Dick, fett und unbeweglich: Für die im DGB organisierten Gewerkschaften gab es lange Jahre keine Konkurrenz, deshalb sind die Organisationen träge geworden. Kleine Interessenvertretungen bringen nun wieder Bewegung in den Wettbewerb um potentielle Mitglieder - die DGB-Gewerkschaften müssen die Leistungsträger wiedergewinnen.
Die kleine Berufsgewerkschaft GDL hat den Aufstand geprobt und sich durchgesetzt. Das war zu erwarten, denn der Streit, mit dem die Lokführer die Deutschen monatelang in Schach hielten, ist kein Einzelfall. Es ging um die gewerkschaftliche Unabhängigkeit der Lokführer - um das aus dem Grundgesetz abgeleitete Recht, eine eigene Arbeitnehmervertretung zu gründen. Piloten der Lufthansa haben das einst vorgemacht und ihre Eigenständigkeit erstritten. Auch Ärzte, Fluglotsen und Flugbegleiter haben sich entsprechend den Großgewerkschaften entkoppelt.
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Die Berufsgewerkschaften haben viel Schelte für diese Alleingänge erhalten. Auch beim Streik der Lokführer war das so. Von Entsolidarisierung war die Rede, von Eigennutz und Rücksichtslosigkeit, vom Zerbrechen der Tarifeinheit und von chaotischen Zuständen in den Betrieben. Doch zum Untergang des Abendlandes hat das Freiheitsstreben bislang nicht geführt. Selbst das tarifpolitische Chaos gibt es bisher nicht, sondern lediglich mehr Abstimmungsbedarf in den betroffenen Firmen. So gibt es etwa bei Lufthansa zwei nahezu identische Tarifverträge für die Flugbegleiter - einer ist von der Gewerkschaft Verdi, der andere von der Flugbegleiter-Organisation Ufo unterschrieben, da Flugbegleiter in beiden Gewerkschaften Mitglied sind. Weil es keine konkurrierenden Tarifverträge für eine Berufsgruppe in einem Unternehmen geben soll, muss also mehr als früher miteinander geredet werden.
Die Gewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) sind von den Alleingängen direkt betroffen: Sie haben erstmals Konkurrenz bekommen. Das sind sie nicht gewohnt, weil die geordnete Gewerkschaftswelt etwas Vergleichbares nicht vorsieht. Das hat sie dick, fett und unbeweglich gemacht. Nun fürchten sie, dass sich noch weitere schlagkräftige Spartengewerkschaften formieren und ihnen die Mitglieder abziehen. Diese Angst ist berechtigt. Immer mehr Arbeitnehmer finden sich nämlich bei den traditionellen Organisationen nicht mehr richtig aufgehoben. Die Zahl der DGB-Mitglieder ist in den vergangenen zehn Jahren um ein Viertel auf 6,4 Millionen geschrumpft. Das liegt an der Arbeitslosigkeit, aber mehr noch daran, dass Gewerkschaften auf viele Arbeitnehmer unattraktiv wirken. Ihnen haftet noch immer das Image an, rückwärtsgewandt zu sein, anstatt nach vorne zu schauen.
Berufsgewerkschaften haben den Mitgliederschwund der DGB-Gewerkschaften noch verschärft. Den Kleinen laufen die Leute zu, weil sie deren Interessen gezielter vertreten. Das liegt an der Struktur der großen Organisationen. Die DGB-Gewerkschaften müssen die Belange vieler möglichst ausgeglichen berücksichtigen - allein unter dem Verdi-Dach gibt es mehr als 1000 Berufsgruppen. Es besteht die Gefahr, dass Solidarität in Gleichmacherei mündet und Qualifikation und Leistungsbereitschaft nicht angemessen belohnt werden. Wenn sich aber die Qualifizierten, die an Schlüsselpositionen Arbeitenden, frustriert aus dem Solidarverbund verabschieden und den Alleingang proben, verlieren die Gewerkschaften an Macht. Sie brauchen gerade diese Leistungsträger, um für die Geringqualifizierten etwas herauszuholen. Kommt es etwa zum Arbeitskampf, können - wie der Lokführerstreik gezeigt hat - beim Bestreiken von Schlüsselfunktionen ganze Betriebe zum Stillstand kommen. Das Druckmittel der Gewerkschaften in Tarifkonflikten ist damit hoch.
Verdi will als Konsequenz aus dem Streit zwischen der Bahn und den Lokführern die Anliegen einzelner Berufsgruppen stärker berücksichtigen. Auch die IG Metall hat mehr Differenzierung angekündigt und will den unterschiedlichen Anforderungen der Mitglieder in den Tarifverträgen mehr Gewicht geben. Das sind gute Signale, die zeigen, dass die DGB-Gewerkschaften ihren sozialen Auftrag ernst nehmen. Es liegt an ihnen, dafür zu sorgen, dass die Einkommensschere zwischen Hoch- und Geringqualifizierten nicht zu weit auseinanderklafft. Das wird jedoch nur gelingen, wenn sie den Tatkräftigen eine Heimat bieten, in der Leistung anerkannt und nicht zum Buhmann wird.
(SZ vom 12.03.2008/mel)
Gysi gegen Lafontaine
Dass wir gerade im Zeichen der zunehmenden Globalisierung und der ungezügelten Macht von Konzernmanagern starke Gewerkschaften brauchen, ist unstrittig.
Man muss auch feststellen, dass die abhängig Beschäftigten ohne starke Gewerkschaften im Rücken hoffnungslos "ausgenommen" würden. Ohne die im DGB vereinigten Gewerkschaften sähe unsere sozioökonomische Landschaft in Deutschland wesentlich schlechter zum Nachteil der Arbeitnehmer, Familien und Rentner aus.
Gleichwohl muss man akzeptieren, dass sich die gewerkschaftlichen Strukturen gleich einer biologischen Zellteilung ändern.
Am Beispiel der GDL und früher auch der Krankenhaus-Ärzte zeigt sich, dass spezialisierte und dadurch zielgerichtetere Gewerkschaftsarbeit effizienter für die Arbeitnehmer ist. Freilich sind dabei auch scheingewerkschaftliche Missgeburten wie die im privaten Postgewerbe absolut auszuschlie0en.
Also sollte der Deutsche Gewerkschaftsbund diese neuen Einzelgewerkschaften nicht länger nur als Konkurrenz ansehen sondern versuchen, sie als eigene "Kampfeinheiten" zu integrieren.
Am Ende zählt dann immer wieder die solidarische Gesamtstärke eines überparteilich strukturierten DGB, der unternehmerischer Willkür machtvoll entgegentreten kann.