Digital bezahlen Ökonomen wollen Bargeld abschaffen

Während der Hyperinflation 1923 wurden Geldscheine auch mal gewogen. Manche Ökonomen finden: Man braucht die Dinger gar nicht mehr.

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Viele Menschen horten aus Misstrauen ihr Erspartes. Manche Ökonomen plädieren daher für eine radikale Lösung: Bargeld abschaffen. Profitieren würden aber vor allem Banken und Konzerne.

Von Günter Heismann

Sie gilt heute als Geld schlechthin - die Banknote. Nichts symbolisiert Reichtum und Wohlstand augenfälliger als ein dickes Bündel von Geldscheinen. Vor rund 300 Jahren begann der Siegeszug des Papiergeldes in Deutschland. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden in Köln die ersten "Banco-Zettel" ausgegeben.

Manche Wissenschaftler halten Papiergeld freilich für einen Anachronismus. Ökonomen wie Kenneth Rogoff von der Harvard University oder Miles Kimball von der University of Michigan möchten die Banknoten möglichst weitgehend aus dem Zahlungsverkehr verbannen. Selbst Minibeträge sollen in Zukunft ausschließlich elektronisch beglichen werden, per Überweisung, Kreditkarte oder Smartphone.

Mit der Abschaffung des Papiergeldes könnten Schattenwirtschaft und Kriminalität besser bekämpft werden, argumentieren die Wissenschaftler. Obendrein hätten die Zentralbanken mehr Spielraum, um die Geldmenge zu steuern und die Konjunktur zu beflügeln. "Mit der Abschaffung des Papiergeldes könnten zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden", sagt Rogoff.

Tatsächlich befinden sich Geldscheine und Münzen mancherorts längst auf dem Rückzug. Die Schweden bezahlen in Kaufhäusern, Supermärkten und Fachgeschäften ganz überwiegend mit Kreditkarten und Handys. Pro Kopf ist in Schweden laut dem IWF nur noch Bargeld im Wert von umgerechnet 685 Euro im Umlauf. Das ist gut ein Viertel weniger als 2001. Hingegen beläuft sich der Umlauf von Papiergeld in den USA auf 4000 Dollar (2960 Euro) pro Einwohner. In der Euro-Zone beträgt diese Summe sogar 4000 Euro.

Der 500-Euro-Schein ist besonders beliebt

Doch wo steckt all dieses Geld? Praktisch niemand schleppt Tausende Euro in seiner Brieftasche mit sich herum. Auch Banken und Geschäfte beschränken das gehaltene Bargeld auf das nötige Minimum. Ein großer Teil des Papiergeldes ist offenbar in andere Länder abgewandert, wo die heimischen Währungen durch Inflation ausgehöhlt werden. Um sich hiervor zu schützen, beschaffen sich die Sparer Dollar- oder Euro-Banknoten, die sie im Wäscheschrank verstecken.

Auch hierzulande horten viele Menschen lieber Geldscheine, als ihre Ersparnisse zu den Banken zu bringen, zu denen sie spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise kein Vertrauen mehr haben. Ein Indiz hierfür ist die große Beliebtheit von 500-Euro-Scheinen, die im Zahlungsverkehr praktisch keine Rolle spielen, sich aber vorzüglich zum Aufbewahren in Tresoren und Schließfächern eignen. Derzeit zirkulieren weltweit Euro-Banknoten im Wert von 934 Milliarden Euro. Davon entfallen allein 290 Milliarden (oder 30 Prozent) auf 500-Euro-Scheine, die ein No-Go an Tankstellen, Fahrkartenautomaten und Zeitungskiosken sind.