Digitalisierung Am Wendepunkt

Cisco war einmal das wertvollste Unternehmen der Welt, dann kamen die Krisen. John Chambers hat es immer wieder geschafft. Deutschland rät er: Verschlaft die digitale Revolution nicht.

Von Marc Beise, San Jose

Dieser Mann betritt den Raum nicht, er erobert ihn. Er stürmt herein, den Oberkörper nach vorne geschoben, den Arm mit der Grußhand voraus: "Ich bin John." Noch im Setzen übernimmt er das Kommando: "Was ist die wichtigste Frage, die Sie mir stellen wollen?"

John Chambers hat alles im Griff, und er weiß es. Er lebt es, seit Jahrzehnten. Er ist 66 Jahre alt und machte schon Geschäfte im Silicon Valley, als Facebook, Apple und Google noch gar nicht gegründet waren. Genau genommen machte er nicht nur Geschäfte, er machte auch Furore. Andere haben den Elektronikkonzern Cisco, ohne den das Internet nicht funktionieren würde, 1984 gegründet, ihre Namen muss man nachschlagen, aber seit mehr als 20 Jahren ist Cisco Chambers und Chambers Cisco.

In seiner Amtszeit fand das börsennotierte Unternehmen zu atemberaubendem Wachstum, war im Jahr 2000, wenn auch nur für kurze Zeit, das wertvollste Unternehmen der Welt. Es ging aber auch durch tiefe Krisen, mit Stellenabbau, Umorganisation und Umsatzeinbrüchen. Aber immer war Chambers an der Spitze, und irgendwie ist er das noch immer. Obwohl er doch im vergangenen Sommer den Posten des Vorstandsvorsitzenden weitergereicht hat an seinen Zögling Chuck Robbins, 49, und nun nur noch eine Art Aufsichtsrat ist. Er habe ihm, hieß es, das Eckzimmer des Chefs freigemacht, was schon deshalb nicht stimmt, weil bei Cisco kein Chef ein Eckzimmer hat. Die sechs Vorstände sitzen, wenn sie denn sitzen, in kleinen, fensterlosen Zellen nebeneinander, davor thront je eine Assistentin und dann öffnet sich zur Fensterfront hin, von der kalifornischen Sonne beschienen, ein Großraum für die Mitarbeiter des Vorstandteams.

Das wirkt ein bisschen so wie ein Start-up, wenn es auch längst nicht so wuselig zugeht wie etwa in den Großraumfluchten von Facebook einige Meilen weiter nördlich. Aber das hier ist ja auch ein 30 Jahre alter Konzern, ein Dinosaurier im Silicon Valley, und noch dazu einer, dessen Kunden nicht junge hippe Menschen sind, sondern Industriekonzerne und Regierungen in aller Welt; der Fachmann spricht von "B2B-Geschäft", also Business to Business.

Den Business-Anzug und die Krawatte hat John Chambers heute zu Hause gelassen, er ist leger in Jeans und kariertem Hemd ins Büro gekommen; sicherheitshalber weist er selbst darauf hin. Er kennt sie alle, die Gründer im Valley, und er will einer von ihnen sein, am liebsten aber ihnen voraus. Alle fünf Jahre, sagt er, habe er seine Firma neu erfunden, aber das reiche nicht mehr, jetzt müsse das alle drei Jahre sein, so schnell ticke das Silicon Valley mittlerweile. Also peitscht er Cisco, dieser 70 000-Mitarbeiter-Betrieb mit 50 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, in den nächsten Umbruch.

Immer noch verdient der Computerausrüster sein Geld zu einem guten Teil im Stammgeschäft, es produziert und verkauft Netzwerktechnik, sogenannte Router und Verteilboxen (Switches), auch Telefone und Fernseher und andere Hardware. Aber weder Aufsichtsratschef Chambers noch später Chuck Robbins erwähnen dieses Geschäft im Gespräch überhaupt noch; sie reden ausschließlich über eine Zukunft, die schon so dramatisch nahe sei: das "Internet of Everything".

Da geht es nicht mehr um Computer und Internet und Handys, es geht darum, dass alles verbunden sein wird, zu Hause, im Büro, in den Fabriken, im Auto. Auf der Straße. 50 Milliarden Geräte sollen weltweit bis 2020 miteinander vernetzt sein, eine völlig neue Welt, und ein riesiges Geschäft. Dort will Cisco dann sein Geld verdienen, mit Geräten, klar, aber auch mit Kommunikationssoftware, Sicherheitslösungen, und vor allem als Berater von Unternehmen und Regierungen auf diesem Weg in die Zukunft.

Alles vernetzt: Blick in die virtuelle Realität. Mode ist da auch zu sehen.

(Foto: Tim P. Whitby/Getty)

Das Internet of Everything, diesen Begriff, den Chambers schon bedeutungsschwer im Mund führt, als er dafür verlacht wurde. Das sei vorbei, sagt Chambers, das Jahr 2015 habe die Wende gebracht ("2015 was the inflection year"), und kluge Firmenchefs wüssten, dass es nicht mehr um die Frage geht, ob sich da was ändert und wann, sondern nur noch, ob sie schnell genug reagieren können. "Wir alle haben in der Schule gelernt, linear zu denken", sagt Chambers und zeichnet eine gerade, sacht ansteigende Linie, "alles geht langsam aufwärts. Aber das gilt nicht mehr. Ab jetzt ist die Entwicklung exponentiell" - also steile Kurve nach oben. Wer das nicht begreife, sei verloren. "40 Prozent unserer Kunden", sagt Chambers, "wird es in zehn Jahren nicht mehr geben." Das werden vor allem die sein, die heute gerade erfolgreich sind und deshalb nicht auf die Idee kommen, sich neu zu erfinden.

Was für Unternehmen gilt, gilt auch für Staaten, und gerade erfolgreich, sehr erfolgreich ist bekanntlich die Industrie- und Exportnation Deutschland. Achtung also, Alarmstufe rot!

Die Deutschen hätten die erste Phase des Internets verschlafen, sagt Chambers, seien dann aber gut in Fahrt gekommen. Namentlich Kanzlerin Angela Merkel habe das Thema früh erkannt, vor Jahren schon, die Wirtschaft sei mit "Industrie 4.0", also der Idee der Vernetzung der Maschinen in den Betrieben, auf der richtigen Spur. Überhaupt, Angela Merkel. Sie hat den großen Meister, der so viel auf Worte hält, bewogen, heute immer häufiger von "Digitalization", also "Digitalisierung" zu reden statt vom Internet of Everything. Das sei zu kompliziert, soll Merkel befunden haben, und Chambers ist einer, der da genau zuhört.

Guter Anfang also, aber jetzt lassen die Deutschen in der Cisco-Weltsicht gefährlich nach, Frankreich zum Beispiel sei viel weiter. Man fragt ungläubig nach: Frankreich? Das Land mit den vielen Regulierungen, den hohen Schulden und der darbenden Industrie? Ja, bekräftigt Chambers, aber mit einer lebendigen Gründerszene. "Frankreich ist weltweit derzeit das erfolgreichste, am schnellsten reagierende Land, und sie sind vor zwei Jahren bei Null gestartet." Er verspricht Frankreich, wenn das dort so weitergehe, auch gleich noch eine Million neue Jobs in drei Jahren.

Die Frankreich-Begeisterung teilt nicht jeder bei Cisco, und sie hängt natürlich auch damit zusammen, dass Chambers sich mehrfach schon mit Präsident François Hollande und der halben Regierung getroffen hat, die Republik hat mit Cisco einen regelrechten Vertrag geschlossen über die digitale Aufrüstung des Landes.

Denn so arbeitet diese Firma: Die Chefs suchen den Kontakt zu den Entscheidungsträgern, treffen sie wieder und wieder, schaffen Problembewusstsein und bieten Hilfe bei der Vermessung der neuen digitalen Welt an. Erst einmal unentgeltlich, aber natürlich in der Hoffnung auf spätere lukrative Geschäfte.

Für Deutschland ist mittlerweile eher Robbins zuständig, der von der Berliner Start-up-Szene schwärmt und von der Innovationskraft im Land. Konzerne wie Bosch und die Telekom seien extrem innovativ, auch in den Autokonzernen habe das Umdenken begonnen. Beim Mittelstand dagegen gebe es noch viel zu tun - auch und namentlich für Cisco, versteht sich.

Soll man über Jobs jammern, die verloren gehen - oder über Jobs, die entstehen können?

Die Deutschen sind vorsichtig, das weiß auch Robbins. Sie fürchten um die Sicherheit ihrer Daten, um ihre Jobs. Übernehmen bald Roboter die Macht? Wird die Digitalisierung nicht unmenschlich? Mit einer solchen Frage kann man bei Cisco nicht viel anfangen. Klar, jede Revolution kostet Jobs. Wie war das noch mit der Landwirtschaft? Einst bot sie 95 Prozent aller Jobs, sagt Chambers, heute noch zwei Prozent. Ist die Welt nicht trotzdem besser geworden? Soll man jetzt lange über Jobs lamentieren, die verloren gehen - oder sich lieber über Jobs freuen, die entstehen können? Der Wandel, auch bei der Beschäftigung, sei nicht aufzuhalten, sagt Robbins.

Wer schnell reagiert, wer die Märkte der Zukunft besetzt und dort erfolgreich ist, der kann neue Jobs schaffen helfen. So wie die USA unter Präsident Clinton, der in den neunziger Jahren die Bedeutung des Internets erkannt und die Grundlage für Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Der engste Berater dieses Präsidenten von der Demokratischen Partei war: John Chambers, Republikaner durch und durch, der über den heutigen Primitiv-Wahlkampf unter den Republikanern gar nicht reden will, aber bedeutsam bedauert, dass die Digitalisierung bei Donald Trump und den anderen kein Thema sei.

Amerika hat Boden verloren, sagt auch Robbins, während Indien digital gewaltig aufrüste, und selbst die Volksrepublik China kooperiere immer stärker. "Kooperation", "Partnerschaft", das ist überhaupt eines der meistgehörten Worte hier in der Cisco-Zentrale. "Viele Unternehmen sind gleichzeitig unsere Partner und Wettbewerber", sagt Robbins, und das stimmt ja; überall auf der Welt suchen sie Partner für ihre Geschäfte, sogar mit Apple, diesem notorisch verschlossenen Konzern, kommt Cisco gut zurecht.

Die Brachialgewalt des Fahranbieters Uber, auch eine Silicon-Valley-Blüte, der die Taxifahrer weltweit das Fürchten lehrt, auch in Deutschland, ist Chambers und Robbins fremd - wiewohl sie sich schwer tun, Uber zu kritisieren, zu sehr bewundern sie den innovativen Ansatz. "Wer glaubt, Uber sei eine Taxi-Konkurrenzfirma, hat nichts begriffen", sagt Chambers. "Das ist ein Technologie-Unternehmen der Sharing Economy, das es ermöglicht, Vermögenswerte gemeinsam zu nutzen." An Uber entzünden sich viele Diskussionen selbst im Silicon Valley. In San Francisco sind die schwarzen Uber-Limousinen mit ihren selbständigen, aber schlecht bezahlten Fahrern allgegenwärtig. Uber wird sich durchsetzen, wird viele tausend Jobs schaffen, und irgendwann auch besser zahlen, erwartet Chambers.

Es ist ein extremer Wandel, der da in Gang ist, sagt Chambers, und er will sich wieder an die Spitze setzen. Was er angestoßen hat, soll nun Robbins umsetzen, und auch der nimmt Fahrt auf. Schüttelt die Organisation durch, fördert - im frauenfeindlichen Valley keine Selbstverständlichkeit - weibliche Führungskräfte, schafft neue Vergütungssysteme, setzt auf kleine, unabhängige Teams. Er macht das nicht so wortgewaltig wie Chambers, aber vielleicht umso nachhaltiger. Chambers ist der Betriebswirt mit der großen Welle, Robbins der Mathematiker und Tüftler, der Nerd, der sich noch liebevoll daran erinnert, wie er früher selbst Programme geschrieben hat. Der Alte ist erkennbar stolz auf den Jungen, er gibt ihm viele Freiheiten. Jedenfalls, darf man vermuten, solange der eine so will wie der andere.

Deutschland mögen beide, Angela Merkel und Bosch und der Telekom sei Dank: Man will das Land begleiten bei der digitalen Reise, im öffentlichen Dienst, bei der Infrastruktur, in der Produktion. Aber es eilt. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Cisco den Deutschen ein Angebot macht, das sie nicht ausschlagen können. Wetten?