Interview: Th. Öchsner und D. Esslinger

Gewerkschaftschef Michael Sommer rüstet sich für den Regierungswechsel. Ein Gespräch über die FDP und die Gefahr eines sozialen Ungleichgewichts.

Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), wollte keine schwarz-gelbe Regierung. Trotzdem hat der Mann, der die Interessen von mehr als sechs Millionen Arbeitnehmern vertritt, gute Laune. In seinem Büro, im siebten Stock des DGB-Hauses in Berlin, erzählt er zunächst einen Witz von Loriot, bevor er die neuen Koalitionäre "vor einer Kampfansage an die Gewerkschaften" warnt. Sommer, 57, wird im kommenden Jahr für eine dritte Amtszeit als DGB-Chef kandidieren. Vorher darf er mit Bundespräsident Horst Köhler anstoßen - der Gewerkschaftsbund feiert nächste Woche seinen 60.Geburtstag.

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DGB-Chef Michael Sommer: "Ich spüre, wie die Menschen denken." (© Foto: ddp)

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SZ: Was war Ihr erster Gedanke am vergangenen Wahlsonntag um 18 Uhr?

Sommer: Ach, wissen Sie, ich habe leider seit drei, vier Monaten mit diesem Wahlausgang gerechnet.

SZ: Das klingt fast so, als verfügten Sie über hellseherische Fähigkeiten.

Sommer: Ich bin kein Hellseher, aber ich spüre, wie die Menschen denken. Auf vielen Gewerkschaftsveranstaltungen in den vergangenen Wochen ist natürlich auch über die Bundestagswahl, die große Koalition und die SPD gesprochen worden. Dort bemerkten Sie kaum Feindseligkeit, was die SPD angeht. Aber Sie konnten den Mangel an Glaubwürdigkeit spüren, mit dem die SPD zu kämpfen hat. Die Leute sagen: Das jetzige Programm der SPD mag ja in Ordnung sein. Aber wir haben die Agenda 2010 und die Rente mit 67 erlebt. Das haben wir der SPD in vielen Gesprächen vermittelt und ihr geraten: Es wäre gut, wenn ihr ein paar Dinge korrigieren würdet. Das aber ist kaum passiert.

SZ: Also ist die SPD selbst schuld an ihrem Desaster?

Sommer: Ja, wer denn sonst? Wir Gewerkschaften haben uns jedenfalls bemüht, das Gemeinsame nach vorne und das Trennende nach hinten zu stellen, wobei wir natürlich unsere parteipolitische Unabhängigkeit betont haben.

SZ: Aber auf Sie haben die Leute auch nicht gehört, im Gegenteil. Im Wahlkampf haben Sie die Politiker aufgefordert, endlich an die Mehrheit der Menschen zu denken, und Sie wollten Schwarz-Gelb verhindern. Und jetzt will die Mehrheit Schwarz-Gelb.

Sommer: Union und FDP konnten einen Lagerwahlkampf führen. Damit hatten sie es leichter als SPD, Linke und Grüne, die kein Lager bilden. Es fehlte eine Machtalternative, es fehlte eine Wahlalternative, der die Bürger eine Regierungsbildung jenseits von Schwarz-Gelb zugetraut hätten.

SZ: Das alleine erklärt aber die starken Stimmenzuwächse der FDP nicht.

Sommer: Die FDP hat eine individuelle Steuerentlastung versprochen. Das hat ihr offenbar viele Stimmen gebracht, die sich die CSU nur erhofft hat. Außerdem hat es in den vergangenen zehn Jahren in der Gesellschaft Gewinner und viele Verlierer gegeben. Ich erlaube mir den Hinweis, dass die FDP offensichtlich auch die Gewinner der Exzesse des Finanzmarktkapitalismus angesprochen hat. Ich verkenne aber auch nicht, dass knapp zehn Prozent der Gewerkschaftsmitglieder die FDP gewählt haben.

SZ: Und wieso?

Sommer: Das sind Mitglieder, die zum Beispiel die Konstruktion der Einkommensteuer für falsch und ungerecht halten. Die FDP und der DGB sind zwar bei Fragen der Bürgerrechte und des Arbeitnehmer-Datenschutzes nah beieinander. Aber insgesamt ist das Programm der FDP gegen die Interessen von Arbeitnehmern und Gewerkschaften gerichtet.

SZ: Die Partei fordert einen Steuerfreibetrag von 40.000 Euro für eine Familie mit zwei Kindern. Das müsste Ihnen doch gefallen.

Sommer: Was mir aber nicht gefällt, ist, dass die FDP damit den armen Staat propagiert, der dann nicht mehr in der Lage ist, Schulen, Kindergärten oder etwa den Zuschuss zur Rentenversicherung ordentlich zu finanzieren. Es war doch gerade der Staat, der in der Krise als einziger in der Lage war, die erforderlichen finanziellen Ressourcen für die Rettung von Banken und Unternehmen zu mobilisieren. Wer jetzt Entlastungen verlangt, der will entweder den armen Staat, oder muss sich dafür das Geld über den Abbau von Sozialleistungen zurückholen. Beides kommt die Schwachen teuer zu stehen, mehr als irgendwelche Steuerentlastungen sie begünstigen.

SZ: Wollen Sie uns jetzt vor dem sozialen Kahlschlag warnen? Sie glauben doch selbst nicht, dass es soweit kommt.

Sommer: Die Liberalen werden nicht zum Nulltarif in die Regierung gehen.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche Probleme DGB-Chef Sommer auf Arbeitnehmer in der derzeitigen Rezession noch zukommen sieht.

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  1. Sie lesen jetzt "Wir werden auf der Hut sein"
  2. "Das ist eine Kampfansage an die Gewerkschaften"
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