Drogeriekette Schlecker "Das ist eine einmalige Schweinerei"

Neue Märkte, weniger Lohn: Die Gewerkschaft Verdi wirft Schlecker vor, in einzelnen Filialen die Löhne dramatisch zu drücken.

Von Thomas Öchsner

Anton Schlecker, 65, ist einer der erfolgreichsten deutschen Unternehmer. Mit seiner Frau Christa leitet der Milliardär Europas größte Drogeriekette mit 10.000 Filialen und mehr als 30.000 Mitarbeitern in Deutschland.

In letzter Zeit hatte der Drogeriekönig aber einige Probleme: Konkurrenten wie Rossmann punkteten mit großzügigeren Geschäftsräumen, mehr Eigenmarken, besserem Service und schnappten dem Branchenführer so Marktanteile weg.

Mehr Einkaufsflair in größeren XL-Märkten lautet deshalb auch die Devise bei Schlecker. Nach Ansicht der Gewerkschaft Verdi geht dies jedoch auf Kosten der Mitarbeiter. Sie wirft dem Konzern vor, die Frauen in den Verkaufsstellen systematisch in die Leiharbeit zu drängen und dabei bestehende Gesetze zu missbrauchen. "Was bei Schlecker im Moment passiert, ist eine Schweinerei, die bundesweit in dieser Form einmalig ist", sagt Achim Neumann von Verdi.

Lohn halbiert

Schleckers neue Geschäftsstrategie funktioniert so: Der Konzern macht alte AS-Filialen dicht und eröffnet neue großzügigere XL-Märkte. Die Mitarbeiterinnen dort verdienen aber nach Angaben von Verdi ungefähr nur noch halb so viel. "Das Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz wird benutzt, um die Löhne zu drücken", sagt Gewerkschaftssekretär Neumann.

Als das Gesetz unter der rot-grünen Regierung liberalisiert wurde, sollte dies Unternehmen helfen, Auftragsspitzen mit Leiharbeitskräften schneller abarbeiten zu können. Ganz anders bei Schlecker: Der Konzern hat für die neuen XL-Märkte eine eigenständige GmbH gegründet. Vorteil Nummer eins: Der Kündigungsschutz ist dadurch ausgehebelt, weil das neue Unternehmen die alten Mitarbeiter nicht übernehmen muss.

So argumentiert zumindest Schlecker. Vorteil Nummer zwei: Für die neuen Großmärkte gelten nicht mehr die bisherigen Tarifverträge. Sie können deshalb neue Mitarbeiter von einer Verleihfirma ausleihen und zu schlechteren Konditionen beschäftigen. "Die alten Mitarbeiter werden genötigt, weil Schlecker sie vor die Wahl stellt, entweder ihren Arbeitsplatz ganz zu verlieren, einen Job in einer alten Filiale anzunehmen, die für die Frauen viel zu weit weg ist, oder bei der Verleihfirma zu arbeiten", sagt Neumann.

Partner von Schlecker ist dabei die Firma Meniar ("Menschen in Arbeit") in Zwickau. Geschäftsführer des Verleih-Unternehmens ist Alois Over. Er war jahrelang Personalmanager bei Schlecker. Meniar zahlt einen Tariflohn, den der Arbeitgeberverband AMP mit einem Ableger des Christlichen Gewerkschaftsbundes ausgehandelt hat.

"Das ist doch perfide"

Die Stundenlöhne bewegen sich dort bei 6,50 bis sieben Euro. Bisher orientierten sich die Löhne in Schlecker-Filialen am Einzelhandelstarif (im Schnitt 12,71 Euro). Außerdem gibt es weniger Urlaubstage und kein Weihnachts- und Urlaubsgeld. Meniar habe an Schlecker bereits 4300 Leiharbeiter vermittelt. Etwa 1800 Mitarbeiter hätten ihren Job verloren und 800 AS-Filialen seien bereits geschlossen worden, sagt Neumann. Er hat auch erfahren, dass Mitarbeiter beim Einstellungsgespräch aufgefordert werden, ihren Niedrig-Lohn durch Hartz IV aufzustocken. "Das ist doch perfide, wenn der Steuerzahler das Lohndumping bei Schlecker subventioniert." Schlecker weist diese Vorwürfe zurück: Von Niedriglöhnen könne keine Rede sein. Eine Zusammenarbeit mit Personaldienstleistern wie Meniar sei "weit verbreitet". Auch dass Arbeitsverträge befristet werden, sei in der deutschen Wirtschaft "vollkommen normal".

Trotzdem landete das Thema bereits im Bundestag: Sabine Zimmermann, Abgeordnete der Linken, fragte nach, was die Regierung von den Praktiken bei Schlecker halte. Hans-Joachim Fuchtel, Staatssekretär im Arbeitsministerium, sagte: "Die Bundesregierung ist kein Forschungsinstitut, dessen Aufgabe es wäre, solchen Einzelfällen nachzugehen."