Digitalisierung Ohne Netz geht gar nicht

In Niederbayern im Urlaub und sonst auf Anwerbetour um den IT-Nachwuchs: Doris Albiez, Deutschlandchefin von Dell EMC, warnt, dass manche Firmen die Digitalisierung unterschätzen.

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Doris Albiez, Deutschland-Chefin von Dell EMC, kämpft für eine andere Bildungspolitik, die sich der digitalen Welt stellt und verknüpftes Denken in den Vordergrund rückt.: "Bulimie-Lernen muss aufhören."

Von Helmut Martin-Jung

Doris Albiez kennt ihre Pappenheimer. "Ich höre oft Aussagen wie: 'Das ist auch nur so ein Hype, der wieder vergeht.'" Immer wieder trifft die Deutschlandchefin des amerikanischen IT-Anbieters Dell EMC Mittelständler, die nicht begreifen, was sich gerade tut. Es geht um die Digitalisierung, den großen technologischen Wandel: "Wir laufen in ein technisches Zeitalter hinein", sagt sie, "uns ist oft gar nicht bewusst, wie groß die Schritte sind, die wir schon getan haben." Doch weitere, noch einschneidendere Entwicklungen stünden bevor, "und das alles passiert in einer Geschwindigkeit, die wir uns früher gar nicht hätten vorstellen können".

Albiez sagt zwar, "das Glas wird halb voll sein. Ich bin ein optimistischer Mensch". Doch die Digitalisierung und die damit einhergehenden Entwicklungen wie künstliche Intelligenz würden Jobs kosten, und zwar auch in Berufen, für die es derzeit eine hohe Qualifikation braucht. Das gelte etwa für Medizin genauso wie für juristische Berufe. Zwar habe man bisher aus jedem technologischen Schub immer auch Positives gezogen, aber sie hält es dennoch für nötig, sich bereits Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn tatsächlich sehr viele Jobs wegfallen. Aus diesem Grund ist sie etwa auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Eine Studie, bei der 3800 Entscheider weltweit gefragt wurden, zeigt jedoch, dass viele Unternehmen überhaupt noch nicht wissen, was das für sie bedeutet. "Die einen", sagt Albiez, "sind in vollem Lauf, die leben schon im Wandlungsprozess." Die anderen aber wüssten nicht, was sie mit der Digitalisierung anfangen sollten. "Die denken, wenn sie ihre Lagerhaltung umstellen, sei dies Digitalisierung." Die Top 30 Prozent der Mittelständler, so ihre Erfahrung, machten sich ernsthaft Gedanken. "Die anderen gehen in einer Laissez-faire-Manier damit um." Und das beileibe nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt.

Wo Deutschland allerdings wirklich zurückliegt, ist die digitale Infrastruktur, der Ausbau der Breitbandnetze. Das behindere Unternehmen gerade im ländlichen Raum sehr. "Neulich war ich im Urlaub in Niederbayern", sagt die Münchnerin Albiez, "da hatte ich im Auto eine halbe Stunde lang kein Netz." Politik und Wirtschaft müssten hier kooperieren, um das so schnell wie möglich zu verbessern.

Großen Nachholbedarf sieht die Managerin, die seit 30 Jahren in der IT-Branche arbeitet, auch bei der Bildung. "Es muss mehr darum gehen, dass Zusammenhänge erkannt werden", fordert sie, "das Bulimie-Lernen muss aufhören." In vielen Studiengängen würden wichtige Neuerungen nicht berücksichtigt, sagt sie. "Der Maschinenbau zum Beispiel ist doch heute durchzogen von künstlicher Intelligenz, die Ausbildung müsste da ganz anders sein." Deutschland sei zwar bei der Bildung nicht Schlusslicht, sie werde sich aber bei Treffen mit der Politik und Verbänden in Berlin mit Nachdruck dafür einsetzen, dass sich auch in der Bildung etwas ändere.

Nicht zuletzt im eigenen Interesse, denn ihre Branche tut sich sehr schwer, geeignete Bewerber zu finden. "Die niedrige Arbeitslosenquote ist ein Problem für uns", sagt sie, "wir müssen daher für uns als IT-Industrie werben." Ihr ist auch klar, dass junge Bewerber heute von ihrem Arbeitgeber etwas anderes erwarten als etwa ihre Generation. "Sie denken nicht materiell, die Balance zwischen Beruf und Freizeit ist ihnen wichtig." Unternehmen müssten flexible Arbeitszeiten einrichten und den Arbeitnehmern die Wahl lassen, ob sie an einem Tag zu Hause oder im Büro arbeiten.

Apropos Digitalisierung: Unternehmen, die ihren Mitarbeitern keine zeitgemäßen Smartphones und Laptops zur Verfügung stellten, stünden bei jungen Bewerbern nicht sehr hoch im Kurs. Die Mitarbeiter zufriedenzustellen, das ist Albiez ein wichtiges Anliegen, denn sie weiß: "Digitalisierung, das betrifft nicht bloß die IT, sondern das ganze Unternehmen. Ohne die Menschen aber kann man eine Firma nicht digitalisieren."

Mit der IT müssten also auch die Mitarbeiter sich verändern. Und - ein weiterer wichtiger Punkt - die Sicherheitsvorkehrungen müssen mit der neuen Technologie Schritt halten. Auch Security gehört zum Portfolio ihrer Firma, die aus dem Zusammenschluss zweier Giganten, Dell und EMC, entstanden ist. "Unser angeblich größter Fehler, dass Michael Dell die Firma von der Börse genommen und EMC zugekauft hat, erweist sich heute als unser größer Vorteil", sagt Albiez, "da war Michael Dell sehr weitsichtig." Ihre Firma könne nun für Kunden alles aus einer Hand anbieten. "Wenn Sie ein Problem haben", sagt Albiez, "müssen Sie nur eine Nummer anrufen."