Dürre in Indien, Russland und den USA Furcht vor Hungerrevolten

Hohe Lebensmittelkosten gelten als eine der Hauptursachen für die Aufstände im arabischen Raum. Diesen Sommer zerstörte Trockenheit große Teile der Getreideernten in Indien, Russland und den USA - Mais und Soja werden deswegen zu Rekordpreisen gehandelt. Die G-20-Staaten wollen jetzt Panikreaktionen vermeiden.

Von Silvia Liebrich

Es ist eine besonders heikle Reise, die US-Präsident Barack Obama in dieser Woche hinter sich bringen muss: Seine Wahlkampfauftritte im Bundesstaat Iowa dürften mit zu den schwierigsten des Sommers gehören. Iowa ist das Rückgrat der amerikanischen Landwirtschaft, und die Farmer dort leiden unter der schlimmsten Dürre seit mehr als 50 Jahren. Sie erwarten von ihrem Präsidenten schnelle und unbürokratische Hilfe - und die werden sie vermutlich auch bekommen, denn für Obama zählt im Kampf um das Weiße Haus jede Stimme.

Klare Position muss der Präsident aber auch in der Frage beziehen, ob das Land weiter an seiner umstrittenen Biosprit-Politik festhalten will. Immerhin 40 Prozent der US-Maisernte landen im Tank und nicht auf dem Teller.

Nicht nur die USA müssen in diesem Jahr wegen Trockenheit mit deutlichen Ernteausfällen bei Mais, Weizen und Soja rechnen. Auch in Indien, Russland und der Ukraine vertrocknet das Getreide auf den Feldern.

Die sich abzeichnende Krise an den Agrarmärkten hat nun auch die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G 20) alarmiert. Frankreich und die USA wollen möglichst schnell einen Krisengipfel einberufen, um die negativen Folgen steigender Nahrungsmittelpreise abzufedern. Beide Länder würden die Entwicklung der Getreidepreise intensiv beobachten, erklärte Frankreichs Agrarminister Stephane Le Folle am Montag in Paris. Sollte sich die Lage in den USA und Russland weiter verschlechtern, werde das G-20-Forum angerufen. Ein Termin könnte dann kurzfristig für Ende September, frühestens Anfang Oktober angesetzt werden, hieß es.

An den Rohstoffbörsen erzielen Mais und Soja in diesen Tagen Rekordpreise. Weizen liegt nur knapp unter seinem vor vier Jahren erreichten Hoch. Die Angst vor neuen Hungerrevolten wächst. Als die Lebensmittelpreise 2007/2008 Höchststände erreichten, gingen die Menschen in vielen ärmeren Ländern auf die Straße. Stark verteuerte Nahrungsmittel gelten als eine der Hauptursachen für die Aufstände im arabischen Raum, die in Ägypten und Tunesien sogar zum Sturz der Regime führten.

Erklärtes Ziel der G-20-Staaten ist es, Panikreaktionen wie vor vier Jahren zu verhindern. Länder wie Indien, China und Russland hatten damals Exportverbote für Getreide und Reis verhängt, um die Versorgung ihrer Bevölkerung zu sichern. Das verknappte Angebot trieb die Preise an den Börsen aber nur noch weiter nach oben.

In Westafrika hungern 18 Millionen Menschen

Zwar haben die G-20-Staaten und die Welternährungsorganisation FAO nach diesen Erfahrungen eine Art Frühwarnsysteme eingerichtet. "Aber das beste Frühwarnsystem hilft nichts, wenn die Politik nicht reagiert", sagt der Hohenheimer Agrarökonom Detlef Virchow. Bestes Beispiel dafür sei die Hungersnot in Westafrika, die zwar rechtzeitig erkannt, aber nicht entschieden bekämpft worden sei. Von der Krise sind derzeit mehr als 18 Millionen Menschen in der Sahelzone betroffen.

Die Dürre in den USA belastet die Agrarmärkte schwer. Das Land ist einer der größten Produzenten von Mais, Weizen und Soja und der wichtigste Lieferant für den Weltmarkt. Nur zehn Prozent der Getreideproduktion rund um den Globus wird überhaupt an den Börsen gehandelt. Doch allein die Maisernte wird nach den jüngsten Angaben des US-Agrarministeriums 2012 mindestens um 17 Prozent geringer ausfallen. Eine Anbaufläche, so groß wie Belgien und Luxemburg, wurde durch die Dürre komplett vernichtet.

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