Digitalwährungen Das neue Gold

An manchen Geldautomaten kann man die virtuelle Währung Bitcoin in echtes Geld tauschen und abheben - wie hier in Tokio. In Deutschland hingegen kommt man bisher im Alltag kaum mit dem Digitalgeld in Berührung.

(Foto: Yuriko Nakao/Bloomberg)

Die Internet-Währung Bitcoin war schon totgesagt. Doch seit der Wahl in den USA ist sie wichtiger als je zuvor. Warum Anleger in turbulenten Zeiten auf das Online-Geld setzen, obwohl es viele Risiken hat.

Von Kathrin Werner, New York

Amerikaner nennen es die "Trump Bump" - die Trump-Beule. Über Nacht, als die amerikanischen Stimmenzähler die Welt mit Siegen von Donald Trump in einem Bundesstaat nach dem anderen überraschten, stürzten Börsenwerte und Währungskurse ab. Binnen wenigen Stunden brach der mexikanische Peso um mehr als zehn Prozent ein. Zur Eröffnung am Morgen nach der Wahl verlor der deutsche Leitindex Dax 2,9 Prozent. Doch mitten in all dem Chaos gab es eine "Trump Bump" für Bitcoin. Während alles sank und fiel, stieg der Wert der Digitalwährung über Nacht um rund fünf Prozent.

Die Märkte hatten erwartet, dass Trump verliert und reagierten, wie Märkte das nach Überraschungen eben tun: mit Turbulenzen. Normalerweise kaufen Anleger in solchen Situationen Gold. Doch sowohl nach dem Brexit-Referendum als auch in der Nacht der US-Wahl gewann ausgerechnet eine Währung, die für viele Anleger noch immer ein Buch mit sieben Siegeln ist: die Digitalwährung Bitcoin. Es ist eine virtuelle Währung, die weder Zins noch Zentralbank kennt und nur an speziellen Börsen in Dollar, Euro oder reales Geld gewechselt werden kann. Ist Bitcoin das neue Gold?

"Es gibt die sehr reale Aussicht auf Turbulenzen an den Weltmärkten."

Hinter Bitcoin steckt Satoshi Nakamoto, ein geheimnisvoller Programmierer oder eine Programmiergruppe, der 2008 die Idee der virtuellen Währung hatte und die Regeln festlegte, zum Beispiel dass es nie mehr als 21 Millionen Bitcoin geben wird. Bis heute ist unbekannt, wer wirklich hinter der neuen Währung steckt. Die Menge ist begrenzt - wie bei Gold. Anders als "echtes" Geld werden Bitcoin nicht vom Staat gedruckt, sondern mit einem komplizierten Algorithmus von Computern errechnet. "Mining" nennt man das, "schürfen", jeder kann es tun, wenn er einen starken Computer hat. Der Begriff soll an Gold erinnern und nach Zuverlässigkeit klingen. Bitcoin, glauben Fans, könnte für die Finanzwelt das sein, was das Internet für die Medien war: der große Erneuerer, der den alten Giganten Macht abnimmt und an das Volk überträgt.

Doch mit Verlässlichkeit hat der bisherige Kurs der Währung wenig zu tun. Ende 2013 stieg der Preis für ein Bitcoin auf 1300 Dollar - und fiel binnen einem Jahr auf weniger als 220 Dollar. Es gab Probleme mit Hackern und Betrügern. Wer damals dachte, dass Bitcoin Gold als Krisenwährung ablösen könnte, erlebte einen Schock. Bitcoin galt als tot, wurde als notorisch unzuverlässig und als Spielzeug für Technik-Nerds oder Werkzeug für Kriminelle abgeschrieben. Doch in diesem Jahr erlebt die Währung eine Wiederauferstehung. Der Wert ist zuletzt schneller gestiegen als der von Gold. Inzwischen liegt der Wechselkurs bei rund 750 Dollar, nahe am Jahreshoch aus der Brexit-Zeit, beziehungsweise bei rund 700 Euro. Wer seit Anfang 2013 dabei gewesen war, hat bis heute mehr als 500 Prozent gewonnen. Die Stimmen mehren sich, dass Bitcoin nun wirklich seinen Weg macht.

Eine Studie des Recherchehauses Juniper sagte schon im Sommer voraus, dass der Wechselkurs von Bitcoin steigen wird, wenn Trump die Wahlen gewinnt. "Es gibt die sehr reale Aussicht auf Turbulenzen an den Weltmärkten", sagte Juniper-Rechercheleiter Windsor Holden. "Bitcoin würde in einem solchen Umfeld gedeihen, zumindest bis die Auswirkungen auf die wichtigsten Fiat-Währungen klar werden." Fiat-Geld nennt man Papiergeld ohne verbindliche Golddeckung, also zum Beispiel Euro und Dollar. Selbst wenn man die "Trump Bump" hinausrechnet, ist die Zahl der Transaktionen, die Menschen weltweit mit Bitcoin abwickeln, rasant gestiegen. Für dieses Jahr erwartet Juniper einen Gesamtwert aller Bitcoin-Käufe und -Verkäufe in Höhe von mehr als 92 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr waren es weniger als 27 Milliarden Dollar.

Je unsicherer die Zeiten, desto beliebter ist Bitcoin. Das liegt unter anderem daran, dass die digitale Währung unabhängig von Regierungen und politischen Institutionen ist. Sie würde einen Kollaps des Dollars überstehen. Selbst Präsident Trump, der den Freihandel bremsen und die Notenbanken zu Zinserhöhungen drängen will, hat keine Macht über Bitcoin. Auf andere Währungen hingegen kann er indirekt Einfluss nehmen, er hat zum Beispiel verkündet, Druck auf die chinesische Regierung zu machen, den Kurs des Yuan nicht mehr zu manipulieren. Vor allem die Chinesen legen sich derzeit große Bitcoin-Bestände zu, weil der Yuan fällt und sie die Digitalwährung als Zufluchtsort für ihr Geld sehen. Auch in Indien steigt die Nachfrage.

Gerade hat die Kryptowährung noch ein weiteres Seriositäts-Siegel bekommen: Die größte Optionsbörse CME aus Chicago hat Indizes für Bitcoin eingeführt und will so den Preis und die Preisschwankungen transparenter machen. An Handelstagen veröffentlicht die CME nun jede Sekunde aktualisierte Bitcoin-Preise und stützt sich auf Informationen von mehreren speziellen Bitcoin-Börsen. Der CME-Rivale Intercontinental Exchange will bald Bitcoin-Preise in Echtzeit veröffentlichen.

Bitcoin verspricht, Transaktionen billiger zu machen, weil die Technologie sämtliche Mittelsmänner überflüssig macht. Die Technologie dahinter muss man sich vorstellen wie ein digitales Kassenbuch, dessen Kopien auf Tausenden Rechnern liegen. Damit werden Mittelsmänner - wie Banken - überflüssig. Kreditkartengebühren, Kosten für Überweisungen, all das fällt mit Bitcoin weg.

Als Zahlungsmittel setzt sich Bitcoin immer mehr durch. In den USA kann man bereits in Tausenden kleiner Restaurants und Läden damit zahlen. Auch der Elektroautobauer Tesla oder der Online-Händler Overstock.com nimmt das digitale Geld. In London akzeptiert sogar eine Kirche Bitcoin für die Kollekte. Und beim Bahnunternehmen SBB kann man an mehr als 1000 Automaten Bitcoin ziehen, wenn man die passende Smartphone-App dazu hat.

Doch als Anlageobjekt taugt das virtuelle Geld derzeit noch wenig. Denn was den libertären Geistern an Bitcoin gefällt, ist gleichzeitig ein Nachteil: Der Wert hängt nur von den Marktkräften ab, von Angebot und Nachfrage. Bitcoin ist noch immer recht volatil im Vergleich zu anderen Währungen oder zu Gold. Größere Beträge als Geldanlage zu deponieren, ist kaum anzuraten - zumindest noch.

"Das System ist noch sehr unreif", sagte der Autor und New York Times-Journalist Nathaniel Popper, als er im vergangenen Jahr ein Buch zum Thema veröffentlichte. Es heißt "Digital Gold". Popper glaubt, dass sich die Währung - vielleicht in abgewandelter Form - durchsetzt, so wie das Internet sich durchsetzte, obwohl manche Internetfirma unterging. Inzwischen gibt es eine Vielzahl konkurrierender Digital-Währungen wie beispielsweise Ethereum oder die in der Kritik stehenden Onecoins. Und dennoch glaubt Popper, dass der Vorteil von Bitcoin, als erster am Markt gewesen zu sein, für andere schwer einzuholen sein wird.