Diktatorenquartett Hitler sticht

Mao zählt mehr als Honecker, und Hitler ist der "Blitztrompf": Das Tyrannen-Kartenspiel verkauft sich hervorragend. Die Staatsanwaltschaft findet das gar nicht lustig - und droht den Herstellern mit Gefängnis.

Von Alina Fichter

Kaum einer, für den sie nicht unvergesslich sind, diese Schulstunden: Der Lehrer kritzelt ellenlange Formeln an die Tafel, man selbst zischt seinem Tischnachbarn zu: "Hubraum?" Der zurück: "20.000 Kubikzentimeter." Triumphierendes Grinsen: "Sticht!" Die Karte wechselt den Besitzer.

Generationen von Kindern spielten Lastwagen-, Flugzeug- oder Auto-Quartette und lernten so in langweiligen Mathe-Stunden einiges über Pferdestärken und Höchstgeschwindigkeiten der Fahrzeuge. Jetzt sorgt ein neuartiges Spiel für einigen Wirbel, ja, man glaubt es kaum: Die Nürnberger Staatsanwaltschaft ermittelt in Sachen Quartett.

Grund dafür ist ein satirisches Kartenspiel, auf dem nicht Autos, sondern die Gesichter der schrecklichsten Tyrannen der Menschheitsgeschichte zu sehen sind: Idi Amin, Saddam Hussein und, natürlich, Adolf Hitler. Auf seinem Kärtchen ist rechts oben, halb verdeckt, ein kleines Hakenkreuz zu sehen. Das sei ein "Symbol verfassungswidriger Organisationen", sagt Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke, es dürfe nicht einfach so abgebildet werden. Möglicherweise sei es zudem illegal, ein Hitler-Foto zu vervielfältigen. "Wir ermitteln aber vor allem wegen des Hakenkreuzes", so Gabriels-Gorsolke.

Für Jörg Wagner, der das Kartenspiel gemeinsam mit einem Freund auf den Markt brachte, kommen die Anschuldigungen überraschend: "Ich fühle mich völlig überrollt", sagt er. Schließlich werde das Spiel seit zwei Jahren verkauft, in ganz Deutschland, und er habe schon viele Messen besucht: "Bisher hat sich noch kein Polizist am Hakenkreuz oder dem Hitler-Foto gestoßen", sagt Wagner, der hauptberuflich Filme macht.

Wohl aber stieß einigen der satirische Humor bitter auf: Denn nicht Hubraum oder Pferdestärke zählen beim Tyrannenquartett; es sticht der Herrscher, der den größten Reichtum erbeutet hat, der sich am längsten an die Macht klammern konnte - und der die meisten Toten auf dem Gewissen hat. Bei Hitler sind es laut Wagners Firma Weltquartett, die das Spiel von Hamburg aus vertreibt, 55 Millionen - der deutsche Diktator ist deshalb der "Blitztrompf", in Anlehnung an die Aussprache des Abgebildeten.

"Wir machen sie lächerlich"

Höchst makaber, so viel steht fest. "Ich kann verstehen, dass das nicht Jedermanns Humor trifft", sagt Wagner, "aber wir glorifizieren die Tyrannen nicht, wir machen sie lächerlich." Das sei schließlich besser, als die Figuren in staubtrockene Geschichtsbücher zu verbannen, zu denen viele Menschen keinen Zugang hätten. "Über so ein Spiel wird der Schrecken doch erst greifbar", so Wagner.

Die Idee war ihm und seinem Geschäftspartner Jürgen Kittel gekommen, als die beiden in der WG-Küche saßen und Musik des Kriegsgegners Bob Dylan hörten. Kittel holte einen Schuhkarton mit alten Quartetten hervor, die er als Schüler gesammelt hatte. "Wir spielten ein paar Stunden Panzerquartett und dachten: Wieso nicht ein Spiel machen mit jenen, die die Panzer lenkten." Das Tyrannenquartett war als Gag gedacht, 2008 brachten die beiden zunächst 1000 Stück heraus - die innerhalb weniger Wochen ausverkauft waren. Also wurde rasch die zweite Auflage gedruckt. Verkauft wird das Spiel vor allem in linken Läden und übers Internet; wie lange noch, ist unklar. Wagner und Kittel droht eine Geldstrafe - oder drei Jahre Gefängnis.

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