Ein jahrelanger Geschwisterzank: Die Inder Mukesh und Anil Ambani sind die reichsten Brüder der Welt. Unter ihrer Erbfehde leidet ein ganzer Subkontinent.
Für Anil Ambani, den Sanften, Schönen, ist es eine Demütigung: Indien, nein, die ganze Welt blickt auf Mukesh, den älteren Bruder und Erzrivalen, als der sich das teuerste Einfamilienhaus des Erdballs kauft. 27 Stockwerke, vier Etagen allein für die 160 Autos. Drei Landeplätze für Hubschrauber. Und ein Raum, in dem der Hausherr es künstlich schneien lässt, wenn er Abkühlung sucht im heißen Mumbai. Das teure Bauwerk in der Millionen-Metropole ist vor allem eins: Symbol für Mukeshs Reichtum, für seine Macht und seinen Einfluss im ganzen Land.
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Mukesh Ambani (links stehend) und Anil Ambani (rechts stehend) mit ihrem Vater Dhirubhai Ambani (sitzend). Der Senior starb, ohne ein Testament zu hinterlassen. Dabei galt er doch sonst als makelloser Geschäftsmann, der nichts dem Zufall überließ.
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Als er mit seiner Frau Nita und den drei Kindern einzieht, seufzt das ganze Land: Ein Haus im Himmel! Dieser Mukesh, er ist ein Märchenkönig - genau wie einst sein Vater.
Anils Villa, 14 Stockwerke, weiß getüncht, erscheint mickrig dagegen. Es ist ein Punktsieg für Mukesh im Wettstreit der beiden reichsten Brüder der Welt. Sie kämpfen um Anerkennung - und Geld, viel Geld. Anil, der Schöne, ist zerfressen vom Ehrgeiz, sich aus dem Schatten des Älteren zu befreien - und endlich selbst zum reichsten, mächtigsten, beliebtesten Mann Indiens aufzusteigen.
Seit vielen Jahren geht das nun schon so zwischen den beiden. Seit neun Jahren, genauer gesagt. 2002 stirbt der Vater der Kontrahenten. Dhirubhai Ambani ist schon zu Lebzeiten eine Legende, beinahe eine Gottheit in Indien; Millionen weinen bei seinem Begräbnis. Er vermacht seinen Söhnen den größten Industriekonzern des Landes. Reliance heißt er, zu deutsch: Vertrauen. Die Umsätze des Mischkonzerns machen 3,5 Prozent der indischen Wirtschaftsleistung aus und zehn Prozent der Exporte. Hauptversammlungen werden in Sportstadien abgehalten. Zum Geschäft gehört die weltgrößte Kunststoffgarn-Firma, das riesige Krishna-Godavari-Erdgasfeld an der Ostküste Indiens und die drittgrößte Raffinerie der Erde.
Und so kommt es, dass in manchen Städten Indiens der Strom ausfällt, weil Mukesh mal wieder auf Anil losgeht. Oder dass die Börsenkurse beben, wenn Anil zum Gegenschlag ausholt. Tausende Inder fürchten in diesen Momenten um ihren Arbeitsplatz, unzählige Anleger um ihr Geld, Politiker um ihre Macht. Ja, wenn die beiden Multimilliardäre sich keilen, ist das längst nicht mehr nur eine tragische Familiensaga, es ist eine nationale Angelegenheit. Ganz Indien fragt sich dann: Schaden diese Ambanis unserem Land inzwischen mehr als sie ihm nützen?
Märchenhafter Aufstieg
Schuld an allem ist der Vater, Dhirubhai. Er starb, ohne ein Testament zu hinterlassen. Dabei galt er doch sonst als makelloser Geschäftsmann, der nichts dem Zufall überließ.
Aufgewachsen war Dhirubhai in Schmutz, Gestank und Armut. Früh verließ er sein Heimatdorf und arbeitete als Tankstellenwart. Bald zog er nach Mumbai, ohne eine Rupie in der Tasche. Dort begann er als einer der Ersten, Saris aus synthetischen Fasern in Armenvierteln zu verkaufen, sie wurden zum Renner.
Ein märchenhafter Aufsteig vom armen, schmächtigen Jungen zum schwerreichen Industriemagnat begann. Dhirubhai baute eine Sari-Fabrik, eine zweite und dritte, stellte die Kunstfasern von nun an selbst her, kaufte eine Ölfirma hinzu, einen Energieversorger, Versicherungen, das Gasfeld. Und er ließ Indien an seinem Reichtum teilhaben. Fünf Millionen Menschen kauften die Aktien seines Konzerns, als er ihn in den 1972 an die Börse brachte, viele von ihnen machte er reich; zudem versorgte er arme Dörfer mit Computern. Für viele Inder verkörperte der Alte ihren Traum vom Aufstieg, das Volk verehrte ihn wie einen Heiligen. Da sah man schon mal weg, wenn er wieder Deals einfädelte, an Gesetzen vorbei, die Politiker auf seine Seite ziehend.
Nur kurze Zeit bis zum ersten Schuss
Er ist eben ein Geschäftsmann, wie es keinen zweiten gibt, hieß es dann. Aber einer, der vergaß, einen Nachfolger zu bestimmen. Und so werden aus den Brüdern Mukesh und Anil am Tag seines Begräbnisses Erzrivalen, ja, Feinde. Anfangs führen sie das Imperium noch gemeinsam. Aber es dauert nicht lang, da feuert Mukesh den ersten Schuss ab. In einer geheimen Sitzung entmachtet er den Jüngeren. Es ist die Kriegserklärung. Ein einziges Mal noch schafft es die Mutter, die Streithähne an einen Tisch zu zerren: um das Erbe aufzuteilen.
Mukesh bekommt die traditionellen Geschäftsbereiche, Petrochemie, Öl und Gas, bestimmt die Mutter, schließlich sei er der Erstgeborene. Anil, zwei Jahre jünger, muss sich mit den neuen Zweigen zufrieden geben: Telekommunikation, Stromversorgung, Finanzdienstleistungen. Er ist tief gekränkt nach diesem Treffen, fühlt sich benachteiligt und betrogen. Und wünscht sich nur noch eins: sich zu rächen und reicher, mächtiger, beliebter zu werden als Mukesh.
Er steht jetzt jeden Morgen um vier Uhr auf und joggt durch die Straßen Mumbais, sein Chauffeur folgt ihm im Wagen. Er heiratet Tina, eine Bollywood-Schönheit, die nur Designermode trägt. Die indische Jugend wählt ihn bei MTV zu ihrer Ikone. Aber was zum Teufel bringt all der Reichtum und Ruhm, wenn man auf der verdammten Forbes-Liste der wohlhabendsten Erdbewohner an sechsunddreißigster Stelle steht, weit hinter dem verhassten Bruder, der Platz vier belegt?
Streit um Gas
Anil sucht Ruhe und Antworten im Tirupati-Tempel, wo eine Hindu-Statue täglich gebadet und geölt wird. Er hat eine Idee, will eine erfolgreiche südafrikanische Telekomunikationsfirma kaufen, mit ihr den Markt in Afrika und dem Mittleren Osten erobern. Dann wäre er endlich reicher und beliebter als Mukesh.
Aber was macht der ältere Bruder? Pocht so lange auf ein angebliches Vetorecht, dass sich die Afrikaner entnervt abwenden, das verheißungsvolle Geschäft ist geplatzt. Anil, der sonst so sanft und besonnen ist, er tobt. Und die Inder fragen sich: Was ist bloß aus unseren Ambanis geworden? Sie schaden der Firma, und dem Land.
Von einem Tag auf den anderen weigert sich Mukesh, seinem Bruder Erdgas zu liefern, obwohl der es für seine Kraftwerke braucht, zur Stromerzeugung. Und obwohl alles vertraglich festgelegt wurde, damals, am Tisch mit der Mutter, als die Männer zum letzten Mal miteinander sprachen. Jetzt soll Anil plötzlich doppelt so viel zahlen? Es ist die Zeit, in der in Neu-Delhi öfter der Strom ausfällt. Südlich der Stadt liegt ein Feld, eigentlich sollte hier ein Kraftwerk stehen, das die indische Hauptstadt versorgt. Aber warum zu bauen beginnen, ohne Gas?
Anil zieht vor Gericht, bekommt recht, triumphiert. Doch Mukesh lässt seine Kontakte spielen, wie einst der Vater kennt er wichtige Politiker; er ruft den Obersten Gerichtshof an. Und gewinnt. Wie immer, wenn ein Waffenstillstand zwischen den Ambani-Brüdern nahe scheint, legen die Reliance-Aktien zu, diesmal um satte 30 Prozent.
Für Mukesh bringt die Gerichtsentscheidung die Genugtuung mit sich, den Jüngeren schmerzlich getroffen zu haben - und nicht zuletzt: einen wahren Geldsegen aus den Gasverkäufen. Mukesh besitzt zwar bereits rund 29 Milliarden Dollar, was etwa der Wirtschaftsleistung Kambodschas entspricht. Aber kürzlich lud er ja zur Einweihungsfeier in sein neues Haus mit Ballsaal, hängenden Gärten und zwei Fitness-Etagen. Das Prachtstück soll ihn eine Milliarde Dollar gekostet haben. Mukesh kann das Geld des Bruders jetzt gut gebrauchen.
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(SZ vom 19.02.2011/pak)