Dieselskandal Verheerende Fehleinschätzung bei VW

VW-Chef Matthias Müller

(Foto: REUTERS)

Konzernchef Müller gibt in den USA ein Radio-Interview, über das man nur staunen kann. Vor allem weckt es Zweifel, ob er die Dimension des Dieselskandals überhaupt erfasst hat.

Kommentar von Thomas Fromm

VW-Chef Matthias Müller hat das Verhältnis zwischen den USA und seinem Konzern neulich mit einem alten Ehepaar verglichen. Man kennt sich schon lange, man hatte gute Zeiten, und nach all den Jahren kriselt es. Aber am Ende bleibt man zusammen, weil man weiß, was man an dem anderen hat.

Müllers romantische Sicht auf die Dinge wäre eine schöne Metapher für die Beziehungen zwischen den USA und VW - wenn sie denn stimmen würde. Anders als in vielen langjährigen Ehen aber fehlt den Partnern das Wichtigste: Vertrauen. Die Amerikaner vertrauen den Deutschen nicht mehr, sie fühlen sich an der Nase herumgeführt, und deshalb sollte sich Müller nicht so sicher sein, dass diese Ehe hält, nur weil sie früher mal funktionierte.

Beziehungen brechen auseinander, weil die Beteiligten an Kommunikation und Reue scheitern. Und Müller, der selbstbewusste VW-Chef, steht, um im Bild zu bleiben, kurz vor der Scheidung, und zwar einer für VW äußerst teuren Scheidung. Denn jeder Rest an Vertrauen ist durch eine verheerende Kommunikation erst einmal verspielt worden.

Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: VW hat jahrelang in den USA betrogen und muss nun aufklären und glaubwürdig zeigen, dass man es ernst meint. Hier liegen nun die Wurzeln der Beziehungskrise: Bei VW, dem Ingenieurskonzern, glaubt man vier Monate nach Bekanntwerden der Dieselaffäre immer noch, dass sich in diesem Streit alles um die richtige technische Lösung dreht. Eine verheerende Fehleinschätzung. Es wäre schon viel damit getan, sein Gegenüber nicht durch übersteigertes Selbstbewusstsein zu brüskieren. Schwieriger noch, als manipulierte Dieselmotoren zu reparieren, ist es offenbar, sich sensibel auf sein Gegenüber einzulassen.

VW gibt sich artig

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Vor ein paar Tagen etwa, da verwahrte sich Müller in einem Interview gegen den Begriff "Schummelsoftware". Er spreche lieber "von einer technischen Lösung, die nicht zugelassen war". Eine sehr kuriose Sprachregelung - seit Wochen und Monaten arbeiten Ermittler und Anwälte an diesem Betrugsfall, und Müller mag den Begriff "Schummelsoftware" nicht.

Jüngstes Beispiel: das Müller-Interview im US-Radio. Der VW-Chef spricht - schon wieder - von technischen Problemen, spielt die moralische Dimension des Falls herunter und behauptet: "Wir haben nicht gelogen." Keine Lügen, kein ethisches Problem? Wer die Dinge so sieht, hat die Amerikaner immer noch nicht verstanden und macht das ohnehin Schlimme nur noch schlimmer. Die Wolfsburger erklärten den Patzer so: chaotische Interviewsituation, zu viele Zwischenfragen zu vieler Journalisten, Missverständnisse während des Gesprächs.

In Amerika aber fragen sie nicht, ob die Bedingungen für ein Interview ideal waren oder nicht. Hier fragt man sich: Kann es sein, dass wir hier den wahren, den unverstellten Müller erlebt haben? Ein paar Minuten Interview können viel kaputtmachen - und den Konzern Milliarden kosten. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um zu verstehen, wie es in der deutsch-amerikanischen Ehe gerade zugeht. Mary Nichols, die Chefin der kalifornischen Umweltbehörde Carb, sagt: "Volkswagen hat die Entscheidung getroffen, bei Abgas-Tests zu schummeln und hat dann versucht, das zu verstecken. Sie haben weitergemacht und haben die Lüge noch verschlimmert, und als sie erwischt wurden, haben sie versucht, es zu leugnen." Wäre dies hier wirklich eine Ehekrise, wäre der Ehemann wohl endgültig aus der gemeinsamen Wohnung geflogen.

Nur wenige Stunden nach dem Radio-Interview ließen die US-Umweltbehörden übrigens die Rückrufpläne für die Dieselautos mit Manipulationssoftware abblitzen. Der zeitliche Zusammenhang kann Zufall sein. Muss aber nicht.