Einkaufszentren in den USA Das Herz der Konsumkultur verrottet

Zwischen 1956 und 2005 baute Amerika 1 500 Malls. Sie waren ein Freizeitvergnügen für die Mittelklasse - das Herz der Konsumkultur.

(Foto: Retrofile/Getty Images)

Einst waren die Shopping Malls das Zentrum uramerikanischer Kultur, wo sich Teenager trafen und Familien Wochenendausflüge verbrachten. Jetzt macht eine nach der anderen dicht. Bis 2020 könnte sogar die Hälfte der Einkaufszentren in Amerika scheitern - das ruft morbide Mall-Nostalgiker auf den Plan.

Von Kathrin Werner, New York

Staub tanzt in den Sonnenstrahlen, die Rolltreppe rostet. Die Blumen sind vertrocknet, die Geländer der Galerie abgefallen, Moos wuchert, Kabel hängen herunter und zerbrochene Glasscheiben verteilen sich wie Kristalle über die Bodenfliesen. Am 31. Dezember 2013 hat das letzte Geschäft in der Rolling Acres Mall in Ohio geschlossen. Das Einkaufszentrum zählt nun zu den vielen toten Malls Amerikas - und die Fotos des einstigen Konsumtempels werden zu Fan-Objekten.

Es sind Bilder mit einer merkwürdig morbiden Ästhetik. Einst waren die Shopping Malls das Zentrum uramerikanischer Kultur, vor allem auf dem Land und in Kleinstädten im großen, leeren Mittleren Westen. An Orten, an denen man sonst nichts machen kann, trafen sich die Teenager in der Mall mit ihren Freunden. Die Klimaanlagen hielten sie auch im Hochsommer kühl. Familien machten ihre Wochenendausflüge hierher.

Über die Jahre hinweg gab es immer mal wieder Amokläufe in Malls, die Täter suchten sich diese Orte aus, weil sich fast jeder mit ihnen identifizieren kann. Zwischen 1956 und 2005 baute Amerika 1 500 Malls. Sie waren ein Freizeitvergnügen für die Mittelklasse. Sie waren das Herz der Konsumkultur. Diese Zeiten sind vorbei.

Einst waren die Shopping Malls das Zentrum uramerikanischer Kultur, vor allem auf dem Land und in Kleinstädten im großen, leeren Mittleren Westen.

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Immer mehr Malls in Amerika schließen oder stehen halb leer, weil Kunden im Internet einkaufen. In der Vorweihnachtszeit sind die Shoppingcenter-Besuche von fast 35 Milliarden im Jahr 2010 auf 17,6 Milliarden im vergangenen Jahr gesunken, hat der Marktforscher Shoppingtracker gezählt. Der Online-Handel boomte.

Aus Malls werden Kirchen

Rund 15 Prozent der Einkaufszentren werden in den kommenden Jahren schließen oder anderen Zwecken zugeführt, prognostiziert die Immobilienmarkt-Recherchefirma Green Street Advisors laut der Internet-Nachrichtenseite Business Insider. Aus ihnen könnten dann Büros, Kirchen oder Colleges entstehen. Branchenexperte Howard Davidowitz erwartet sogar, dass die Hälfte der Malls in Amerika bis 2020 scheitert. Richtig Erfolg haben im Moment nur die billigen Discount-Einkaufszentren. Gerade große Einzelhandelsketten wie Macy's und JCPenney kämpfen um Kunden und schließen einen Laden nach dem anderen. Der Einzelhändler Sears, der von Kleidung über Haushaltsgeräte bis zum Rasenmäher so ziemlich alles anbietet, hat seit 2010 schon mehr als 300 große Geschäfte zugemacht. Sie waren es, die Kunden einst in die Malls lockten.

Vier-Sterne-Shopping

Einkaufen mit Wohlfühlfaktor - hilft das im Kampf gegen das Internet? Einzelhändler in München testen es. Die Idee ist einfach: Wer ein Vier-Sterne-Center betritt, soll so empfangen werden, wie er dies von einem Hotel erwartet. Von Katja Riedel mehr ...

Die Unternehmen investieren inzwischen lieber in ihre Online-Auftritte als in neue Mietverträge in Einkaufszentren, sagt der Analyst Brian Sozzi von Belus Capital Advisors. Zumal diese oft einen Laufzeit von 15 Jahren haben. Dieses Jahr erwartet Sozzi einen "Tsunami an Ladenschließungen". Während in Deutschland die Innenstädte verwaisen, weil die Menschen im Internet einkaufen, sind es in Amerika die Shopping Malls. Und weil genug Platz ist in diesem großen Land, aber keiner mehr Geld investieren mag, reißt niemand die alten Konsumtempel ein. Sie bleiben erhalten - als Monumente des Niedergangs.

Doch als solche haben sie viele Anhänger. Es gibt die Internetseite deadmalls.com, hier kann man sogar T-Shirts bestellen mit dem Aufdruck: "Ich liebe tote Malls". Auf einer interaktiven Karte kann man auf die geschlossenen Geschäfte klicken und ihre Geschichten finden, es sind Hunderte. Und bei Facebook gibt es die Gruppe "Dead Mall Enthusiasts". 13 147 Menschen machen mit, es sind morbide Mall-Nostalgiker. "Es gibt da diese ganz bestimmte freudvolle Qualität, die verlassene Gebäude haben - eine Hülle einer vergangenen Existenz, die irgendwie aus irgendeinem Grund auf der Strecke geblieben ist", schreiben die Organisatoren der Gruppe. Die Gründe mögen negativ sein, etwa wachsende Kriminalität in der Gegend oder unfähiges Management, doch das Ergebnis sei für die Mitglieder der Facebook-Gruppe wunderbar. "Wenn andere einen Schandfleck oder Hässlichkeit in vernarbten Schriftzügen und bröckelnden Fassaden sehen, haben Dead Mall Enthusiasts einen anderen Blick."

Die Diskussion bei Facebook ist rege, manchmal treffen sich die Mitglieder sogar im richtigen Leben zur Feldforschung in leeren und halb leeren Einkaufszentren. Sie nehmen das ernst, es ist eine Mischung aus Kunst, Soziologie und Betriebswirtschafts-Fachsimpelei. Sie kommentieren den Lichteinfall und die Fluchtpunkte in den Fotos. Und sie diskutierenden Wandel in Amerikas Einzelhandelswelt. Manche Bilder zeigen jahrzehntealten Verfall, andere demonstrieren Versuche, den Verfall aufzuhalten: verzweifelte Rabattangebote, altmodische Dekoration oder blitzeblank geputzte Böden, auf denen kaum einer geht.

Weniger los als im Death Valley

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Der Parkplatz ist leer, die Tore verrammelt

Dead Mall Enthusiast Nick Farmakis erzählt von einer gemeinsamen Tour der Gruppenmitglieder durch die Charlestown Mall im Örtchen St. Charles im Bundesstaat Illinois: "In den letzten Jahren hat das Einkaufszentrum Sears verloren und konnte das nicht ersetzen. Obwohl noch drei von vier der größten Plätze belegt sind, steht in der Mall fast alles leer." Auf dem riesigen Beton-Parkplatz parkt nur ein gutes Dutzend Autos, die Treppen sind rostig, auf den Bänken sitzen ein paar einsame Rentner. Die Weihnachts-Dekoration steht noch lange nach Weihnachten, neben mit Plastikfolie umwickelten Sesseln, deren Herkunft niemand erklären kann. Auf dem Kinderkarussell fahren keine Kinder. Die meisten Läden sind mit Rolltoren verrammelt. An manchen hängen verblichene Schilder, die verkünden, dass hier bald ein neuer Laden eröffnet. So richtig glaubt das keiner, zumindest keiner der Dead-Mall-Enthusiasten. Von 100 Plätzen für Geschäfte sind nur noch elf belegt. Im Herbst hat ein Investor das Zentrum gekauft und will es wieder aufmöbeln, die Stadt hat Steuererleichterungen zugesagt. Gerade drängen die Immobilienentwickler, die Subvention auf 20 Millionen Dollar aufzustocken, sonst machen sie die Investition wieder rückgängig. Die Renovierung der heruntergekommenen Mall sei teurer als gedacht.

"Das ist ein Alles-oder-Nichts-Angebot", sagt Dan Krausz, ein Mitglied der Gruppe, der Lokalzeitung Daily Herald. "Wir sehen keinen Mittelweg. Radikale Transformation wird kostspielig werden." Als die Mall 1991 eröffnet wurde, war sie noch ein Treffpunkt für die ganze Region. Die Facebook-Kommentatoren sind skeptisch, ob das Einkaufszentrum je zu den guten alten Zeiten zurückkehren kann. "Niemand kann sagen, ob die Pläne je umgesetzt werden", schreibt Farmakis. "Wir sollten diese Mall im Auge behalten."