Einkommensverteilung Wo die Ungleichheit am größten ist

Die gesellschaftliche Kluft wächst: Ein Mann in Osnabrück bittet auf der Straße um Geld.

(Foto: dpa)
  • Die Einkommen der Menschen sind auf der ganzen Welt sehr ungleich verteilt. Das zeigt der erste "Weltreport über Ungleichheit".
  • Besonders extrem ist die Ungleichheit in den USA und Asien, in Europa steigt sie hingegen nur moderat.
Von Janis Beenen und Christian Endt

Wie ungleich Einkommen verteilt sind, unterscheidet sich von Weltregion zu Weltregion. Am geringsten ist die Ungleichheit in Europa, am höchsten im Nahen Osten. Dort erhalten die einkommensstärksten zehn Prozent 61 Prozent des Gesamteinkommens. Das ist ein Ergebnis des ersten "Weltreport über Ungleichheit". Verfasst hat ihn eine Forschergruppe um Thomas Piketty, den Autor des Bestsellers "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Die Untersuchung der Ökonomen zeigt, wie sich die Ungleichheit in den vergangenen Jahren weltweit entwickelt hat. Auch für Deutschland liefert sie eine erschreckende Erkenntnis: Das Land ist so ungleich wie vor 100 Jahren. Und doch gibt es Staaten, in denen die Lage noch extremer ist.

In fast allen Ländern hat die Einkommensungleichheit seit 1980 zugenommen, lediglich unterschiedlich stark. Besonders stark ist sie in Nordamerika, China, Indien und Russland gestiegen. In Europa verlief die Entwicklung im Vergleich eher moderat. Allein der Mittlere Osten liegt nicht im Trend: Dort ging der Anteil der oberen zehn Prozent am Gesamteinkommen zurück. Seit 2010 steigt er allerdings wieder leicht und liegt mit etwa 61 Prozent noch immer über dem weltweiten Durchschnitt.

Deutlich auseinanderentwickelt hat sich die Ungleichheit von Westeuropa und den USA. Im Jahr 1980 betrug der Anteil des obersten Prozents am Gesamteinkommen in beiden Regionen noch knapp zehn Prozent. Mittlerweile ist er in den USA auf 20 Prozent gestiegen, während er in Westeuropa nur zwei Prozentpunkte mehr beträgt als noch 1980, nämlich 12 Prozent. Gleichzeitig sank in den USA der Anteil der unteren 50 Prozent am Gesamteinkommen von gut 20 Prozent auf 13 Prozent. So kommt es, dass mittlerweile ein kleiner Teil vermögender Amerikaner mehr verdient als die Hälfte ihrer Landsleute zusammen.

Auch weltweit betrachtet ist der Anteil des reichsten Prozents am Gesamteinkommen schon 1980 größer gewesen als der der unteren 50 Prozent. Die Entwicklung war jedoch nicht stetig, zwischendurch ist die weltweite Einkommensverteilung sogar ein bisschen gleicher geworden.

Aus Sicht der Autoren des Reports hat die ökonomische Ungleichheit eine zentrale Ursache: Es befindet sich wesentlich mehr Geld in privater Hand als in öffentlicher. Seit 1980 haben Industrie- und Schwellenländer große Mengen des öffentlichen Vermögens investiert, wodurch es sich in die Riege der Investoren und Unternehmer verschoben hat. Durch den verringerten Bestand haben die Regierungen aus Sicht der Wissenschaftler nun wenig Spielraum, Ungleichheit entgegenzuwirken.