Von Thorsten Denkler, Berlin

Eine Studie belegt: Klimaschutz ist auch mit Atomausstieg möglich. Es kostet nur etwas mehr. Vertreter der erneuerbaren Energien sagen, sie könnten alle Atommeiler und einige Kohlkraftwerke ersetzen. Die Energieversorgung in der Zukunft: Drei Szenarien.

Friedlich grast eine Handvoll Schafe auf der üppigen Wiese. Viel Grün ist zu sehen, viel Himmel, viele Wolken. Irgendwo hinten rechts schmiegt sich ein Atomkraftwerk in die Szenerie ein. Die Anzeige ist überschrieben mit "Klimaschützer der Woche". Diesmal im Fokus: das AKW Brunsbüttel. Leistung: sechs Milliarden Kilowattstunden. CO2-Ausstoß: null.

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Arme Schafe: Das störanfällige Atomkraftwerk Brunsbüttel in einer Werbekampagne der Atomlobby (© Foto: atomforum)

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Nach dem Störfall im AKW Brunsbüttel vergangene Woche erscheint die Werbekampagne der deutschen Atomlobby zwar in einem etwas anderen Licht: Es wächst die Furcht um die Schafe.

Dennoch, die Zielrichtung der Kampagne ist klar: Sie soll die Zweifel am Atomausstieg nähren. Warum Atomkraftwerke abschalten, wenn sie doch so schön CO2-frei arbeiten? Da kommen den Kraftwerksbetreibern die ambitionierten Klima-Ziele von Bundeskanzlerin Angela Merkel gerade recht. Bis 2020 sollen die CO2-Emissionen in Deutschland gegenüber 1990 um 40 Prozent gesenkt werden.

Das geht nicht ohne Atomstrom, sagen die Betreiber Vattenfall, Eon, EnBW und RWE, die sich den deutschen Strommarkt untereinander aufgeteilt haben. Morgen treffen sie sich bei der Kanzlerin zum dritten Energiegipfel. Thema: Die Struktur der Energieversorgung in der Zukunft.

Drei Szenarien

Klimaschutz ohne Atomkraft, das geht doch, sagt eine Studie, die das Energiewirtschaftliche Institut der Uni Köln gemeinsam mit Prognos im Auftrag des Bundesumweltministeriums erstellt hat. Drei Szenarien haben die Forscher untersucht. Die wichtigste Botschaft. Das 40-Prozent-Ziel kann auch ohne Atomstrom erreicht werden. Es kostet nur mehr.

Grundlage für das erste Szenario ist der geltende Koalitionsvertrag. Darin ist der Atomausstieg festgeschrieben. Bleibt es dabei und steigt der Anteil der erneuerbaren Energien bis 2013 wie geplant von heute 5,3 auf dann 13,4 Prozent, dann wird die 40-Prozent-Marke bis 2020 mit 39,1 Prozent nur knapp verfehlt. Der Strompreis würde sich bis dahin um 0,1 Cent für Privat- und einen Cent für Industriekunden pro Kilowattstunde erhöhen.

Für das zweite Szenario haben die Forscher den Koalitionsvertrag aufgehoben und den Atomausstieg rückgängig gemacht. Die Annahme: 2020 liefern alle 17 deutschen Atomkraftwerke weiter fleißig Strom. Die erneuerbaren Energien wachsen nicht um 13,4 sondern nur 12,8 Prozent.

Mit Atomstrom billiger

Der Effekt: Die Treibhausgasemissionen sinken verglichen mit 1990 um 45,3 Prozent. Und billiger wird der Strom auch noch. Private zahlen einen Cent weniger, die Industrie 0,1 Cent weniger als 2005. Die Volkswirtschaft spart dabei 1,2 Milliarden Euro gegenüber dem Koalitionsvertrag. Allerdings: Die Energieeffizienz steigt mangels Anreiz geringer als in den beiden anderen Szenarien.

Die Ökovariante liefert das dritte Szenario und den Beweis, dass es auch ohne Atomstrom geht: Die erneuerbaren Energien werden massiv ausgebaut. Ihr Anteil am Energiemix steigt auf 16,8 Prozent bis 2020, während am Atomausstieg nicht gerüttelt wird. Ab 2022 wird demnach kein deutsches Atomkraftwerk mehr am Netz sein. Der Effekt: Eine CO2-Einsparung von 41,3 Prozent. Regierungsziel erreicht.

Der Haken: Das Modell verteuert den Strom. Volkswirtschaftlich gesehen kostet es 4,6 Milliarden Euro mehr, als wenn nur der Koalitionsvertrag umgesetzt wird. Die Kilowattstunde wird für Private um einen Cent und für die Industrie 1,7 Cent teurer.

Eine Frage des Geldes

Klimaschutz ist also vor allem eine Geldfrage. Es geht dabei auch um die Kassen der vier großen Energiekonzerne. Soll die Energieeffizienz gesteigert werden, bedeutet das für sie: weniger Einnahmen. Werden die billigen Atommeiler abgeschaltet, bedeutet das: weniger Einnahmen. Wird die Energieversorgung dezentral gestaltet, bedeutet das: weniger Einnahmen.

Die vier Konzerne allerdings als Verhandlungspartner außen vor zu lassen, geht auch nicht. In den kommenden Jahren muss der deutsche Kraftwerkspark erneuert werden. Etwa ein Viertel der installierten Leistung wird dabei ersetzt.

Auf welche Weise dann in Deutschland Strom erzeugt wird, hängt nicht unwesentlich von den Entscheidungen der Betreiber ab. Bisher stehen 27 neue Kohlekraftwerke auf den Einkaufszetteln der Stromerzeuger. Nicht gerade das, was sich Klimaschützer für den Einkaufskorb wünschen.

Die Erneuerbaren wollen alle Atommeiler ersetzen

Was sich die Bundesregierung wünscht, hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) in einem Acht-Punkte-Plan zusammengefasst, den er morgen im Gepäck haben wird: Mit sparsameren Elektrogeräten soll der Stromverbrauch um elf Prozent gesenkt werden. Der Kraftwerkspark soll modernisiert werden.

Den Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch will Gabriel auf 21 Prozent steigern. Der Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung (Strom und Wärme aus einem Kraftwerk) soll auf 25 Prozent verdoppelt werden. Außerdem sollen Häuser saniert, die Biogastechnik ausgebaut, Autos klimafreundlicher und Treibhausgase wie Methan zurückgedrängt werden.

Die Branche der erneuerbaren Energien geht jetzt in die Offensive: Bis 2020 könne sie mindestens 35 Prozent des deutschen Strombedarfs decken, ließ sie verlauten. Damit könnte sie alle 14 bis dahin vom Netz gehenden Atomkraftwerke ersetzen und darüber hinaus noch 18 der 21 geplanten Kohlekraftwerke. Selbst wenn des möglich wäre: Genau so eine Konkurrenz wollen sich die großen Kraftwerksbetreiber tunlichst vom Leib halten.

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(sueddeutsche.de)