Einflussnahme auf Bildung Wie Firmen und Verbände Meinungen steuern wollen

Einfluss auf ihre Reputation nehmen auch Banken. Mitarbeiter der Targobank beispielsweise erklären Schülern die Finanzkrise. In den Präsentationsfolien steckt auch die fragwürdige These, eine politische Vorgabe hätte dazu geführt, dass Banken günstige Hypotheken an Amerikaner vergaben, die sich den Kredit eigentlich nicht leisten konnten. Dass sich auch die Citibank, wie die Targobank ehemals hieß, mit in der Finanzkrise mit zweitklassigen Papieren verspekuliert hat, lässt sich daraus nicht ablesen.

In die Klassenzimmer drängen auch die Konzerne Allianz, McKinsey und Grey. Die Initiative "My Finance Coach" bringt nach eigenen Angaben Schülern bei, wie man mit Geld umgeht und wo man es anlegen sollte. Eigentlich nützliches Wissen also. Die Initiative verfolge aber ein klares Gewinninteresse, schließlich profitiere am Ende die gesamte Finanzbranche, wenn Menschen ihr Geld in Kapitalanlagen stecken, sagt der Soziolologie-Professor Hedtke dazu.

Institute und Stiftungen geben zudem Unterrichtseinheiten für Lehrer und Broschüren für Schüler heraus - ohne Qualitätsprüfung und in großen Mengen, wie die die Organisation Lobby-Control in einer aktuellen Analyse hervorhebt. Der VW-Konzern etwa hat das Arbeitsheft mit dem Titel "Mobil im Klimaschutz" entwickelt. Wenig verwunderlich, dass der Autobauer darin nicht vorschlägt, zugunsten des Klimaschutzes mehr Fahrrad zu fahren, wie Lobby-Control anmerkt.

Besonders fleißig produzieren das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), das Institut für ökonomische Bildung der Universität Oldenburg und die wirtschaftsliberale Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Unterrichtsmaterialien. In der Präsentation der INSM zum Kündigungsschutz beispielsweise sollen die Schüler sich nicht nur Gedanken darüber machen, wie sie Mitarbeiter entlassen können, sondern auch wie sie negative Presseberichte über Massenentlassungen ihrer fiktiven Firma mildern können.

Schüler lernen, dass Mindestlohn für Arbeitslosigkeit sorgt

Immerhin scheint der Verband zumindest ansatzweise nachzubessern: Zitierte die Wochenzeitung Die Zeit 2011 noch aus dem Dossier Mindestlohn: "In der Realität hat der Mindestlohn nur eine Folge: Dass noch mehr Menschen arbeitslos werden", verweist der Wirtschaftsverband mittlerweile auf die kontroverse Debatte - und verlinkt zur Gewerkschaft Verdi. An anderer Stelle allerdings werden die Befürworter eines Mindestlohns zwar erwähnt, die Kritiker kommen aber sehr viel ausführlicher zu Wort.

Gegen Berichte, wie sie Lobby-Control herausgibt, wehrt sich die INSM. Die Lehrmaterialien würden von Lehrern selbst erstellt, außerdem sei klar erkennbar, dass sie von dem Verband kommen. Auch "Business at School"-Geschäftsführerin Claas betont: Die ehrenamtlichen Betreuer, die Schüler anleiteten, seien zwar Mitarbeiter aus Unternehmen wie Lufthansa oder der Boston Consulting Group. Die Schüler allerdings "identifizieren sich bei dem Projekt nicht mit dem Unternehmen, sondern mit dem Betreuer als Person", so Claas. Werbung werde bei dem Projekt erst recht nicht gemacht, die Schüler könnten selbst entscheiden, welches Unternehmen sie analysierten.

Und natürlich geben auch NGOs, Gewerkschaften wie Verdi oder Stiftungen Unterrichtsmaterialien heraus. In der Broschüre der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zum Mindestlohn etwa liegt der Schwerpunkt auf dessen Nutzen: Er koste keine Jobs und entlaste den öffentlichen Haushalt, heißt es da. Als Diskussionsanstoß werden die Schüler aber auch gefragt, warum ein Mindestlohn so umstritten ist.

Lehrer könnten also Materialien beider Denkrichtungen nutzen. Allerdings bieten die arbeitgebernahen Verbände sehr viel mehr Themen und Broschüren. Lobby-Control argumentiert, dass die finanziell gut ausgestatteten Wirtschaftsverbände sich stärker in Bildung einbringen könnten als andere Interessensgruppen.

Um die Lehrmaterialien nicht einfach ungefiltert Schülern vorzusetzen, fordert die Anti-Lobby-Organisation eine staatliche Beobachtungsstelle. Sie solle zwar nicht alle Materialien prüfen, aber einen kritischen Umgang mit den Unterrichtsmaterialien fördern. Es ist eine von vielen politischen Forderungen zu diesem Thema. Hinter ihnen verbergen sich letztlich Defizite unseres Bildungssystems. Denn schließlich nutzen Lehrer kostenlose Broschüren vor allem dann, wenn anderes Lehrmaterial nicht ausreicht.

Die Recherche zum Schulsystem: Bildung, wie wir sie brauchen

"Welche Bildung brauchen unsere Kinder wirklich?" - das wollten unsere Leser in der zweiten Runde von Die Recherche wissen. Mit einer Reihe von Artikeln versuchen wir diese Frage zu beantworten.