Die etwas andere Energiewende Chinesische Reaktoren an der Nordsee

Historisches Foto aus dem britischen AKW Hinkley Point: Die Regierung will dort neue Reaktoren errichten. Bauherren sollen auch Chinesen sein.

(Foto: SZ/National Media Museum)

Die britische Regierung baut die Atomkraft massiv aus. Firmen aus Frankreich und China sollen die Meiler errichten, es sind dort die ersten Atomanlagen seit 1995.

Von Björn Finke, London

Bradwell ist eine kleine Gemeinde an der See, in der Grafschaft Essex, nordöstlich von London. Ein Küstendorf wie so viele andere. Das einzig Bemerkenswerte an Bradwell ist, dass die Gemeinde ein stillgelegtes Atomkraftwerk beherbergt. Die britische Regierung will dort einen neuen Reaktor errichten lassen. Und dieses Projekt wiederum ist sehr bemerkenswert. Denn Bauherren und Betreiber sollen zwei chinesische Atomfirmen sein. Es wäre das erste Mal, dass ein chinesischer Reaktor in einem westlichen Land ans Netz geht.

Britische Medien berichten, die Regierung habe sich mit den Chinesen geeinigt; der Abschluss soll demzufolge im Oktober verkündet werden, beim Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Das Geschäft soll auch den Weg freimachen für einen anderen Reaktor, der noch vor Bradwell fertiggestellt werden soll: Hinkley Point C in der Grafschaft Somerset, im Westen Englands. Dort soll der französische Stromkonzern EDF einen Reaktor errichten - der erste Neubau seit Jahrzehnten. Seit 1995 ging kein Atommeiler mehr im Vereinigten Königreich ans Netz.

Weniger Subventionen für Ökostrom, mehr für Atommeiler: die etwas andere Energiewende

Doch nun plant die konservative Regierung gleich eine ganze Reihe neuer Atomkraftwerke. Sie sollen die Lücke füllen, die entsteht, wenn in den kommenden Jahrzehnten ein Großteil der vorhandenen Kraftwerks-Kapazität abgeschaltet werden muss - alte Atommeiler oder klimaschädliche Kohlekraftwerke.

Und während die britische Regierung ihre Liebe zur Kernkraft entdeckt hat, kappt sie zugleich Subventionen für Ökostrom: die etwas andere Energiewende.

Hinkley Point C sollte ursprünglich bereits Weihnachten 2017 Strom liefern, aber aus diesem Geschenk des Christkinds wird nichts. Bauherr EDF gestand vergangene Woche ein, dass sogar der verschobene Starttermin 2023 nicht zu halten sei. Denn bislang hat das Management des Pariser Staatskonzerns die Milliarden-Investition nicht freigeben können, weil es mit zwei Junior-Partnern über die Verteilung von Kosten und Anteilen streitet. Diese Partner sind die Atomfirmen China General Nuclear Power Corporation and China National Nuclear Corporation.

Die britische Regierung hat nun offenbar den Streit beilegen können: Die beiden chinesischen Staatsbetriebe sollen bei Hinkley Point C und dem als Folgeprojekt geplanten Reaktor in Sizewell in der Grafschaft Suffolk Junior-Partner von EDF werden. Dafür dürfen sie beim zweiten Folgeprojekt, eben dem Neubau im Küstendorf Bradwell, Haupt-Bauherr und -betreiber sein und ihr eigenes Reaktordesign nutzen. EDF wäre dort dann nur der kleinere Partner.

Doch erst einmal muss die französisch-chinesische Atom-Allianz Hinkley Point C zum Erfolg machen. Das könnte hart genug werden: Das Trio baut einen sogenannten Europäischen Druckwasserreaktor (EPR). EDF versucht auch, in Flamanville in Nordfrankreich ein Kraftwerk mit diesem Reaktordesign fertigzustellen. Das Projekt ist inzwischen sechs Jahre verspätet, die Kosten haben sich verdreifacht. In Finnland ist ein EPR-Neubau neun Jahre in Verzug - an dem Kraftwerk arbeitet der Münchner Technologiekonzern Siemens mit. "Der EPR ist ein Prototyp, und Prototypen sind immer schwierig", sagt EDF-Vorstandschef Jean-Bernard Lévy. Das Unternehmen versichert, aus den Problemen gelernt zu haben. In Hinkley Point soll sich so etwas nicht wiederholen.

Entwickelt wurde der Europäische Druckwasserreaktor von der französischen Atomfirma Areva. Das Debakel mit dem EPR war ein Grund für die Finanznöte des Staatsbetriebs. Um Areva zu retten, spaltet die Regierung in Paris das AKW-Geschäft des Konzerns ab. EDF wird die Mehrheit an der früheren Areva-Krisensparte übernehmen.

Der Neubau in Hinkley Point ist aber nicht nur wegen der eingesetzten Technik umstritten. Kritiker beklagen auch die hohe Belastung für die Stromkunden. Das Projekt soll 34 Milliarden Euro kosten. Das Geld müssen EDF und die Chinesen aufbringen. Treiben unerwartete Schwierigkeiten die Ausgaben hoch, ist das ein Problem der Konzerne und nicht des Staats. Dieses Risiko wird allerdings fürstlich entlohnt: Denn im Gegenzug garantiert die Regierung den Betreibern über 35 Jahre einen Abnahmepreis für den Strom, der beim Doppelten des heutigen Preises liegt. Und das, obwohl die Konservativen zugleich die Subventionen für Windparks und Solaranlagen zusammenstreichen.

Die EU-Kommission genehmigte im Oktober die Beihilfen für Hinkley Point von geschätzt 23 Milliarden Euro. Doch die österreichische Regierung reichte gegen diese Entscheidung im Juli Klage beim Europäischen Gerichtshof ein. Sie lehnt Subventionen für neue AKW ab und fürchtet eine Verzerrung des Strommarkts. Die britische Regierung gibt sich offiziell gelassen.

Anfang des Jahres war aber von Gelassenheit wenig zu spüren gewesen. Da drohte London der österreichischen Regierung, dass eine Klage das Verhältnis der zwei Staaten massiv belasten würde. Großbritannien würde im Gegenzug versuchen, Österreich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu schaden, versprach ein Vertreter des Außenministeriums der Londoner Botschaft der Alpenrepublik. Der britischen Regierung ist ihre sehr spezielle Energiewende offenbar sehr wichtig.