Von Gerd Zitzelsberger

Seit Wochen herrscht im Süden des Landes Dürre, am Pranger steht eine RWE-Tochter - doch auch den Staat trifft eine Mitschuld.

Selbst die Clowns trifft der Bannstrahl: Martin Burton vom Zippos Circus muss sich eine neue Nummer suchen. Denn seinen Mit-Clown mit einem Eimer Wasser übergießen darf er jetzt nicht mehr, und ihn mit dem Schlauch nass spritzen schon gar nicht. Der Grund: Ausgerechnet in England, das für Regen und feuchte Luft bekannt ist, herrscht Dürre - jedenfalls im Süden des Landes.

Pinguin  im Londoner Zoo; Reuters

Kostbares Nass: Ein zehn Wochen alter Pinguin nach seinem ersten Bad im Londoner Zoo. (© Foto: Reuters)

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Die Wasserknappheit im Raum London und einigen Landstrichen südlich der Hauptstadt geht so weit, dass die Wassergesellschaft Thames Water, derzeit noch eine Tochter des RWE-Konzerns, jetzt die Behörden um weit reichende Verbote gebeten hat: Ihren Rasen dürfen die Londoner schon seit acht Wochen nicht mehr per Wasserschlauch gießen.

Jetzt soll der "Wasser-Bann", wie die Briten es nennen, noch verschärft werden: Wenn die Behörden dem Antrag der RWE-Tochter stattgeben, werden die Londoner auch ihre Autos nicht mehr waschen dürfen - Spiegel und Scheiben ausgenommen. Zuwiderhandlungen werden mit bis zu 1500 Euro Buße belegt - zum Vergleich: Schwarzfahren im Bus kostet 7,50 Euro. Vor allem Unternehmen, die Wasser in großen Mengen verbrauchen, müssen sich auf Einschränkungen bis hin zur Produktionsstilllegung gefasst machen. Selbst die Tennis-Elite muss fürchten, Ende des Monats in Wimbledon auf braunem Rasen zu spielen.

Über die Ursachen des Wassermangels gehen die Ansichten auseinander: Unstrittig ist, dass es in den vergangenen Monaten ungewöhnlich wenig geregnet hat. Seit 1897, so die Statistiker, habe es nur zwei Jahre gegeben, die trockener waren als 2005.

Und seit einigen Tagen scheint jetzt auch noch die Sonne beinahe wie am Mittelmeer; das Thermometer ist bis auf 31 Grad geklettert - eine Temperatur, die normalerweise selbst im August nur selten erreicht wird. Das Grundwasser, das wichtigste Reservoir der Wasserversorgung in Süd-England, hat einen Tiefstand erreicht wie seit langem nicht mehr.

Trockener noch als in Madrid oder im Sudan sei das Klima in London, verkündet die RWE-Tochter, die größte Wassergesellschaft des Landes, dieser Tage in Werbespots. Das stimmt sogar - wenn man nur hinreichend kreativ mit der Statistik umgeht: Die acht Millionen Londoner leben auf so engem Raum, dass pro Einwohner gerechnet die Niederschlagsmengen in der Hauptstadt tatsächlich niedriger sind als in Madrid.

Am Wetter allein allerdings liegt der Wassermangel nicht: Die Engländer bekommen jetzt zu spüren, dass über Jahrzehnte hinweg zu wenig in das Leitungsnetz, in Reservoirs und die Wasseraufbereitung investiert wurde. Manche Rohre liegen seit viktorianischen Zeiten im Boden. Die Folge sind enorme Verluste durch Rohrbrüche und Lecks.

Am Pranger der britischen Öffentlichkeit steht dabei in erster Linie die RWE-Tochter Thames Water: Nach Feststellungen der Regulierungsbehörde Ofwat verliert sie 915 Millionen Liter Wasser am Tag - ein Drittel dessen, was sie aus dem Boden pumpt. Gleichzeitig aber, so verkünden die britischen Zeitungen, macht das Unternehmen hohe Gewinne.

Die niedrigen Investitionen kommen freilich nicht von ungefähr: Erst hat über Jahrzehnte hinweg der Staat die Wasserversorgung verkommen lassen. Und nach der Privatisierung achtete die Regulierungsbehörde vor allem auf niedrige Preise statt auf Investitionen. Wasser, so der frühere Glaube in England, gibt es genug. Bis heute haben deshalb viele Häuser nicht einmal einen Wasserzähler.

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(SZ vom 13.6.2006)