Von Marc Beise

Die Konzerne melden Rekordzahlen und stehen gleichzeitig vor gewaltigen Herausforderungen.

DaimlerChrysler, das größte deutsche Unternehmen, hat im Jahr 2005 richtig gut verdient: 2,8 Milliarden Euro Gewinn, ein Plus von 15 Prozent. Die Nummer zwei der Top 100, der Autohersteller Volkswagen, hat sogar 61,6 Prozent zugelegt.

Daimler Chrysler ist das Unternehmen, das in Deutschland den meisten Umsatz einfährt. (© Foto: AP)

Anzeige

Dennoch gelten beide Traditionsunternehmen als Krisenfälle. Beim Autohersteller mit dem Stern räumt ein neuer Vorstandschef, Dieter Zetsche, das Erbe seines Vorgängers Jürgen Schrempp rigoros beiseite.

Bei Volkswagen, auch VEB Wolfsburg genannt, tobt ein Machtkampf zwischen dem Vorstand und dem Aufsichtsratschef. Das ist ein wesentliches Charakteristikum für die Lage der deutschen Konzerne: Vielfach wurde wieder hervorragend verdient, aber die Probleme bleiben - oder tun sich gar erst so richtig auf.

Management-Probleme

Viele deutsche Manager verloren ihre Posten; die Eigentümer, wenn es mächtige Investoren sind, greifen härter durch.

Der Vorstandschef der Deutschen Börse, Werner Seifert, musste weichen, weil seine Strategie den Großaktionären nicht gefiel. Der Versicherungskonzern Axa wechselte den Deutschlandchef aus, weil er den Anweisungen aus Frankreich nicht nachkam.

Beim Maschinen- und Anlagenbauer IWKA trat der Chef zurück, weil die ausländischen Investoren mehr Profit sehen wollten. Und der Oberkontrolleur der Republik, Rolf Breuer, verlor die Aufsichtsratsposten bei der Börse und bei seiner Deutschen Bank, weil niemand mehr mit ihm zufrieden war.

Nur einige Beispiele von vielen, die zeigen, dass die Luft an der Spitze dünner geworden ist und dass in den Topetagen mit größerer Konsequenz kontrolliert wird als früher.

Geschäfts-Probleme

Die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern öffnet sich - auch dies ist ein Momentum des abgelaufenen Jahres. 20 Konzerne erzielten mehr als eine Milliarde Euro Gewinn. Rekordergebnisse allenthalben, und dieses Jahr wird es so weitergehen.

An der Spitze liegt der Energiekonzern Eon, es folgen die wiederauferstandene Telekom, die Finanzkonzerne Allianz und Deutsche Bank, der Chemiekonzern BASF und der Autohersteller DaimlerChrysler - im Jahr zuvor waren es nur 16 Konzerne gewesen, die die Milliarden-Euro-Grenze überschritten hatten.

Aber es gibt auch die Problemfirmen: die TUI, der die Umstrukturierung vom Industrie- zum Touristikkonzern weiter Schwierigkeiten bereitet, die Metro-Kette, der die Konsumschwäche und der Skandal um das Gammelfleisch zu schaffen machten, die frühere Siemens-Tochter Infineon, die unter dem harten Wettbewerb auf dem Chipmarkt leidet und mit Schlagzeilen über den Konflikt zwischen dem früheren Vorstandsstar Ulrich Schumacher und dem heutigen Management von sich reden macht.

Strategie-Probleme

Gut steht da, wer beizeiten seinen Konzern auf den Kopf gestellt hat, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Siemens und Allianz, zwei Schwergewichte mit Sitz in München, haben dies unter der Führung ihrer lang gedienten Chefs Heinrich von Pierer und Henning Schulte-Noelle nicht ausreichend getan - weshalb nun die noch jungen Vorstandschefs Klaus Kleinfeld und Michael Diekmann schmerzhafte Entscheidungen treffen.

Die Probleme von Siemens mit einigen seiner Geschäftsbereiche schlugen sich 2005 deutlich in der Bilanz nieder: Trotz einer Umsatzsteigerung um 7,4 Prozent war ein Ergebniseinbruch von 34 Prozent zu beklagen; nun wird ein großer Teil des Traditionsbereichs Telekommunikation ausgegliedert und mit dem finnischen Erfolgsunternehmen Nokia verschmolzen.

Akzeptanz-Probleme

So richtig gut geht es den Ölkonzernen, was der Blick auf die Top 50 der Welt zeigt. Exxon Mobil, die neue Nummer eins, Shell, BP und die anderen Konzerne haben beim Gewinn gewaltig zugelegt, weit stärker als beim Umsatz. Sie profitieren von den hohen Ölpreisen, müssen sich aber der Frage stellen, ob sie dank ihrer starken Position am Markt den wehrlosen Kunden - Unternehmen wie Bürgern - nicht zu viel abknöpfen, zum Schaden der Volkswirtschaften allgemein, an deren Wohlergehen auch ihnen etwas liegen müsste.

Deutsche Energiekonzerne schwimmen ebenfalls förmlich im Geld. Fast schon Schwindel erregend war der Gewinnzuwachs bei Eon: plus 71 Prozent auf 7,4 Milliarden Euro. Der Konzern und sein Rivale RWE profitierten von der oligopolartigen Struktur des Energiemarktes. Die Politik tut sich schwer, hier für mehr Wettbewerb zu sorgen.

Beschäftigungs-Probleme

Die gute Geschäftslage schlug sich nicht mehr notwendigerweise in zusätzlicher Beschäftigung nieder. Im ganzen Jahr wurden kräftig Stellen abgebaut, sozialverträglich über natürliche Fluktuation oder brutal als Entlassungen. Erst zum Sommer 2006 scheint dieser Prozess zum Stillstand gekommen zu sein. Der Aufschwung wirkt. Leider könnte er bald wieder zum Erliegen kommen - in Folge der von der großen Koalition unter Angela Merkel (CDU) beschlossenen höheren Steuer- und Abgabenlast.

Kommunikations-Probleme

Nicht immer gelang es den Konzernen, ihre Strategien erfolgreich zu kommunizieren. Stärker als früher werden die Vorstandschefs öffentlich bewertet. Nicht jeder schneidet dabei so gut ab wie Medienliebling Jürgen Hambrecht, Chef des erfolgreichen Chemiekonzerns BASF, und mancher fasst öffentliche Kritik immer noch als Majestätsbeleidigung auf.

Nicht immer ist die Kritik fair, was die Finanzkonzerne Deutsche Bank und Allianz erlebt haben. So ist es einer aufgeheizten Öffentlichkeit kaum zu vermitteln, dass Rekordgewinne und Stellenabbau durchaus zusammenpassen können - mit Blick auf die Zukunft.

In der Summe war 2005 ein gutes Jahr für die Konzerne, wie die Tabellen zeigen, die die Süddeutsche Zeitung wie jeden Sommer vorstellt. Aber auch für die erfolgreichen Firmen sind die Herausforderungen der Globalisierung größer geworden. Dies offen anzusprechen, ist keine Miesmacherei. Sondern eine Frage vorausschauender Unternehmensführung.

Leser empfehlen 

(SZ vom 19.07.2006)