Digitalisierung Vermessung der digitalen Arbeit

Roboter - hier in einer Ford-Fabrik in Pluak Daeng, Thailand - sind schon lange üblich. Neu ist, dass sich die Maschinen komplett vernetzen.

(Foto: Dario Pignatelli/Bloomberg)

Ministerin Andrea Nahles lässt Vorschläge für neue Regeln für Unternehmen und ihre Beschäftigten erstellen, damit diese sich den neuen Herausforderungen stellen können.

Von Guido Bohsem, Berlin

Die Schritte in diese neue Welt sind klein und auch nicht besonders aufsehenerregend. Und so waren nur eine Handvoll Journalisten erschienen, als Arbeitsministerin Andrea Nahles an diesem Dienstag eine Expertenkommission präsentierte, die dem Schlagwort Digitalisierung der Arbeitswelt ein Gesicht geben soll. Und doch sollen die Fachleute Großes leisten: Ihre Aufgabe ist es, eine Karte zu zeichnen, die Betriebe und Beschäftigte in dieses unbekannte Gebiet der digitalen Arbeitswelt führen soll und die dafür sorgt, dass möglichst keiner verloren geht.

Die 26 Experten aus der Wirtschaft, der Wissenschaft, den Reihen der Gewerkschaften und aus der Politik haben sich vorgenommen, in den nächsten zwei Jahren ganz konkrete Beispiele erarbeiten, wie Unternehmen sich auf die Herausforderung der Digitalisierung vorbereiten können, um nicht den Anschluss zu verlieren. Die Experten sollen klären, welche Arbeitszeiten künftig für die Mitarbeiter gelten, und wann die E-Mail auch unbeantwortet bleiben kann oder gleich das ganze Smartphone aus. Sie erforschen, ob die Google-Brille zur Verbesserung der Arbeit dient oder zur Kontrolle der Arbeitnehmer.

Vergesst Griechenland, kaum ein Thema beschäftigt die Wirtschaft derzeit wie die Digitalisierung!

Wie kann man sich den rasanten Fortschritt der Speicherkapazitäten und die dadurch entstehenden Möglichkeiten zu nutze machen? Wie nutzt man das Internet der Dinge, bei dem Maschinen miteinander übers Netz kommunizieren wie derzeit Menschen für den Betrieb? Können Roboter wegen ihrer wachsenden Rechenleistungen und der verbesserten Sensorik bald Arbeiten übernehmen, die bislang noch gut geschulte Fachkräfte ausüben? Wo bleibt der Mensch?

"Die Digitalisierung ist nur ein Technologieprojekt, sondern ein Projekt, das die gesamte Arbeitswelt drastisch verändert", sagte der stellvertretende IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann, der zusammen mit Nahles die Fachgruppe leiten soll. Es gehe nicht nur um die Frage, wie die Arbeit der Zukunft aussehen könne. Die Experten wollten Antworten geben, wie die Arbeit der Zukunft aussehen solle. Erste Ergebnisse sollen schon im November vorliegen, wenn die Bundesregierung zu ihrem nächsten IT-Gipfel einlädt.

Nach Nahles Worten werde die Arbeit und insbesondere die Arbeitszeit deutlich flexibler werden. Diese Flexibilisierung könne zum Nutzen der Menschen ausfallen, wenn sie dadurch Beruf und Privatleben besser unter einen Hut bringen können. Im Positionspapier der Arbeitsgruppe heißt es aber auch, dass die Digitalisierung auch Verunsicherungen auslösen könne: Furcht vor digitaler Kontrolle, damit verbundenem Leistungsdruck und Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.

In einer viel zitierten Studie der Oxford-Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne heißt es, dass etwa 47 Prozent der Beschäftigten der USA von Robotern ersetzt werden könnten. Es treffe dabei Beschäftigte im Transport- und Logistikwesen, die eben erwähnten Facharbeiter und auch Arbeitnehmer in Bürojobs - Steuerberater, Angestellte von Versicherungen und Banken, um nur ein paar zu nennen.

Nahles hat in der Vergangenheit immer wieder betont, dass sie von solchen Horrorszenarien nichts hält. Sie halte im Gegenteil gerade Deutschland für besonders geeignet, zu den Gewinnern zu gehören, wegen seiner Innovationskraft, seiner gut ausgebildeten Arbeitnehmerschaft und der starken industriellen Basis.

Arbeitgeber wollen die tägliche Höchstarbeitszeit abschaffen

Konkret sollen sich die Experten auf drei Themenfelder konzentrieren. Die Fokusgruppe "Orts- und zeitflexibles Arbeiten" soll ausloten, wie die Forderungen nach mehr Flexibilität vereinbart werden können, die einerseits von den Arbeitnehmern und andererseits von den Arbeitgebern erhoben werden. Hier hat beispielsweise die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in einem Positionspapier deutlich gemacht, dass man das Arbeitszeitgesetz umschreiben müsse. So solle es künftig keine tägliche Höchstarbeitszeit mehr geben, sondern nur noch eine wöchentliche. Dies seit notwendig, weil künftig viel stärker Kommunikation über die Zeitzonen hinweg stattfinden werde. So könne es zum Beispiel vorkommen, dass die gleichen Mitarbeiter am frühen Morgen mit asiatischen Partnern konferierten und dann am Abend noch mal mit den Partnern in den USA sprechen müssten.

Eine weitere Arbeitsgruppe will sich mit dem Thema "Beschäftigung und Weiterbildung" auseinandersetzen. Hier sollen sich die Experten darum kümmern, wie sich die Digitalisierung auf die Beschäftigten auswirkt, welche Tätigkeiten womöglich fortfallen und welche entstehen. Entsprechend wolle man erarbeiten, welche Qualifikationen in Zukunft notwendig sein.

Die dritte Gruppe schließlich ist dem Thema "soziale Schutzstandards" gewidmet. Hier geht es darum, wie der Arbeits- und Gesundheitsschutz in der digitalen Arbeitswelt aussehen muss und wie - Stichwort Datenschutz - die Persönlichkeitsrechte geschützt werden können.