Doku über Geisterstädte in Spanien "Das ist das Irrsinnige: Was da steht, sind Träume"

Sesena - einer der zahllosen Geisterorte in Spanien.

Ende eines Booms: Tausende neuer Wohnungen stehen in dem Krisenland Spanien leer. Im Interview erklärt Regisseur Gereon Wetzel seine Erlebnisse in den Geisterstädten und wie dort die Zukunft aussehen soll.

Von Hans von der Hagen

Was war da los in Spanien zur Jahrtausendwende, als ein ganzes Land nur noch an Wohnungen dachte?

Der Münchner Regisseur Gereon Wetzel konzentriert in seinem Film "Häuser für alle" die Erklärung in einem Zitat des schottischen Schriftstellers Charles Mackay. Der hatte in seinem Buch "Zeichen und Wunder. Aus den Annalen des Wahns" im Jahr 1852 geschrieben: "Ganze Staaten leben plötzlich nur noch auf ein Ziel hin und werden bei dessen Verfolgung schier verrückt; Millionen von Menschen sind gleichzeitig von einer und derselben Wahnidee besessen und laufen ihr so lange nach, bis eine neue Narretei noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht."

Heute ist der Wahn weitgehend vorbei, doch nun finden sich überall in Spanien die Folgen der Unbesonnenheit: Orte, die für viele Menschen gedacht waren, nun aber zu Geisterstädten verkommen sind.

Ein Gespräch mit Gereon Wetzel, der in diesen Orten gefilmt hat. Der Film ist auf DVD erhältlich.

SZ.de: Spaniens Geisterstädte sind zur Attraktion geworden. Woher kommt diese seltsame Faszination?

Gereon Wetzel: Weil der Mensch eine Spur hinterlassen hat, aber selbst nicht mehr vorhanden ist. Darum wirkt in dieser leergefegten Umgebung das Alleinsein so stark. Gerade Filmer lieben die Leere - wie auch in "I am Legend", in dem Will Smith durch das verwaiste New York rennt. Es ist eine große Kraftanstrengung, sich diese Städte belebt vorzustellen. Hinzu kommt: Man spürt die Zeit stärker, weil der Mensch an diesen Orten eben nicht die Spuren des Verschleißes und der Verwüstung verwischt. In enormem Tempo erobert sich die Natur solche Räume zurück.

Die unheimliche Stille von Valdeluz

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Andererseits sind es keine Ruinenstädte. Die Wohnungen und Häuser sind attraktiv gestaltet und laden zum Einzug ein ....

Das ist das Irrsinige: Was da steht, sind Träume. Viele Menschen haben sich die Städte angeschaut, auf Plänen oder in einer schicken 3-D-Animation im Internet. Dort wird ihnen gezeigt, wie sie leben könnten. Jetzt sieht man diese Bauten entweder im halbfertigen Zustand oder auch nur als Plan, weil lediglich das Straßensystem schon vorhanden ist. Darum steckt in diesen Orten gleichzeitig Trostlosigkeit und Hoffnung.

Wie viele Geisterstädte gibt es in Spanien?

Das ist kaum zu sagen. Auf einem Filmfestival wurde ich gefragt, wie ich all diese Städte gefunden hätte. Aber es ist umgekehrt schwer, sie nicht zu finden. Man fährt durch Spanien und sieht allerorten solche Unternehmungen. Ich nenne es Unternehmungen, weil es nicht immer Städte wie Valdeluz oder Seseña sind, sondern beispielsweise auch Flughäfen.

Gleicht da ein Ort dem anderen?

Nein, jeder ist anders. Es gibt Touristenkomplexe mit Hotels im Disney-Look mit venezianischen Kanälen oder Eiffelturm. Und dann gibt es die Städte, in denen der Traum vom Eigenheim mal luxuriös, mal einfach verwirklicht werden sollte. Und auch wenn sie zuweilen mitten in der Landschaft zu liegen scheinen - sie sind eigentlich immer an die Ballungszentren angeschlossen. Sie entsprechen dem klassischen Entwurf der Schlafburgen, wie sie in Deutschland als Satellitenstädte in den sechziger Jahren entstanden.

Nur dass sie zumindest von außen wesentlich attraktiver aussehen ...

Die wirken sehr proper, vor allem die vielen Reihenhäuser, die meist in der Nähe eines Golfplatzes liegen und in dem typischen kastilischen oder andalusischen Landhausstil gehalten sind. Doch der Schein trügt auch: Von innen sind sie oft extrem beengt und pisselig. Und so bleibt für die Besitzer ein schaler Eindruck: Ja, man hat ein Reihenhaus, aber letztlich eben auf einem Kartoffelacker.

Sie zitieren in ihrem Film den früheren spanischen Ministerpräsidenten José Aznar mit den Worten: "Wir bauen im nächsten Jahr 650.000 neue Wohnungen in Spanien. Mehr als Frankreich und Deutschland zusammen." Gesagt hat er das Ende 2003. War der Bedarf an Wohnungen derart groß?

Das Eigenheim ist in Spanien wichtiges Detail eines gelungenen Lebens - wie auch in Deutschland. Hinzu kommt aber: Der Mietmarkt ist relativ klein und ziemlich ruppig. Es gibt viel weniger Mieterschutz. Darum ist der Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum groß. Und man muss ja auch sagen: Das Land hat zunächst vom Boom profitiert. Spanien war der Tigerstaat Europas, in den alle größtes Vertrauen hatten. Gerade Deutschland hat ein unglaublich gutes Bild von Spanien transportiert. Doch die Geisterstädte und die Misere, die sich uns heute zeigt, belegen, dass der Wohnungsbau zur wirtschaftlichen Monokultur wurde.

Wie geht es in diesen Städten weiter?

Es findet dort ein seltsamer Kreislauf statt. Viele Wohnungen, die zunächst von Banken finanziert durch einen Bauunternehmer verkauft wurden, gingen irgendwann zurück an die Banken, die sie nun selbst verkaufen. Zwar ziehen Menschen dorthin, aber eben nicht so wie geplant. Vorerst bleiben die Geisterstädte so, wie sie sind - eine Mixtur von erschlossenen Grundstücken, Rohbauten sowie fertigen Wohnungen und Häusern. Oft haben die Orte nur einen Bruchteil der ursprünglich geplanten Größe, es sind Provisorien und keiner weiß, wann sich dieser Zustand ändert.

Was denken die Menschen, die jetzt schon dort leben?

Sie hoffen. Typisches Beispiel: Wir trafen einen Engländer in einer dieser Siedlungen mit bewachter Toreinfahrt und dicken Mauern rundherum - viele Wohnungen wurden ja an Briten verkauft. Es war März, kalt und vielleicht zehn Prozent der dort vorhandenen Wohnungen waren belegt. Aber er ging davon aus, dass das noch ein pulsierender Ort wird.

Sind seine Hoffnungen berechtigt?

Oft wollen die Leute einfach nicht wahrhaben, dass sie einen Fehler gemacht haben. Aber wenn man sich die Siedlungen und auch die Verkehrsverbindungen anschaut, dann hat man das Gefühl: Das haut nicht hin. Derzeit zumindest. Valdeluz etwa liegt an einer Bahn-Hochgeschwindigkeitsstrecke. In knapp einer halben Stunde sollte man in Madrid sein. Doch die Rechnung geht vorerst nicht auf. Der Zug hält dort nur wenige Mal am Tag. Diese Städte sind Versprechungen, die nicht gehalten wurden.