Ölvorkommen, das es überhaupt in Deutschland gibt.

Eigentümer ist der Energiekonzern RWEDea. Dieser hatte die benachbarte Raffinerie, die ganz auf die Beschaffenheit des schweren und dickflüssigen Mittelplate-Öls ausgelegt ist, erst 2002 an Shell verkauft.

Das in Mittelplate geförderte Rohöl fließt durch eine nur wenige Kilometer lange Pipeline direkt in die Shell-Raffinerie Heide. Eine Schließung hätte prekäre Folgen, schließlich müsste der Rohstoff über lange Strecken zu einem anderen Verarbeiter transportiert werden.

Sollte Shell keinen Käufer finden, könnte sich RWE Dea gezwungen sehen, die Anlage zurückzukaufen. Ein RWE-Sprecher bezeichnete dieses Szenario allerdings als reine Spekulation. "Wir hoffen, dass die Raffinerie einen Käufer findet und profitabel weiterbetrieben werden kann."

Mehr Nachfrage in China

Die Internationale Energieagentur IEA geht davon aus, dass die weltweite Ölnachfrage und damit auch die Nachfrage nach Veredelungsprodukten 2009 und 2010 weltweit um ein bis zwei Prozent zurückgehen wird, in den Industrieländern stärker als beispielsweise in China und Indien.

Ursache dafür ist nicht nur die globale Wirtschaftskrise. In Deutschland und anderen europäischen Ländern geht der Verbrauch ohnehin seit Jahren zurück. In den westlichen Ländern werden deshalb künftig weniger Raffinerien benötigt. Mit einem wachsenden Bedarf wird jedoch in den Boomregionen China und Indien gerechnet, vor allem wenn sich eine Konjunkturerholung abzeichnet.

Neue Anlagen entstehen derzeit vor allem im Nahen Osten und Asien, die weltweit größte in Indien. Die Jamnagar-Raffinerie hat ein Verarbeitungsvolumen von 30 Millionen Tonnen. Dadurch steigt die gesamte Verarbeitungkapazität rund um den Globus in diesem Jahr um 60 Millionen Tonnen auf etwa 4400 Millionen Tonnen. Das ist der größte Zuwachs seit mehr als zehn Jahren.