Von Bernd Dörries und Daniela Kuhr

Die Zeit ist abgelaufen: Der Bahn-Aufsichtsrat entlässt Knall auf Fall Vorstand Garber. Dass die Kosten des Projektes "Stuttgart 21" explodieren, soll damit nichts zu tun haben.

Bei der Aufsichtsratsitzung der Deutschen Bahn ist es am Mittwoch zum Eklat gekommen. Das Kontrollgremium entschied völlig überraschend, Infrastruktur-Vorstand Stefan Garber zum 1. Januar freizustellen.

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Bei der Aufsichtsratsitzung der Deutschen Bahn ist es am Mittwoch zum Eklat gekommen. Das Kontrollgremium entschied völlig überraschend, Infrastruktur-Vorstand Stefan Garber freizustellen. (© Foto: dpa)

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Garber soll sich geweigert haben, auf Bonuszahlungen im nächsten Jahr zu verzichten, hieß es aus Aufsichtsratskreisen. Der für das Schienennetz zuständige Manager habe Änderungen in seinem Vertrag abgelehnt.

Hintergrund ist der "Public Corporate Governance Kodex", in dem die Bundesregierung Grundsätze guter Unternehmensführung im Bereich des Bundes aufgestellt hat. Vorstand und Aufsichtsrat haben beschlossen, den Kodex "vollumfänglich" anzuwenden.

617.000 Euro variable Vergütung

Doch dafür müssten die Verträge von Führungskräften mit variablen Vergütungen umgeschrieben werden. Garber soll das abgelehnt haben, weshalb er nun gehen muss. Der heute 54-jährige Garber leitet seit Anfang 2005 das Vorstandsressort Infrastruktur. 2008 verdiente er laut Geschäftsbericht 1,046 Millionen Euro, davon 617.000 als variable Vergütung.

Angeblich soll der Rauswurf nichts mit der Kostenexplosion beim Projekt Stuttgart 21 zu tun haben. Trotz enormer Mehrkosten stimmte der Aufsichtsrat der Bahn für die Untertunnelung des Stuttgarter Bahnhofs und dessen Anschluss an die geplante Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm.

Bereits im April hatten Bahn, Bund und Land Verträge für Stuttgart 21 unterzeichnet, wollten aber die Kosten noch einmal durchrechnen. Nun ist, bevor der erste Bagger rollt, das Projekt um eine Milliarde Euro teurer geworden.

Konzernchef Rüdiger Grube hatte nach seinem Amtsantritt eine Neukalkulation angeordnet. Sie ergab, dass die Baumaßnahmen nicht drei Milliarden, sondern 4,088 Milliarden Euro kosten werden. An diesem Mittwoch wird der Lenkungskreis in Stuttgart tagen, dort soll die endgültige Entscheidung aller Partner fallen, sagte Grube. Wenn nach dem Bahn-Aufsichtsrat auch der Lenkungsausschuss zustimmt, kann der Bau im Februar beginnen.

Über sechzig Kilometer Tunnel

Der Stuttgarter Sackbahnhof soll bis 2018 zu einer unterirdischen Durchgangsstation werden. Über sechzig Kilometer Tunnel werden unter der Stadt gegraben, die über Jahre hinaus in Teilen eine große Baustelle sein wird. Befürworter halten das Projekt aus städtebaulicher Sicht für sinnvoll, die durch die Kessellage eingeengte Stadt bekommt 100 Hektar neue Fläche in der Innenstadt, auf der zehntausende Arbeitsplätze und Wohnungen entstehen sollen.

Über die Tunnel zum Stuttgarter Flughafen soll Stuttgart 21 Anschluss an die Hochgeschwindigkeitsstrecke Wendlingen-Ulm bekommen, über die noch nicht letztlich entschieden ist. Sie soll nach bisherigen Angaben zwei Milliarden Euro kosten und den Albaufstieg ersetzen, auf dem selbst ICE-Züge mit Tempo achtzig die Schwäbische Alb hinaufkriechen.

In Verbindung mit Stuttgart 21 soll die neue Schnellbahnstrecke die Fahrzeit von Ulm nach Stuttgart auf 28 Minuten halbieren. Bis Frühjahr soll es eine neue Wirtschaftlichkeitsrechnung für die Schnellbahnstrecke geben. Auch hier ist mit Mehrkosten zu rechnen.Vor allem in Stuttgart selbst gibt es Widerstand gegen die Untertunnelung des Bahnhofes.

Der BUND und Stadtplaner würden lieber den alten Kopfbahnhof sanieren, der unter Denkmalschutz steht, was ihrer Ansicht nach um Milliarden günstiger wäre. Auch nach ihrem Konzept würden in der Innenstadt große Freiflächen entstehen. Wie erwartet ernannte der Aufsichtsrat zudem Lutz Richard zum Nachfolger des scheidenden Finanzvorstands Diethelm Sack.

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(SZ vom 10.12.2009/pak)