Die Recherche zu Arbeit Master mit 1,6 - Leben mit Hartz IV

Leben mit Hartz IV - ein Erfahrungsbericht

(Foto: dpa)

Ist Armut erblich? Eine junge Leserin berichtet, wie Hartz IV sie seit ihrer Kindheit nicht loslässt - trotz Studiums, guter Noten und Arbeit.

Dieser Beitrag zum Projekt Die Recherche stammt von einer jungen Leserin. Jasna, die nicht unter ihrem vollen Namen veröffentlichen möchte, berichtet von ihren Erfahrungen mit Armut und Hartz IV, die sie seit der Kindheit begleiten - trotz Einser-Abschluss, Berufserfahrung und einer Auszeichnung.

Seit meinen Großeltern bin ich die Erste, die einen Studienabschluss hat und die Erste in meiner Familie, die ihn in Deutschland gemacht hat. Meinen Master in Germanistik habe ich mit 1,6 abgeschlossen, mit 24 Jahren. Das war vor fast einem Jahr. Aber ich finde keine Festanstellung und bekomme seit Herbst Hartz IV.

Seit mehr als einem Jahr schreibe ich Bewerbungen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, als Social-Media-Redakteurin, politische Referentin und Lektorin. Bisher bekam ich immer nur Absagen. Ein einziges Mal hatte ich ein Vorstellungsgespräch und das auch nur für ein Praktikum. Alle Absagen sind immer nett formuliert, meine Bewerbungen gefallen den Leuten in der Personalabteilung anscheinend, aber sie laden mich nicht ein.

Manchmal heißt es auch, dass ich noch zu wenig Arbeitserfahrung hätte und mich auf Praktikumsstellen bewerben soll. Da ich mein Studium bereits abgeschlossen habe, müsste mir seit Anfang des Jahres der Mindestlohn gezahlt werden. Aber das wollen die Firmen natürlich vermeiden und stellen fast nur noch Studierende ein, die ein Pflichtpraktikum absolvieren müssen, bei dem der Mindestlohn nicht anfällt.

Ein Pflichtpraktikum war in meinem Studiengang aber nicht vorgesehen. Und weil ich nebenher ohnehin immer arbeiten musste, um meinen Lebensunterhalt zu sichern, konnte ich meine Arbeitskraft auch nicht länger als 14 Tage kostenlos zur Verfügung zu stellen. Branchenbezogene Berufserfahrung während des Studiums ist oft ein Privileg für Studenten, die finanziell von ihren Eltern unterstützt werden, die nicht arbeiten oder auf die Regelstudienzeit achten müssen. Deren Überschreitung bedeutet, kein Bafög mehr zu bekommen.

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Wie Hartz IV traumatisiert

Ich habe Zweifel, ob meine Bewerbungen auf richtige Jobs erfolglos sind, weil mir Berufserfahrung fehlt. Ich war ehrenamtlich im politischen Bereich tätig, ich habe immer neben dem Studium gearbeitet. Ich blogge regelmäßig, um aus dem Schreiben nicht rauszukommen, und einer meiner Texte wurde bereits in einem Buch veröffentlicht. Und auch jetzt arbeite ich ja - ich kann bloß nicht davon leben.

Das ist nicht meine erste Erfahrung mit Armut: Ich stamme aus einer Hartz-IV-Familie, meine Eltern müssen aufstocken, um über die Runden zu kommen, und waren in meiner Kindheit viele Jahre arbeitslos. Die Angst, nach dem Studium in Hartz IV zu fallen, war bei mir größer als bei anderen. Hartz IV traumatisiert. Experten glauben, dass Armut vererbt wird - was, wenn sie recht haben?

Als ich klein war, bekam ich zu hören, dass mir mit Gymnasiallaufbahn und einem Studium alle Türen offen stehen würden. Eine gute Ausbildung sei der sicherste Weg in einen guten Job. Rückblickend erscheint mir die Idee geradezu absurd, schließlich wuchs ich mit einem Vater auf, der drei Berufsausbildungen hatte und trotzdem irgendwann keine Anstellung mehr bekam.

In der Schule wurde ich von meinen Mitschülern gequält, weil ich aus einer armen Familie komme. Noch heute lächeln die meisten Menschen seltsam, wenn ich erzähle, dass ich aufstocken muss. "Ah, das ist so eine, die wahrscheinlich nichts gelernt hat", denken sich wohl viele. Selbst wenn ich nichts gelernt hätte, stünde mir ein lebenswertes Auskommen zu. Aber ich habe studiert und umfangreiche Erfahrungen gesammelt, die auch für Personalabteilungen interessant sein könnten.