Interview: Edzard Reuter "Heucheln nimmt in der Wirtschaft überhand"

Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter, einst mächtigster Industriemanager Deutschlands, hält der Republik den Spiegel vor. Ein Gespräch über Gier und Geld, Volk und Politik, Integration und Stuttgart 21.

Interview: Melanie Ahlemeier, Hans-Jürgen Jakobs und Marcel Kammermayer (Video)

Er wirkt fit und asketisch wie eh und je in seinem Betonhaus in einem Stuttgarter Vorort, und nur noch ein Porzellan-Aschenbecher mit der Aufschrift "Mercedes-Schuhe" erinnert wegen der Namensgleichheit an seine frühere Tätigkeit für Mercedes-Autos. Edzard Reuter, 82, Sohn des legendären Berliner Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter, war als Chef von Daimler-Benz (1987 bis 1995) einst Deutschlands mächtigster Industriemanager. Dann ging er in den Aufsichtsrat und überwarf sich mit Nachfolger Jürgen Schrempp. In die öffentliche Diskussion mischt sich Reuter, ein alter Sozialdemokrat, erst seit kurzem wieder ein. Er veröffentlichte eine "Polemik", wie er das nennt: Stunde der Heuchler - wie Manager und Politiker uns zum Narren halten.

sueddeutsche.de: Herr Reuter, kann man in Deutschland Karriere machen, ohne zu heucheln?

Edzard Reuter: Selbstverständlich. Auch wenn kein Mensch leben kann, ohne zu heucheln.

sueddeutsche.de: Der Weg nach ganz oben ist für Nicht-Heuchler möglich?

Reuter: Warum denn nicht? Es gibt ja nicht nur Konzerne, sondern viele wichtige Familienunternehmen, in denen man nicht hierarchisch hochklettern muss. Nirgendwo gibt es einen Zwang zur Heuchelei. Schlimm wäre es, wenn eine Gesellschaft und insbesondere die Wirtschaft zum Schluss nur noch aus Heuchelei bestehen. Allerdings muss man feststellen: Sie hat überhandgenommen.

sueddeutsche.de: Woran machen Sie diese Tendenz fest?

Reuter: Das blanke Geld hat im Zuge der Globalisierung, nach Ende des Kalten Krieges und mit Durchbruch der Informationstechnologien eine Rolle angenommen, die es früher nie hatte. In der Geschichte der Wirtschaft war Geld nie eine Ware für sich, sondern Hilfsmittel für die aktive Ökonomie. Inzwischen kann man mit dem Zocken mit reinen Finanzprodukten sehr reich werden. Und es heißt seit fast drei Jahrzehnten, ausgehend von den USA: Man muss, darf und soll gierig sein.

sueddeutsche.de: Aber was hat das mit Heucheln zu tun? Die Propagandisten dieses Systems preisen doch ganz offen das Reichwerden.

Reuter: Ja, sicher. Aber die dahinterstehende Behauptung, die Selbstbereicherung diene dem Allgemeinwohl, ist grundfalsch. Dass diese Zockerei in die Katastrophe führt, davor hat niemand laut genug gewarnt.

sueddeutsche.de: Es ist eine Grundannahme der Wirtschaftswissenschaften, dass jeder zunächst einmal seinem Eigennutz nachgeht und so Dynamik entsteht.

Reuter: Ich bin ein absoluter Anhänger dieser Grundidee der Marktwirtschaft, die auf Adam Smith zurückgeht. Alle ernstzunehmenden Philosophen und Ökonomen, die sich mit diesem Thema befasst haben, wiesen aber auch immer wieder auf Grenzen hin, in die jede menschenwürdige Gemeinschaft eingebunden sein muss. Die ungebändigte Schädigung anderer beim Verfolgen eigener Interessen gehört nicht zum Prinzip der Marktwirtschaft. Das passt auch nicht zur Freiburger Schule des Ordoliberalismus nach dem Zweiten Weltkrieg, den Ludwig Erhard umgesetzt hat. Hier wird, ganz im Gegenteil, ein Rahmen von Gesetzen und Regeln gefordert.