Diebstahl digitaler Währung Größte Bitcoin-Börse geht offline

Vertrauenskrise für die digitale Währung Bitcoin: Die größte Börse Mt. Gox ist über Nacht verschwunden. Anlagen im Wert von mehr als 300 Millionen Dollar könnten einfach weg sein.

Von Jannis Brühl und Matthias Huber

"Wo ist unser Geld?": Zwei einsame Bitcoin-Investoren demonstrieren vor der Zentrale der digitalen Börsen-Plattform Mt. Gox in Tokio. Sie haben nach eigenen Angaben deutlich mehr als 300 000 Dollar verloren.

Auf einen Schlag sollen sechs Prozent des ganzen Geldes weg sein. Mt. Gox, die wichtigste Börse für die digitale - und schlagzeilenträchtige - Währung Bitcoin, ist offenbar zusammengebrochen. Der Kurs der Währung ist daraufhin massiv nach unten gesackt. Das bringt Unruhe in die Gemeinschaft derer, die an die Währung glaubten, weil sie sie klassischem Geld für überlegen hielten - oder mit ihr viel Geld verdienen wollten.

Bitcoins wurden erschaffen von einem Phantom, einem japanischen Programmierer, von dem eigentlich niemand weiß, wie er aussieht. Sie werden geschürft, indem Computer komplexe Rechenaufgaben lösen. Ihre Gesamtmenge ist auf 21 Millionen begrenzt, der Wert eines einzelnen Bitcoin war in diesem Winter auf mehr als 1000 Dollar gestiegen. Nun ist dieser Wert binnen weniger Tage an den wichtigen Börsen auf weniger als die Hälfte gefallen, am tiefsten auf Mt. Gox selbst.

Mt. Gox, mit Sitz in Tokio, ist seit dem Wochenende in Auflösung begriffen. Die Seite ist offline, alle Tweets der Firma wurden gelöscht, CEO Mark Karpeles trat von seinem Posten im Verwaltungsrat der Stiftung zurück, die sich für die Währung einsetzt.

Die Macher waren einen Tag lang nicht erreichbar. Die Nachrichtenagentur Reuters hat mittlerweile eine E-Mail von Karpeles erhalten. Er arbeite mit anderen Verantwortlichen an einem Statement, schreibt er. Das Geschäft sei an einem "Wendepunkt" angekommen.

Schon am 7. Februar hatte Mt. Gox - angeblich wegen eines Software-Fehlers - das Geld seiner Nutzer eingefroren und damit den Kurs auf Talfahrt geschickt.

Eine mögliche Ursache für das plötzliche Aus der Plattform könnte ein beachtlicher elektronischer Diebstahl sein. Einem möglicherweise internen Dokument zufolge, dessen Echtheit bislang noch nicht bestätigt ist, sollen etwa 744 000 Bitcoins gestohlen worden sein - sechs Prozent aller Bitcoins, die im Umlauf sind. Etwa 120 000 der gestohlenen Bitcoins sollen demnach aus dem Besitz von Mt. Gox selbst stammen.

Für Mt. Gox dürften sich die Schulden bei Kunden auf bis zu 350 Millionen Dollar belaufen, berechnet mit dem Kurs vom Montag. Der Schuldenberg könnte den Bankrott der Plattform bedeuten. Die Besitzer von Bitcoins, die noch bei Mt. Gox gespeichert sind, wären ihr virtuelles Geld dann los. Unter der Domain mtgox.com war nur noch eine leere Webseite zu finden. Erst am Dienstagnachmittag erschien darauf ein Hinweis, dass Mt. Gox "angesichts der Berichterstattung und deren möglicher Folgen auf den Markt" alle Transaktionen bis auf weiteres eingestellt habe. Die Veröffentlichung dieses Hinweises entspricht der Strategie, die in dem angeblich internen Papier beschrieben ist.

"Digitaler Darwinismus"

Kritiker dürften sich durch die Vorgänge bei Mt. Gox bestätigt sehen. Mehrere Zentralbanken und Finanzaufseher hatten vor Bitcoins gewarnt. Sie halten die Währung für ein unsicheres Spekulationsobjekt, in dem Leichtgläubige viel Geld verlieren könnten. Andere, wie die Winklevoss-Zwillinge, bekannt durch ihren Rechtsstreit mit Mark Zuckerberg über die Erfindung von Facebook, spekulierten auf stark steigende Preise der Währung.

Andere Akteure der Szene betreiben Schadensbegrenzung: Die Chefs weiterer großer Bitcoin-Börsen wie Coinbase oder Kraken haben eine Mitteilung veröffentlicht. Sie sprechen von einer "tragischen Verletzung des Vertrauens der Nutzer von Mt. Gox", die allerdings nichts an der Zuverlässigkeit der Währung Bitcoin ändere. Mt. Gox könne nicht stellvertretend für die Branche angesehen werden, das Chaos dort erklären sie mit digitalem Darwinismus: "Wie in jeder neuen Industrie gibt es bestimmte schlechte Akteure, die ausgemerzt werden müssen, und das sehen wir heute."

Bitcoin-Anleger befürchten schon länger einen Crash der wichtigsten Handelsplattform. Bereits im Juni vergangenen Jahres setzte Mt. Gox für mehrere Wochen alle Auszahlungen aus, im September schienen die Probleme behoben zu sein. Seit 7. Februar kommen Anleger gar nicht mehr an ihr Geld.

Dem möglicherweise internen Dokument zufolge sind die Macher von Mt. Gox aber gar nicht am Ende. Sie verfolgen demnach eine Strategie, um die Börse aus einem gewaltigen Schuldenberg herauszubekommen - und dann in einigen Wochen unter anderem Namen neu zu starten.

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Mit Material von AFP