Mit Martin Winterkorn hievt VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch einen treuen Wegbegleiter auf den Wolfsburger Chefstuhl.
Der ,,Alte'' hat sich wieder mal durchgesetzt und alle überrascht. Ferdinand Piëch, der fast zehn Jahre lang den größten europäischen Autohersteller führte bevor er den Posten 2002 an Bernd Pischetsrieder übergab und in den Aufsichtsrat wechselte, hatte schon lange den Plan, Martin Winterkorn zu befördern.
Unterhält sich am liebsten mit Autoingenieuren: Martin Winterkorn. (© Foto: AP)
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Seit einigen Jahren werkelt der umtriebige Österreicher von seinem Wohnsitz in Salzburg aus daran, seinen alten Wegbegleiter zum VW-Chef zu machen. Winterkorn tickt wie Piëch, ist ein lupenreiner Autoingenieur und dazu erfolgreich. Das will etwas heißen.
Piëch hat viele seiner Weggefährten im Laufe der Zeit entweder vertrieben oder gefeuert. Zuletzt hat Winterkorn bei der Ingolstädter VW-Tochtergesellschaft Audi bewiesen, was er kann. Unter seiner Regie war Audi einer der Hauptgewinnbringer des schlingernden Konzerns.
Einen solchen Mann zum Chef von Volkswagen zu machen, kann kein Fehler sein. Der 59-Jährige gehört zu den wenigen Menschen, denen Piëch traut und auf deren Loyalität er zählen kann. Anfang des Jahres hatte es schon einmal so ausgesehen, als könnte sich Winterkorn auf den Chefposten in Wolfsburg freuen.
Der gebürtige Leonberger, der nicht nur schwäbelt sondern auch stark nuschelt, der sich am liebsten mit Autoingenieuren unterhält und der gar nichts vom manchmal notwendigen staatsmännischen Gehabe eines Konzernchefs hat, hatte schon im Frühjahr die Chance, Pischetsrieder in Wolfsburg zu beerben.
Damals hatte sich Piëch mit einer gezielten, aber ungewöhnlichen Bemerkung über den amtierenden VW-Chef Pischetsrieder geäußert. Dessen Vertragsverlängerung, die im Mai dieses Jahres anstand, sei noch keineswegs ausgemacht, teilte Piëch mit.
Es gebe im Konzern, vor allem bei den Belegschaftsvertretern zu viele Vorbehalte gegen den Konzernchef. Winterkorn war damals klug genug, nicht aus der Deckung zu kommen. Aber eigentlich fühlte er sich in Ingolstadt unter Wert verkauft. Er wollte mehr. Und sein Mentor hat ihn immer wieder darin bestärkt, dass er es noch schaffen wird.
Im Frühjahr klappte es nicht, aber Pischetsrieder war angezählt. Offenbar hat Piëch seinem Nachfolger nie verziehen, dass er etliches bei VW änderte, was dem Alten wichtig war, zum Beispiel dessen Modellpolitik oder dessen so genannte Plattformstrategie, die dazu führte, dass alle Autos im Konzern sich erstaunlich ähnlich sahen, auch wenn sie unter verschiedenen Marken liefen.
Aber Pischetsrieder fand im Aufsichtsrat noch einmal genügend Unterstützung. Es sah so aus, als sei Winterkorns Traum, doch noch als erster Mann nach Wolfsburg zurückzukehren, endgültig vorbei. Aber Winterkorn, der die Hoffnung auf Wolfsburg offenbar nie aufgegeben hatte, wird ebenso leicht unterschätzt wie die Fähigkeit Piëchs, bei VW seinen Willen durchzusetzen.
Im Februar hatte der Audi-Chef in einem Interview noch sybillinisch geantwortet, eine übergreifende Aufgabe bei VW sei ,,zurzeit'' kein Thema. Nun ist seine Zeit gekommen.
Zwei Autonarren
Winterkorn und Piëch kennen sich aus gemeinsamen Tagen bei Audi. Für beide ist die Qualifizierung als Autoverrückte keine Beleidigung. Piëch, der 1993 gerade zum Audi-Chef berufen worden war, setzte den promovierten Metallphysiker als Chef der Qualitätssicherung ein.
Schon zuvor war Winterkorn ein enger Mitarbeiter Piëchs, der die oft anspruchsvollen Ideen seines Vorgesetzten zu dessen Zufriedenheit umsetzte. So wurde Winterkorn ein Teil der Erfolgsgeschichte des Ferdinand Piëch, der die alte Biedermarke Audi in wenigen Jahren als dritte deutsche Premiummarke neben Mercedes und BMW etablierte.
Und so ist es kein Wunder, dass Winterkorn auch nach Wolfsburg ging, als Piëch dort Konzernchef wurde. Wieder war Winterkorn für Qualitätssicherung zuständig. Und er stieg weiter auf, bis er im Jahr 2000 das zuvor von Piëch nebenbei mitgeleitete Ressort Forschung und Entwicklung übernahm.
Das war ein Vertrauensbeweis erster Güte, denn Piëch traut nur wenigen eine so wichtige Arbeit zu, die er eigentlich selbst am besten beherrscht. So wurde Winterkorn zum Kandidaten für den VW-Chefposten. Doch wieder einmal kam alles anders.
Piëch hatte den bei BMW über das Rover-Debakel gestürzten Bernd Pischetsrieder zuerst in den Wolfsburger Vorstand geholt und später zu seinem Nachfolger gemacht. Winterkorn ging nach Ingolstadt. Er konnte dort mit neuen Modellen und hervorragenden Zahlen brillieren, während sich dem neuen VW-Chef in Wolfsburg Probleme in den Weg stellten, für die Winterkorn eine Mitverantwortung trägt.
Die hohen Kosten in der Produktion, die Überzüchtung des derzeitigen Golfs, die das Wolfsburger Flaggschiff teuer machte und schwer verkäuflich, gehen genauso auf das gemeinsame Konto von Piëch und Winterkorn wie das Luxusauto Phaeton, das sich als Ladenhüter erwies und offenbar nur den Zweck hatte, den ehrgeizigen Ingenieur Piëch auch noch zum Schöpfer eines Luxusautos zu machen, das es technisch mit den etablierten Edelkarossen aus München und Stuttgart aufnehmen kann.
Bleibt die Frage, wie sich der Autonarr Winterkorn in Wolfsburg mit Wolfgang Bernhard verträgt, dem gescheiterten Chrysler-Manager, den Pischetsrieder vor zwei Jahren nach Wolfsburg holte, um die angeschlagenen Marke Volkswagen zu sanieren.
Bernhard genoss nie das Vertrauen der Gewerkschaften. Für die Belegschaftsvertreter war Bernhard immer zu forsch und zu leicht bereit, viele Arbeitsplätze zu streichen. Da die IG Metall einen traditionell guten Draht zum ,,Alten'' hat, könnten nun auch für Bernhard die Zeiten schwer werden.
(SZ vom 8.11.2006)
Streit um Parteispitze bei der Linken