Alfred-Nobel-Gedächtnispreis Wirtschaftsnobelpreis für Forschung zur Verhaltensökonomie

  • Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Ökonomie geht an den US-Amerikaner Richard Thaler.
  • Er gilt als einer der weltweit führenden Verhaltensökonomen und beriet einst Barack Obama.
  • Die Auszeichnung geht jedoch nicht wie die anderen Nobelpreise auf das Erbe des Schweden Alfred Nobel zurück und ist deswegen umstritten.

Der Wirtschaftsnobelpreis geht in diesem Jahr an den US-Amerikaner Richard Thaler​ für seine Arbeit zur Verhaltensökonomie. Das hat die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften bekannt gegeben. Thaler lehrt derzeit in Chicago und beriet einst unter anderem den früheren US-Präsidenten Barack Obama. In seiner Forschung beschäftigt sich der 72-Jährige unter anderem mit den psychologischen Faktoren, die hinter wirtschaftlichen Entscheidungen stehen.

Anders als in den traditionellen Wirtschaftswissenschaften üblich, nehmen Verhaltensökonomen Entscheidungen der Menschen nicht als gegeben an, sondern versuchen herauszufinden, wie sie zustande kommen. Die wichtigste Konsequenz aus Thalers Arbeit ist deshalb, dass die Ökonomie in ihren Modellen nicht mehr so tun kann, als seien Menschen vollkommen und rational. "Ökonomen gehen davon aus, dass Menschen Gehirne von Supercomputern haben", sagte er einmal. "In Wirklichkeit ist der menschliche Geist eher wie ein alter Apple Mac, langsam und anfällig für häufige Crashs." Thaler forschte auch darüber, welch große Rolle der Wert der Fairness bei menschlichen Entscheidungen spielt.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde der Ökonom bekannt, als er die Idee des Nudging - auf Deutsch: Anstupsen - propagierte: Gemeint sind damit Tricks, die Regierungen, aber auch Firmen anwenden können, um Menschen zu einem gesellschaftlich erwünschte Verhalten zu bewegen, beispielsweise mit dem Rauchen aufzuhören. Thaler bezeichnete solche Methoden als "libertären Paternalismus", der von der Erkenntnis lebe, dass Menschen oft die langfristigen Konsequenzen ihres Verhaltens - also zum Beispiel zu rauchen - nicht absehen könnten. Kritiker werfen Thaler dagegen vor, Nudging laufe auf die Manipulation von Menschen hinaus.

In Chicago arbeitete Thaler unter anderem eng mit dem Psychologen Daniel Kahneman zusammen, der bereits 2002 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat.

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Alfred Nobel klammerte die Ökonomie absichtlich aus

Die Auszeichnung für Ökonomen ist kein klassischer Nobelpreis und bis heute umstritten, weil sie, anders als alle anderen Nobelpreise, nicht auf das Erbe des Schweden Alfred Nobel (1833-1896) zurückgeht. Die schwedische Reichsbank in Stockholm rief den Preis 1968 "im Gedenken an Alfred Nobel" ins Leben, im Jahr darauf wurde er erstmals vergeben. Er ist also eigentlich kein richtiger Nobel-, sondern ein Alfred-Nobel-Gedächtnispreis, auch wenn er wie die anderen Preise von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften vergeben wird.

Dass Alfred Nobel die Ökonomie ausklammerte, als er mit Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden die Kategorien für seinen Preis festlegte, ist jedoch kein Zufall: Er war der Meinung, die Wirtschaftswissenschaften seien zu weich und unpräzise, als dass man sie mit den anderen Disziplinen gleichsetzen könne. Die Ökonomie gehört ihm zufolge nicht zu den Wissenschaften, die "der Menschheit den größten Nutzen" bringen. In einem erst im Jahr 2001 veröffentlichten Brief schrieb er sogar, er hasse die Disziplin "von Herzen".

Umstritten ist der mit acht Millionen schwedischen Kronen (umgerechnet etwa 920 000 Euro) dotierte Preis auch aufgrund der Homogenität der bisherigen Preisträger: Die sind seit der Einführung der Auszeichnung überwiegend US-amerikanischer Herkunft, zudem wurde mit der Amerikanerin Elinor Ostrom im Jahr 2009 bislang nur ein einziges Mal eine Frau geehrt. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass zeitweise auffällig viele Vertreter der eher keynesianischen Denkrichtung ausgezeichnet wurden, dann über längere Zeit wiederum fast ausschließlich neoliberale Ökonomen.

Im vergangenen Jahr ging der Wirtschaftsnobelpreis an den Ökonomen Bengt Holmström und seinen Kollegen Oliver Hart für ihre Pionierarbeit auf dem Gebiet der Vertragstheorie, die heute zu einem zentralen Bestandteil der Wirtschaftswissenschaften geworden ist. 2015 wurde der gebürtige Schotte Angus Deaton mit dem Preis ausgezeichnet. Er gilt als einer der führenden Mikroökonomen, hat sich auf die Themen Armut und Ungleichheit spezialisiert und gilt als entschiedener Gegner von Entwicklungshilfe. 2014 bekam der eher unbekannte französische Industrieökonom Jean Tirole als erster Nichtamerikaner seit sechs Jahren den Preis. Als bislang einziger Deutscher wurde 1994 der Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten ausgezeichnet.

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