Durchbruch für den Umweltschutz Kleenex wird sauber

Vom Umweltsünder zum Umweltschützer: Der US-Papierkonzern Kimberly-Clark stellt seine Tücher künftig ohne Zellstofffasern aus Urwaldhölzern her - selbst Umweltschützer sind begeistert.

Von Johannes Boie

Eine Entscheidung mit Symbolcharakter: Der weltweit größte Hersteller von Hygieneprodukten, Kimberly-Clark, verzichtet künftig auf Zellstofffasern, die aus Urwaldhölzern stammen. Der US-Konzern, der in Deutschland mit den Marken Hakle und Kleenex auf dem Markt ist, verbraucht jährlich über vier Millionen Tonnen Zellstoff.

Bis zum Jahr 2011 sollen Produktion und Einkauf des Hygieneprodukt- und Papierherstellers vollständig umgestellt sein. Dann wird Kimberly-Clark seine Produktion ausschließlich mit Recycling-Fasern oder FSC-zertifiziertem Zellstoff bestreiten. FSC steht für Forest Stewardship Council, eine unabhängige Organisation aus Unternehmen, Umweltschützern und Gewerkschaften. Sie hat zehn Kriterien zur nachhaltig ökologischen und sozial verträglichen Waldwirtschaft aufgestellt. Nur wer sie einhält, wird zertifiziert.

Mit der Unterzeichnung eines entsprechenden Abkommens, das von der Umweltschutzorganisation Greenpeace initiiert wurde, hat sich das texanische Unternehmen auch dazu verpflichtet, seine Zulieferer und deren Geschäftspartner im Sinne des Beschlusses in die Pflicht zu nehmen. Gleichzeitig heißt es in dem Dokument, dass bei der Einführung der neuen Regeln stets die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Unternehmens und der Produkte zu berücksichtigen sei.

Schwergewicht der Papierproduktion

"Dass Kimberley Clark sich dem ökologischen Gedanken verpflichtet, ist eine Entscheidung mit Symbolcharakter", sagte Oliver Salge von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Das Unternehmen versorge ein Drittel der Weltbevölkerung mit Hygieneprodukten. "Andere Unternehmen, von denen wir ähnliches fordern, werden sich jetzt fragen, ob sie ihren Einkauf nicht auch umstellen können", sagte Salge.

Weil Kimberly-Clark in der weltweiten Papierproduktion ein Schwergewicht ist, hofft man bei Greenpeace wegen der neuen Einkaufsstrategie des Unternehmens auf einen Boom im Recycling-Geschäft. Der amerikanische Greenpeace-Verantwortliche für den Waldbereich, Scott Paul, sagte, jetzt sei bewiesen, dass ökologisches Handeln und die Zusammenarbeit mit Umweltschutzorganisationen gut für die Erde und gleichzeitig gut für die Wirtschaft sein könnten.

Greenpeace hatte Kimberly-Clark über Jahre hinweg mit der äußerst aggressiven Kampagne "Kleercut" unter Druck gesetzt. Auf Plakaten und Videos wurden die Konsumenten vor dem Kauf der Hygieneprodukte gewarnt: "Wussten Sie, dass es 90 Jahre dauert, eine Schachtel Kleenex-Tücher wachsen zu lassen?", hieß es da in Anspielung auf die Kosmetiktücher des Konzerns, oder: "Kleenex. Wischt uralte Wälder weg." Die Kampagnen-Webseite hat Greenpeace am Mittwoch noch vor der offiziellen Verkündung des Beschlusses durch Kimberly-Clark abgeschaltet. Die Kampagnen-Videos, die sich unkontrolliert durch das Internet verbreiten, wird Greenpeace allerdings nicht mehr stoppen können.

Beitrag zum Klimaschutz

Trotzdem zeigt sich Kimberly-Clark generös. "Wir danken Greenpeace für die Hilfe bei der Entwicklung unserer neuen Standards", sagte die Vizepräsidentin des Unternehmensbereichs Umwelt und Energie, Suhas Apte. Die neue Firmenstrategie beruhe auch auf der Erkenntnis, dass ökologisch korrekt abgebaute Ressourcen der Produktqualität nicht schadeten.

Insbesondere die kanadischen Urwälder werden von dem Beschluss profitieren. Dort werden bislang 700.000 Hektar Wald im Jahr für die Herstellung von Zeitschriften und Toilettenpapier gerodet. Die Existenz der kanadischen Urwälder ist laut Greenpeace für das Überleben des Wald-Karibus, einer Hirschart, und einer Milliarde Vögel existentiell notwendig. Die borealen Wälder Nordamerikas sind außerdem der größte Kohlenstoffspeicher der Erde und könnten daher helfen, den Klimawandel zu mildern. Doch vor allem in den Provinzen Ontario und Quebec sind bereits 80 Prozent des Urwaldes zerstört.

Denn die zellstoffverarbeitenden Industrien legen bis heute wenig Wert auf ökologisch orientiertes Wirtschaften. Neben Nordkanada wird vor allem in Nordeuropa und Asien Kahlschlag betrieben. In Indonesien werden zum Beispiel Regenwaldbäume auf torfhaltiger Erde durch Akazien ersetzt, die innerhalb von zwölf Jahren gerodet werden können. Dadurch wird seit Millionen Jahren im Torf gebundener Kohlenstoff freigesetzt. Indonesien ist deshalb mittlerweile der drittgrößte CO2-Emittent weltweit.