Digitalisierung der Gesellschaft Wer Internet kann, ist privilegiert

Laptops und das Internet sollten die Bildungsunterschiede der Welt ausmerzen - könnten sie aber sogar vergrößern, glauben Forscher.

Von Nils Wischmeyer, Köln

Wer in Stanford studiert, hat es geschafft. Der Ex-Chef von Microsoft, Steve Ballmer, Paypal-Gründer Peter Thiel und auch die Google-Gründer haben die amerikanische Universität besucht. Hier kommen die Besten der Besten zusammen. Oder?

Die beiden Stanford-Professoren Sebastian Thrun und Peter Norvig haben eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen. Statt ihre Vorlesung über künstliche Intelligenz nur vor privilegierten, oft reichen Studenten der Elite-Universität zu halten, boten sie den Kurs auch als MOOC an - als "massive open online course". Das heißt, Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene auf der ganzen Welt konnten die sonst exklusiven Vorträgen umsonst hören, bekamen die gleichen Übungsblätter und konnten sich auf eigens eingerichteten Portalen austauschen. Alles was sie brauchten, war ein Zugang zum Internet.

160 000 Menschen meldeten sie weltweit an, 23 000 bestanden später die Prüfung. Das Verblüffende: Die beste Klausur schrieb Khadija Niazi, ein elfjähriges Mädchen aus Pakistan. Der beste Stanford-Student landete auf Platz 413.

Das war 2011. Seitdem gelten MOOC als das nächste große Ding in der Bildungsbranche. Aus dem einzelnen Kurs in Stanford ist mittlerweile die Vorlese-Reihe Stanford Coursera geworden. 3,6 Millionen Menschen haben sich eingeschrieben. Die amerikanische Eliteuniversität Harvard bietet ein ähnliches Projekt an. Auch in Europa oder Afrika gibt es mittlerweile mehr als ein Dutzend Anbieter.

Spätestens seit Afrika und auch Südostasien dank des Mobilfunks einen immer besseren Zugang zum Internet haben, hoffen viele auf sinkende Bildungsungleichheit. Dank des Internets braucht heute niemand mehr den Zugang zu einer großen Bibliothek oder einer Brockhaus-Ausgabe, um sich Wissen anzueignen. Wissen ist schon lange gratis.

Die MOOC sollten nun der nächste Schritt sein. Statt nur Wissen abzurufen, sollten Studenten es sich auch aneignen und sich damit fortbilden können. Schnell sollten gute Schüler aus Ländern mit mangelhafter Bildungsförderung zu ihren Kommilitonen in Europa oder den USA aufschließen. Die Bildungslücke, so die Hoffnung, solle mit Hilfe der modernen Technik geschlossen werden. Ob das aber tatsächlich passiert, ist mehr als fraglich.

Bereits im vergangenen Jahr untersuchten zwei Professoren die Studenten der Plattform edX, eines MOOC-Anbieters. Das Ergebnis: Die Teilnehmer kamen häufig aus dicht besiedelten Gebieten. Das weise darauf hin, dass die Online-Kurse die abgeschiedenen Gegenden kaum erreichten. Eine andere Studie hatte bereits vor einigen Jahren herausgefunden, dass die meisten Studenten, die Online-Seminare belegt hatten, gut ausgebildet und durchaus wohlhabend waren. Arme und bildungsferne Schichten erreichten die Kurse hingegen kaum.

Wie die Digitalisierung die Gesellschaft trennt: SZ-Serie · Teil 1

Björn Stecher verwundert das nicht. Der Leiter für digitale Innovationen bei D21, einem Netzwerk, das sich für digitale Bildung in Deutschland einsetzt, sagt: "Nur, weil Studenten auf der Welt Zugang zum Internet bekommen, wissen sie nicht, wie sie es bedienen und für sich nutzen können". Oder anders: Nur weil jemand ein Smartphone besitze, wisse er nicht, wie er Bildungsangebote finden und diese nutzen könne. Der Zugang zum Internet und damit zu Wissen sei deshalb ein wichtiger Schritt, um Bildungsunterschiede auch international zu verringern. Gänzlich schließen lasse sich die Bildungskluft dadurch nicht. Das Internet, glaubt Stecher, helfe zwar, das Bildungsniveau grundsätzlich anzuheben. Schüler oder auch Studenten können aber nur bis zu einem gewissen Grad aufholen. "Basiswissen" nennt Stecher das. Weiterführende Kompetenzen, wie etwa die Verifizierung von Quellen oder Prozessdenken, lehre das Internet nicht.

Ganz ähnlich sieht es Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und Strukturanalysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Bildungsunterschiede, so erklärt er es, würden bereits in der frühen Kindheit entstehen. Wolle man also die Bildungskluft bekämpfen, müsse man bereits Schulkinder fördern.

Wichtig sei dabei vor allen Dingen, Kompetenzen zu vermitteln. Dazu gehöre zum einen das Verständnis für Prozesse, zum anderen aber auch der Umgang mit neuer Technik oder dem Internet. "In einer digitalisierten Welt müssen Kinder früh lernen, wie Technik funktioniert und wie sie sie nutzen können", sagt Weber. Das können sie sich kaum selbst beibringen. Ähnlich wie auch bei einem Erlernen einer Sprache oder anderer Kompetenzen bräuchte es dafür Pädagogen, die Kindern und Jugendlichen eben diese Dinge vermitteln. Und genau hier liegt die Krux: solche Lehrer gibt es kaum, weder in Europa, noch in Afrika oder Südostasien.

Weber befürchtet deshalb schon einen gegenteiligen Effekt: Statt Ungleichheit zu verringern, könnte Digitalisierung sie sogar vergrößern. "Wenn nur eine kleine Gruppe diese neuen Kompetenzen und Fähigkeiten erlernt, wird der Rest womöglich langfristig abgehängt."