Ehrliches Bezahlen Empfundene soziale Nähe verhindert offenbar Betrug

Was der Forscher berichtet, deckt sich mit praktischen Erfahrungen vieler Verkäufer. Blumenhändler Bär hat bei wissenschaftlichen Experimenten auf seinen Feldern herausgefunden: Steht bei der Kasse ein Schild mit einem fröhlichen Gesicht und der Information, dass die Zahlungsmoral bei mehr als 90 Prozent liege, sind die Kunden ehrlicher. Das Gegenteil ist der Fall bei einem traurigen Gesicht und dem Hinweis, dass nur 40 Prozent der Kunden bezahlen. Außerdem hilft es grundsätzlich, wenn Augen in irgendeiner Form abgebildet sind - das erweckt den Eindruck: Ich werde beobachtet. Dies dürfte auch der Grund sein, warum Kunden ehrlicher bezahlen, wenn Felder besonders nah am Hof oder von relativ vielen Häusern umgeben sind - jemand könnte sie sehen.

Die Ursache könnte aber auch sein, dass ihnen dann bewusster ist, wem sie zu wenig bezahlen. Denn empfundene soziale Nähe verringert offenbar Betrug. Auch deshalb stellt Blumenhändler Bär Schilder auf, auf denen steht, dass Tulpenzwiebeln jedes Jahr neu gepflanzt werden und sein Familienbetrieb von den Blumen lebt.

Nach 25 Jahren hat Bär aber vor allem eine Regel verinnerlicht: "Die Ehrlichkeit der Kunden steht und fällt damit, wie einladend man ein Feld gestaltet" - je besser die Blumenauswahl, je schöner die Wege, desto eher hätten die Kunde das Gefühl, dahinter stecke jemand, der sich Gedanken macht und Ehrlichkeit verdient.

"Dagegen kann man nicht mehr anverkaufen"

Diese Methoden funktionieren freilich nicht immer. Nach all den Jahren stehen in Bärs Büro Dosen voller Fremdwährungen, weil manche Kunden mit Münzen aus dem Urlaub bezahlen. Auch Schrauben oder Knöpfe landen in den Kassen. Oder Zettel, dass der Kunde diesmal kein Geld dabei hatte, aber beim nächsten Mal nachzahle. So etwas ärgert Bär, aber das Schlimmste sind nicht einzelne schwarze Schafe. "Die gibt es überall", sagt er, "schließlich gibt es sogar Menschen, die vom Friedhof Blumen klauen." Hohen wirtschaftlichen Schaden richten die an, die im großen Maßstab unehrlich sind - Menschen, die ein halbes Feld abernten und die Blumen weiterverkaufen. Sie machen einen großen Teil fehlender Einnahmen aus.

Auch kleinere Anbieter haben vor allem mit solchen Fällen Probleme. Maik Deseniß betreibt seit 13 Jahren einen Hofladen im Schaumburger Land nahe Hannover. Vor einigen Jahren begann er, eine Kiste mit Lebensmitteln aufzustellen, für Kunden, die es an den Verkaufstagen Freitag und Samstag nicht zu ihm schaffen. Die ersten vier Monate lief es gut. Die Kunden haben weitgehend ehrlich für Kartoffeln und Eier gezahlt. Aber mehrfach wurde die komplette Kiste eingepackt und weggefahren. "Dagegen kann man nicht mehr anverkaufen", sagt er. Deseniß hat einen Automaten aufgestellt, an dem sich die Fächer nur gegen Geld öffnen ließen. "Aber um den regelmäßig zu befüllen und notfalls zu reparieren, hatten wir zu wenig Zeit", sagt er. Mittlerweile befüllt er ihn nicht mehr.

Gleich aufzugeben, ist allerdings nicht nötig. Bär hat es zwischenzeitlich mit Videoüberwachung probiert. Er musste lernen, dass die nicht nur Diebe abhält. Auch Stammkunden wollen nicht beobachtet werden. Stattdessen macht er gute Erfahrungen mit fest installierten Kassen, die abends geleert werden. Und manchmal befindet sich in den Kassen nicht nur Geld. Er findet auch Zettel. Von Menschen, die sich bedanken, dass er auf ihre Ehrlichkeit vertraut.

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