Einkommensunterschiede Wirtschaftswachstum nur für Reiche

Die Schere klafft immer weiter auseinander: In Ländern mit hohen Einkommensunterschieden profitieren vor allem diejenigen vom Wirtschaftswachstum, die ohnehin schon vermögend sind, zeigt eine Studie. Die Armen gehen leer aus.

Von Caspar Dohmen

Drei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 stellte der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama die These vom Ende der Geschichte auf - der Weg sei frei für eine liberale Demokratie. Tatsächlich setzte sich der Kapitalismus weltweit durch, und die Menge der produzierten Güter und Dienstleistungen stieg rund um den Globus rasant, der Lebensstandard vieler Menschen verbesserte sich. Wer angesichts dieser Entwicklung jedoch gehofft hatte, dass die Einkommen gleichmäßiger verteilt werden, der sieht sich nun enttäuscht. Stattdessen hat die Ungleichheit sogar in 14 der 20 größten Industrieländer (G 20) seit dem Jahr 1990 zugenommen, teils drastisch wie in Russland.

Diese Entwicklung zeigt die Studie der britischen Nichtregierungsorganisation Oxfam "Left behind by the G 20?" auf, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wird. Politiker und Wirtschaftsführer sollen mit diesen ernüchternden Ergebnissen in der nächsten Woche bei ihrem jährlichen Treffen im schweizerischen Skiort Davos konfrontiert werden.

Am meisten hat sich die Einkommensschere in Japan, China und Russland geöffnet, aber auch in Deutschland, Großbritannien, den USA und Kanada gab es seit 1990 eine deutliche Verschlechterung. Etwas geschlossen hat sich die Einkommensschere dagegen in den Schwellenländern Brasilien, Mexiko und Argentinien und als einzigem Industrieland in Südkorea. Saudi Arabien wurde wegen fehlender Zahlen nicht berücksichtigt.

Die haben alle gewaltig zugelegt, sie sind den richtigen Weg gegangen", sagt Paul Bendix, bis vor wenigen Tagen Geschäftsführer von Oxfam Deutschland, der Süddeutschen Zeitung. Noch immer gehört Brasilien jedoch zu den Ländern mit einer großen Kluft zwischen Reichen und Armen und belegt in dem Ranking der 20 führenden Industrieländer den vorletzten Platz vor Südafrika. In den vergangenen 20 Jahren gab es in der größten lateinamerikanischen Volkswirtschaft jedoch eine Wende zum Besseren, insbesondere unter der Regierung des ehemaligen Gewerkschaftsführers Luiz Inácio Lula da Silva.

"Wir warten seit 30 Jahren auf den Trickle-down-Effekt"

Alleine zwischen 1999 und 2009 schafften fast zwölf Millionen Menschen den Aufstieg aus der absoluten Armut und hatten damit mehr als 1,25 US-Dollar täglich zur Verfügung. In der gleichen Zeit sank die Ungleichheit, gemessen in dem Gini-Koeffizienten, von 0,52 auf 0,47. Je höher der Wert auf einer Skala zwischen null und eins ist, desto höher ist bei dieser Messmethode die Ungleichverteilung der Einkommen. Mit Werten von knapp 0,30 ist die Verteilung der Einkommen in Frankreich, Korea und Deutschland unter den G-20-Staaten noch am gleichmäßigsten.

Hält die Entwicklung in Brasilien an, dann erwartet Oxfam einen Rückgang der Armut in der nächsten Dekade um weitere 80 Prozent. "Die Regierung hat den Spielraum der wirtschaftlichen Entwicklung genutzt, Armutsbekämpfung zu betreiben", sagt Bendix und verweist auf einen Politikmix, zu dem beispielsweise Bildungs- und Sozialpolitik gehört. Das Gegenteil geschah in Südafrika. Bei einer anhaltenden Entwicklung werden hier bis 2020 mindestens eine Million Menschen mehr in die Armut rutschen, prognostiziert Oxfam.

Die Ungleichheit der Einkommensverteilung erklärt der Studie zufolge auch zum großen Teil, warum sich in Ländern mit einem gleichen wirtschaftlichen Wachstum, die Zahl der Armen sehr unterschiedlich entwickelt. In Ländern mit relativ geringen Einkommensunterschieden führe ein Prozent Wirtschaftswachstum zu einem Rückgang der Armut um vier Prozent; in Ländern mit hohen Einkommensunterschieden gebe es bei gleichem Wirtschaftswachstum überhaupt keine Auswirkung auf die Armut, schreiben die Autoren der Studie mit Verweis auf Zahlen der Weltbank.

Diese Analyse zerstört ein für alle mal die selbstgefällige Annahme von Regierungen, sie könnten warten, bis das Wirtschaftswachstum zu den Armen durchsickert", sagt die Ko-Autorin der Studie, Caroline Peace. Diese Trickle-down-Theorie hat eine große Rolle in der Wirtschaftspolitik gespielt. Als Erfinder des Namens gilt David Stockman, Chefberater von Ronald Reagan während dessen Präsidentschaft in den achtziger Jahren. Von einem Laissez-faire-Kapitalismus profitierten laut diesem Ansatz nicht nur diejenigen, die gut im Markt platziert sind, sondern zeitversetzt auch die Ärmsten. Der US-Ökonom Paul Krugman merkte 2008 bissig an: "Wir warten nun seit 30 Jahren auf diesen Trickle-down-Effekt - vergeblich." Die Nichtregierungsorganisation Oxfam empfiehlt die Rückbesinnung auf ein anderes Rezept. "Umverteilung mit Wachstum".