Von Michael Bauchmüller

Nach den jüngsten Störfällen hofft die SPD auf eine Trophäe - auf einen Reaktor, der früher abgeschaltet wird als geplant.

Für Ende August müssen sich die vier großen Stromkonzerne einen Termin notieren, der ihnen so gar nicht in den Kram passen dürfte. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel will mit ihnen über längere Reaktor-Laufzeiten sprechen - allerdings nur für jüngere Kernkraftwerke.

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Das ist genau das Gegenteil dessen, was die Unternehmen wollen. Die treten zwar auch für längere Laufzeiten ein. Sie wollen aber die älteren Kraftwerke nicht kürzer, sondern länger laufen lassen. Sicherheit sei keine Frage des Alters, heißt es bei den Betreibern, sondern der Sorgfalt. Und vor allem könnten die längeren Laufzeiten den AKWs helfen, die große Koalition zu überleben.

Zauberwort Reststrommenge

Beide Seiten berufen sich auf die Regeln für den Atomausstieg. Als die rot-grüne Vorgängerregierung die Kernkraft im Jahr 2000 zum Auslaufmodell machte, erlaubte sie auch die Übertragung von Reststrommengen. Diese Restmengen regelten, wie lange ein Reaktor noch Strom erzeugen darf.

Vor allem ältere AKWs sollten so rascher vom Netz gehen. Wer ein altes Kraftwerk kürzer laufen lassen wollte, ein neueres im Gegenzug länger, brauchte nicht einmal eine Genehmigung. Für den umgekehrten Fall dagegen verlangte der Gesetzgeber die Zustimmung des Umweltministers.

Genau die haben inzwischen drei von vier deutschen Reaktorbetreibern beantragt. In Hessen will RWE seinen Reaktor Biblis A (in Betrieb seit 1975) länger laufen lassen, mithilfe von Strommengen aus dem bereits stillgelegten Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich.

Der Konzern erhielt eine Absage. In Baden-Württemberg will EnBW den Meiler Neckarwestheim 1 (1976) verlängern, dafür das neuere Nachbarkraftwerk Neckarwestheim (seit 1983 am Netz) verkürzen. Und in Schleswig-Holstein wollte Vattenfall sich ebenfalls Mülheim-Kärlicher Reststrommengen bedienen - für seinen Pannenreaktor Brunsbüttel (1977).

Anti-Atom-Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) signalisierte schon ein Nein. Die Unternehmen wollen sich damit nicht abfinden - und drohen mit Klagen. Schließlich sei in die Anlagen reichlich investiert worden. "Man kann die Sicherheit nicht am Baujahr festmachen", heißt es bei RWE. "Wenn ein Kernkraftwerk nicht sicher ist, wird es abgeschaltet."

Für die Unternehmen wird es langsam eng. Vier der 17 deutschen Kernkraftwerke müssen in den nächsten drei Jahren vom Netz, so will es der Atomkonsens - es sei denn, der Konsens wird ausgehebelt.

Das aber wird in dieser Koalition wohl nicht mehr geschehen - die SPD sieht sich durch die jüngsten Vorfälle eher noch bestätigt im Anti-Atom-Kurs. Bleibt nur die Verlängerung über das Ende der Legislaturperiode hinaus - in der Hoffnung auf atomfreundlichere Nachfolger. Wohl nicht ganz zufällig stehen seit neun Monaten schon die beiden Biblis-Meiler still, offiziell zum Austausch schadhafter Dübel. Beide wären andernfalls 2009 an der Reihe gewesen.

Experten drängeln. "Wer den Grundsatz ,Sicherheit vor Wirtschaftlichkeit' ernst meint, sollte alte Anlagen vom Netz nehmen", fordert etwa Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz. Tatsächlich sind nicht alle deutschen Reaktoren gleich gut. Während neuere Kraftwerke meist sogenannte Druckwasserreaktoren sind, arbeiten die älteren mit Siedewasser.

Der Unterschied: Bei letzteren gibt es nur einen Dampfkreislauf. Das Wasser wird von Brennstäben erhitzt und ist damit kontaminiert. Viel leichter kann hier Radioaktivität an die Außenwelt gelangen. Auch ist in Deutschland der Siedewasserreaktor der Baureihe 69 stark vertreten. Sie galt als besonders kompakt - inzwischen gilt sie als besonders störanfällig.

Brunsbüttel zählt dazu, aber auch der bayrische Reaktor Ohu 1 sowie in Baden-Württemberg Philippsburg 1. Alle drei gehören auch, zusammen mit Biblis, zur Gruppe jener Reaktoren, die nicht besonders gut gegen Terror geschützt sind, zum Beispiel gegen gezielte Flugzeugabstürze. Wie auch: Ende der sechziger Jahre war das einfach noch kein Thema.

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(SZ vom 18.07.2007)