EnBW-Affäre weitet sich aus Dubiose Millionen-Deals für russisches Uran

Die Affäre um den Energieriesen EnBW weitet sich aus. Wirtschaftsprüfer sind auf dubiose Deals mit einem russischen Unternehmer gestoßen - es geht um bis zu 300 Millionen Euro und um Uran-Lieferungen, die möglicherweise gar nicht existieren. Besonders pikant: Den Anstoß für die zwielichtige Kooperation gab offenbar die Bundesregierung.

Von Markus Balser und Uwe Ritzer

Der Tipp, der eine der wohl wüstesten deutschen Wirtschaftsaffären seit Jahren ins Rollen brachte, soll von ganz oben gekommen sein: aus der Bundesregierung. Er solle doch mit einem gewissen Andrej Bykow in der russischen Botschaft Kontakt aufnehmen, riet das Bundesministerium für Forschung und Technologie dem Atom- und späteren EnBW-Manager Wolfgang Heni.

Denn wie so viele Atommanager plagte Heni damals, in den neunziger Jahren, ein gewaltiges Problem. Nach heftigen politischen Verwerfungen und Gerichtsurteilen wurde die so genannte Mox-Brennelementefabrik im hessischen Hanau geschlossen. Händeringend suchte die Nuklearindustrie nach Alternativen zur Wiederaufbearbeitung von Plutoniumschrott. Da kam der Tipp mit dem Russen gerade recht. So geht es aus internen EnBW-Unterlagen hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Zu der von der Bundesregierung offenbar erhofften deutsch-russischen Zusammenarbeit in dieser Frage kam es in der Folgezeit allerdings offenbar nicht. Doch der Kontakt zwischen EnBW und Andrej Bykow riss in den Jahren nicht mehr ab. Nachdem er aus dem diplomatischen Dienst ausgeschieden und sich als Lobbyist selbständig gemacht hatte, konnte sich Bykow über zahlreiche Aufträge des Karlsruher Energieunternehmens freuen.

Bei EnBW indes freut sich heute kaum noch jemand über die rege Geschäftsbeziehung. Denn nach Angaben des Konzerns flossen rund 130 Millionen Euro an Bykow - ohne nennenswerte Gegenleistung. Die Staatsanwaltschaft Mannheim prüft deshalb, ob es bei der EnBW Hinweise auf Steuerhinterziehung, Untreue oder Korruption gibt.

Dubiose Millionentransfers nach Russland

Schon das erschütterte Deutschlands drittgrößten Energiekonzern mit 17 Milliarden Euro Umsatz und 20.000 Beschäftigten. Doch internen Unterlagen von EnBW zufolge soll das Gesamtvolumen aller Verträge zwischen EnBW und der dubiosen Bykow-Gruppe in Wirklichkeit noch viel größer sein als bisher bekannt: Demnach sollen bis zu 300 Millionen Euro aus dem Unternehmen an Firmen des russischen Geschäftsmanns geflossen sein. EnBW äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht zum Gesamtvolumen dieser Verträge. Ein Sprecher erklärte lediglich, Teile der Verträge mit Bykow seien unerfüllt geblieben. Auch Bykows Anwalt wollte sich zu den Angaben nicht äußern.

Damit eskaliert die Affäre um dubiose Millionentransfers nach Russland. Dokumente von Prüfern des Unternehmens zeigen, wofür die Gelder zum großen Teil offiziell bestimmt waren: Die Lieferung von Brennstoffen für die Atomanlagen des Konzerns, in dessen Diensten Wolfgang Heni als kaufmännischer Geschäftsführer des Kernkraftwerkes Obrigheim stand.

So schloss die EnBW-Atomtochter EnKK am 27. April 2007 einen Liefervertrag über große Mengen Uran. Vereinbart wurde den Papieren zufolge die Lieferung von mehr als 1,3 Millionen Kilogramm des AKW-Brennstoffs im Zeitraum von 2007 bis 2017. Dafür leistete EnBW den Angaben zufolge 90 Millionen Euro Vorauszahlung.

Erstaunt stellten die 2009 zu Hilfe geholten Wirtschaftsprüfer von KPMG allerdings fest, dass der Konzern im Gegenzug keine Sicherheit bekam. Man habe nicht einmal gewusst, wo in Russland das Uran lagere. Es sei "nicht erkennbar, dass die betreffende Menge Natururan jemals . . . vorhanden gewesen wäre", heißt es weiter.

Wer die Millionen wofür freigegeben hat - das ist die spannendste Frage

Bei einem der größten deutschen Energiekonzerne tun sich damit groteske Geschäftsbeziehungen in einem hochsensiblen Bereich auf. Denn bei den Verträgen ging es unter anderem um die Lieferung von Uran aus russischen Militärbeständen - ein Projekt, das der internationalen Abrüstung dienen und gefährliches Nuklearmaterial eigentlich unter Kontrolle bringen sollte.

Ausgerechnet hier wirft das Dokument den eigenen Managern nun grobe Fehler vor. So hätten Akteure des Unternehmens "gegen ihre Sorgfaltspflichten verstoßen". Sie sollen Kompetenzen weit überschritten und teilweise an den zuständigen Aufsichtsgremien und Fachabteilungen bei EnBW vorbei Millionenaufträge an Bykow-Firmen vergeben haben.

Dass so viel Geld versickert, gilt in der Energiebranche als wohl einmaliger Vorgang. Warum nur, fragen sich Aufsichtsräte des Konzerns, zahlte das EnBW-Management überhaupt derart gewaltige Summen vorab, ohne die Gegenleistungen sicherzustellen - und das ausgerechnet im hochsensiblen Atomgeschäft? Wer die vielen Millionen freigegeben hat und wofür - das ist die spannendste Frage in diesem Russland-Krimi.

Die EnBW leistet bislang kaum öffentliche Aufklärung; stattdessen hat sie vier ehemalige Top-Manager auf Schadenersatz in Millionenhöhe verklagt. Darunter ist nicht nur Wolfgang Heni, sondern auch der Technik-Vorstand des Konzerns, Hans-Josef Zimmer. Der musste angesichts der Schwere der Vorwürfe seinen Posten zeitweise räumen, kehrte dann aber völlig überraschend wieder zurück in Amt und Würden. Es dürfte in der deutschen Wirtschaftsgeschichte einmalig sein, dass ein Konzern gegen einen seiner Vorstände prozessiert, hohen Schadenersatz von ihm einfordert - und ihn trotzdem weiter arbeiten lässt