Energiearmut Einfach mal abschalten

Das kann teuer werden! Lassen Verbraucher unnötigerweise das Licht brennen, wird die Stromrechnung schnell unbezahlbar.

(Foto: Johnér/mauritius images)

Viele Deutsche können ihre Stromrechnung nicht bezahlen. In Nordrhein-Westfalen bekämpfen die Stadtwerke das Problem mit ungewöhnlichen Partnern. Ein Besuch.

Von Lukas Zdrzalek, Krefeld

Udo Warstat reicht ein schwarz-silberner Koffer, um die Armut zu lindern. Ein Koffer, gefüllt mit Kabelbindern, einer Zange, einem Strommessgerät. Mit dem Warstat hineintritt in dieses düstere Treppenhaus im Norden von Krefeld, hinaufstapft bis zur Wohnung unter dem Dach, wo ihn Walter Krupp erwartet, 44, arbeitslos, 393 Euro Hartz IV im Monat. Udo Warstat legt seinen braunen Mantel ab, hebt die Schiebermütze von den grauen Haaren, hievt den Koffer auf den Wohnzimmertisch, öffnet ihn, klick, klack. Warstat ist Stromsparberater der Caritas und soll Krupp helfen, seinen Elektrizitätsverbrauch zu senken, soll Krupp dabei unterstützen, dass er nicht länger fast 20 Prozent seines Einkommens für Strom ausgibt. Zurzeit bleiben Krupp täglich zehn Euro zum Leben.

Viele Deutsche machen sich keine Vorstellung davon, wie viel Strom ihre Elektrogeräte verbrauchen

Was Warstat in Krupps Wohnung erlebt, bezeichnen Experten als Energiearmut: Wenn Menschen zu wenig Geld für Lebensmittel, für Produkte des täglichen Bedarfs haben, weil die Strompreise so hoch sind. 2015 drohten Versorger säumigen Kunden rund 6,3 Millionen Mal, den Strom abzustellen. Forscher der renommierten, gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung diskutieren in einer Studie aus dem Jahr 2016 sogar, ob Energiearmut das neue soziale Risiko ist. In gut zehn nordrhein-westfälischen Großstädten wie Krefeld haben sich Allianzen mit ungewöhnlichen Partnern gebildet, um dieses Problem anzugehen. Partner, die sonst quasi nie zusammenarbeiten und sich wegen unterschiedlicher Interessen oft zerstreiten: die Verbraucherzentralen, der katholische Sozialverband Caritas und Unternehmen, die Stadtwerke. Sie wollen nicht nur an diesem neuen sozialen Risiko herumdoktern, sondern es Stück für Stück entschärfen - indem sie Udo Warstat mit seinem schwarz-silbernen Koffer zu Menschen wie Walter Krupp schicken.

Warstat, 62, fischt das rote Strommessgerät aus seinem Koffer, geht in die Hocke, krabbelt unter den hölzernen Schreibtisch und stöpselt das Messgerät an das Kabel des Computers, der im Stand-by-Modus vor sich hersummt. Warstat prüft jetzt jedes Elektro-Gerät, ob es besonders viel Strom verbraucht. Krupp, der eigentlich anders heißt, steht vor einer Wand, an der er Fotos aufgehängt hat. Sie zeigen eine junge Frau, einen blonden Jungen, ein blondes Mädchen. Krupp hatte mal einen guten Job als IT-Administrator - bis vor fünf Jahren, bis seine Frau mit den Kindern verunglückt ist. Er erzählt nicht, was genau passiert. Er sagt nur, dass es "danach ab in die Psychosomatische ging", er seine Wohnung kaum noch verließ. Seit einem halben Jahr fühlt er sich etwas besser, geht wieder häufiger raus, nimmt weniger Antidepressiva. Auf Hartz IV ist er hängengeblieben.

Sozialhilfeempfänger, alte Menschen mit niedriger Rente, Geringverdiener; es sind die Ärmsten, die am stärksten unter den steigenden Strompreisen leiden. Im Jahr 2000, das zeigen Daten des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, zahlten Verbraucher für eine Kilowattstunde noch rund 14 Cent. Heute ist der Wert mehr als doppelt so hoch, er liegt bei fast 29 Cent. Der Hauptgrund ist die Energiewende, im Zuge derer regenerative Energien wie Solaranlagen alte, klimaschädliche Kraftwerke ablösen. Die Verbraucher subventionieren diesen Umbau über die EEG-Umlage, die auf jede Kilowattstunde aufgeschlagen wird. Mit der fortschreitenden Energiewende ist die Umlage in den vergangenen Jahre stark gestiegen. Elektrizität wird 2017 vielerorts sogar erneut teurer - die Energiearmut dürfte sich verschärfen.

Warstat kommt unter dem Schreibtisch hervorgekrabbelt, liest 13,7 Watt von seinem Messgerät ab und berechnet, wie viel der Stand-by-Modus des Computers jährlich kostet. Er tippt auf seinem Taschenrechner herum, bis eine Zahl auf dem Display aufleuchtet: 28 Euro. "Ui, ganz schön viel", staunt Krupp.

Warstat muss die Kosten sichtbar machen, indem er die Watt-Zahlen abliest, die Kosten vorrechnet. Seine Kunden haben keine Vorstellung davon, wie viel Strom ihre Geräte verbrauchen. Ihnen fehlt das Wissen. "Viele nehmen den Kostenfaktor Strom erst wahr, wenn es zu spät ist", sagt Warstat. Wenn sie eine Mahnung, eine hohe Abschlagsforderung von den Stadtwerken Krefeld erhalten, von Karl Stetz und seinen Mitarbeitern.

Stetz, Vollbart, Brille, Anfang 30, leitet das Forderungsmanagement der Stadtwerke Krefeld. Er saß jahrelang selbst am Schalter, wo die säumigen Kunden ihre Schulden begleichen. Er kennt noch die Zeit, bevor die Kooperation in ihrer heutigen Form 2014 begonnen hat. Immer wieder standen nervöse Menschen vor seinem Schalter, einer kratzte sich vor Unruhe stets am Ohr. "Da wusste ich: Der hat mal wieder nicht gezahlt", sagt Stetz. Früher konnte er mit solchen Kunden nur eine Stundung oder eine Ratenzahlung vereinbaren. Für ein paar Monate war dann Ruhe - bis den Leuten wieder das Geld ausging.

Heute dagegen können die Stadtwerke mithelfen, die Probleme ihrer Kunden langfristig zu lösen, indem Stetz' Leute die Menschen zu einem der Stände in der Schalterhalle schicken. Zum einen bieten Mitarbeiter der Verbraucherzentrale eine Budgetberatung an, bringen den Kunden bei, ein Haushaltsbuch zu führen, unnötige Ausgaben zu streichen. Zum anderen können Stetz' Kollegen die Menschen zu den Stromsparberatern schicken, zu Udo Warstat und seinen Mitarbeitern. Die Stadtwerke finanzieren ihre Arbeit mit - weil regelmäßig bezahlte Rechnungen im Interesse des Versorgers sind. Warstat steht inzwischen in Krupps Schlafzimmer und blickt zur Decke. "Ah", sagt er. "Der Klassiker!"

Der Klassiker ist eine Glühbirne, die von der Decke baumelt und 40 Watt verbraucht. Die Betriebskosten von Glühbirnen liegen rund zehn Mal höher als die der effizienteren LED-Lampen. Trotzdem findet Warstat die alten Leuchten noch in Wohnungen, weil sie mal viel günstiger als die LED-Pendants waren. Oft sieht er stromfressende Kühlschränke, die ihre Besitzer ebenfalls billig gekauft haben; für die teureren, effizienteren Geräte und Lampen fehlt Menschen wie Krupp das Geld.

Armut macht arm. Warstat fährt nach dem ersten Mess-Termin noch mal zu seinen Kunden. Er händigt ihnen eine Übersicht aus, welches Gerät wie viel Strom benötigt. Verbrauchern mit Glühbirnen bringt er LED-Lampen mit, anderen übergibt er einen Gutschein für einen effizienteren Kühlschrank, teils mehrere Hundert Euro wert, bezahlt von Land und Bund. Es sind Investitionen, die sich erst nach Jahren rentieren können, Trippelschritte - die zum Ziel führen, meinen die Krefelder Kooperationspartner. Sie messen ihren Erfolg an der Zahl der Stromsperren. Der Wert zeigt, wie häufig die Stadtwerke ihren Kunden den Strom abdrehen, weil niemand mehr dafür zahlt. Seit Längerem liegt die Zahl in Krefeld quasi unverändert bei 3 500 pro Jahr, trotz der steigenden Preise.

Ab und zu helfen keine neuen LED-Lampen und Kühlschrank-Gutscheine, etwa bei Christina Schmitz, Hartz-IV-Empfängerin. Schmitz, die anders heißt, kann sich nicht erklären, warum sie ihrem Versorger so viel Geld zahlen muss - und Warstat kann es auch nicht. Jahr für Jahr, steht in der Übersicht mit den Messwerten, hat Schmitz für gut 1000 Kilowatt gezahlt, die ihre Geräte nicht verbrauchen. Warstat hat immer wieder solche Fälle, über die Gründe kann er nur spekulieren: Manchmal wurde das Haus umgebaut, wurden Stromleitungen zu anderen Wohnungen umgeleitet - ohne den Stromzähler anzupassen. Ein anderes Mal werden Leitungen angezapft. Warstat rät Schmitz, testweise die Sicherung rauszunehmen. "Wenn einer der Bewohner schreit, der Strom ist weg, wissen Sie ja, wo Sie klingeln müssen."