Digitale Tagelöhner Wie das Netz die Arbeit verändert

Arbeiter und digitale Zukunft - hier eine Reinigungskraft beim Mobile-World-Kongress in Barcelona.

(Foto: AP)
  • Für nahezu jedes Produkt, jede Dienstleistung gibt es mittlerweile eine digitale Plattform in Internet: Airbnb vermittelt Zimmer, Carsharing-Angebote vermitteln Autos, auf Verkaufsplattformen wie Dawanda wird Selbstgemachtes angeboten.
  • Unter "Crowdworking" versteht man digitale Aufträge, die vollständig über das Internet abgewickelt werden.
  • Was ursprünglich als Zuverdienst für Privatleute gedacht war, entwickelt sich für immer mehr Menschen zur hauptberuflichen Vollzeitbeschäftigung.
  • Die neuen Formen digitaler Arbeit sprengen das bisherige System sozialer und rechtlicher Absicherung für Arbeitnehmer.
Von Sarah K. Schmidt und Sebastian Strube

Für nahezu jedes Produkt und jede Dienstleistung gibt es mittlerweile die passende Plattform im Internet: Airbnb vermittelt Zimmer und Wohnungen für Reisende aus aller Welt, Carsharing-Angebote stellen Autos zur Verfügung, Dienste wie Uber gleich den Fahrer dazu. Bei Etsy und Dawanda findet die Selbermach-Szene ihre digitale Ladenfläche und aktuell ist überall die "So einfach geht sauber"-Werbung von Helpling zu sehen, einem Portal für Reinigungskräfte. Egal, ob es um Gartenarbeit, Stadtführungen oder Häkeltäschchen geht, per Web und App kommen Kunde und Anbieter zusammen - mit einem Klick.

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur aktuellen Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Unsere Autoren haben sich die Welt der Clickworker auch von innen angesehen - in den im Text zwischengeschalteten kursiven Absätzen lesen Sie ihren Erfahrungsbericht:

Auch ich werde seit einiger Zeit täglich auf Facebook mit Werbung von Uber und Airbnb bombardiert. München ist eine teure Stadt, das Geld für Chauffeurdienste und Übernachtungsmöglichkeiten könnte ich gut gebrauchen. Aber eigentlich habe ich keine Zeit, Leute mit meinem Auto durch die Gegend zu fahren, und wirklich scharf darauf, fremde Menschen in meinem Wohnzimmer übernachten zu lassen, bin ich auch nicht. Ich denke über eine dritte Möglichkeit nach, mit Hilfe des Internets das Konto aufzubessern: Ich könnte mich als Crowdworker verdingen. Einfach in Jogginghose vor dem Computer ein paar Aufgaben abarbeiten und dabei Geld verdienen - das klingt spannend und unkompliziert.

"Anmelden, einmal die Kreditkartendaten hinterlegen und dann loslegen - die Plattformen sind mittlerweile sehr einfach zu beidenen", sagt Daniel Bartel. Er hat selbst eine Carsharing-Plattform mit aufgebaut und berät jetzt Unternehmen, wie diese die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen können. Bartel selbst vermietet sein Zimmer in Stuttgart bei Airbnb, wenn er unterwegs ist, und, klar, in Betten schläft, die er übers Netz gefunden hat.

Beruflich nutzt er auch gern Peopleperhour, auf dem Portal werden digitale Aufträge im Bereich Texten und Webdesign ausgeschrieben. "Da habe ich Grafiken für ein Buch erstellen lassen. Ich habe auch schon häufiger Artikel vom Deutschen ins Englische übersetzen lassen."

Produkte und Dienstleistungen der analogen Welt - von der Bohrmaschine bis zur Fahrt zum Flughafen - werden übers Internet vermittelt. Doch gerade Computertätigkeiten lassen sich bestens digital verteilen. Für Arbeit, die komplett übers Netz abgewickelt wird, hat sich der Begriff "Crowdworking" etabliert.

Hehre Ziele, kapitalistische Strukturen

Der älteste und immer noch einer der größten Anbieter für Klick-Jobs ist Amazon Mechanical Turk. Seit November 2005 gibt es die Plattform, auf der Auftraggeber Jobs posten können, die dann von den registrierten Nutzern, der Crowd, abgearbeitet werden. Mittlerweile sind "Turker" aus 190 Ländern angemeldet. Der größte deutsche Crowdwork-Anbieter heißt Clickworker, 500 000 Menschen haben sich dort registriert. Ein Drittel von ihnen kommt aus Deutschland, ein Drittel aus Nord- und Südamerika und ein Drittel aus dem Rest Europas.

Die Anmeldung bei Clickworker ist wirklich einfach. Nach Angabe meiner persönlichen Daten und einer SMS-Verifizierung meiner Handynummer, die meine Identität wenigstens halbwegs eindeutig belegt, muss ich meine beruflichen und sonstigen Kenntnisse eingeben. Mit Fachwissen kann ich leider nur im Bereich Geisteswissenschaft punkten, das wird mich vermutlich nicht weit bringen. Etwas überrascht bin ich von der Rubrik "Erotikinhalte": Soll ich etwa Bilder überprüfen, ob sie jugendfrei sind? Als Profi will ich mich da jedenfalls lieber nicht ausgeben, könnte falsche Erwartungen wecken. Ich klicke "Hobby" an und bin gespannt.

"Aus Fremden werden Freunde", "stilvoll gegen Verschwendung", "tolle Leute und neue Orte kennenlernen", teilen statt besitzen, Offenheit, Freiheit, Individualität und noch dazu die Umwelt schonen - es sind hehre Ziele und hohe Ideale, die sich die Share-Economy auf ihre schicken Websites und App-Oberflächen schreibt.

Doch schon hinter dem Begriff "Share-Economy", der sich für Angebote wie Airbnb und Uber etabliert hat, versteckt sich ein Paradox: Hier werden linke Ideen von gemeinschaftlicher Teilhabe immer stärker mit kapitalistischen Strukturen verknüpft. "Share" ist das, womit geworben wird, "Economy" das, was drinsteckt. Erst seitdem Silicon-Valley-Start-ups die Ideen Couchsurfing (Airbnb) und Mitfahrzentrale (Uber) professionell vermarkten, sind daraus Trends geworden, bei denen Millionen Menschen mitmachen. An jeder Transaktion verdienen wiederum die Plattformbetreiber, die einen gewissen Anteil pro vermittelter Fahrt oder Zimmer einbehalten.

Geld macht das Teilen offenbar für deutlich mehr Menschen interessant als Idealismus und Gemeinnutzen allein. Die, die ihre Zimmer und Beifahrersitze anbieten, können unmittelbar Profit einstreichen. Und auch den Kunden, die für eine Übernachtung oder Fahrt zahlen, entstehen keinerlei weitere Verpflichtungen. Das Portal Whyownit, über das Menschen Gegenstände wie Bohrmaschinen oder Badminton-Schläger zum (geldlosen) Tausch anbieten konnten, ist dagegen gerade gescheitert. Das Problem: Ausleihen wollten viele, verleihen deutlich weniger.