Vom Dübel bis zum Kraftwerk: die deutsche Wirtschaft konnte immer alles liefern. Jetzt muss sich das Land allerdings neu positionieren - nur wie?
Deutschland ist drauf und dran, seinen viel gerühmten Titel als Exportweltmeister an China zu verlieren. Ob das je nach Rechenart jetzt schon der Fall ist oder erst im nächsten Jahr - der Trend ist unbestreitbar: Die große Volksrepublik zieht vorbei, sie wird obendrein bald die wichtigste Wirtschaftsnation der Welt sein.
Braucht dieses exportlastige Land in einer fortgeschrittenen Globalisierung ein neues Geschäftsmodell? (© Foto: Getty)
Anzeige
Die geopolitischen Konsequenzen dieser Veränderung beschäftigen vor allem die bisherige Supermacht Nummer eins, die Vereinigten Staaten. Für den politischen Zwerg Deutschland liegen andere Probleme näher: Braucht dieses exportlastige Land in einer fortgeschrittenen Globalisierung ein neues Geschäftsmodell? Ist der Wohlstand zu sichern, wenn man weitermacht wie bisher?
Die aktuelle Wirtschaftskrise überlagert grundsätzliche Veränderungen. Klar, dass die exportorientierte deutsche Industrie vom Einbruch des Welthandels mehr als andere Staaten betroffen war, entsprechend aber könnte sie in der Erholung besonders profitieren. Wichtiger als die konjunkturellen sind die strukturellen Probleme.
Weitermachen wie bisher, das hieße, weiter auf große und kleine Investitionsgüter zu setzen, vom Dübel bis zum Kraftwerk, um die die Welt sich reißen möge. Mit dieser Methode und enormem Fleiß sind die Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg reich geworden.
Dummerweise funktioniert das nicht mehr so einfach wie früher. Die Welt ist reif geworden; immer mehr Konkurrenten decken ihren Bedarf selbst oder exportieren ebenfalls mit Erfolg. China ist dabei der größte, nicht der einzige Spieler.
Natürlich wäre eine stärkere Verlagerung auf den Binnenmarkt wünschenswert, um die Abhängigkeit vom Export zu mindern. Aber das ist ein langwieriger Prozess mit Risiken für die Millionen gutbezahlter Industriearbeitsplätze. Angesichts des bereits erreichten hohen Wohlstands- und Lohnniveaus gibt es kaum Spielräume. Entsprechend heftig diskutieren Wissenschaftler, wie eine Neuausrichtung organisiert werden könnte. Kräftige Lohnerhöhungen würden die Kostenstruktur der Unternehmen schädigen, massive Steuer- und Abgabensenkungen wären angesichts des Rekorddefizits verheerend; jetzt schon streitet die Politik erbittert um vergleichsweise bescheidene Maßnahmen.
Kurzfristig wird es nicht anders gehen, als weiter mit voller Kraft auf den Export zu setzen. In den Unternehmen, vor allem im deutschen Mittelstand, sind also alle Anstrengungen nötig und wichtig, um die Erfinder und die Fachkräfte noch erfolgreicher zu machen.
- Thema
- Wirtschaftspolitik RSS
- Exportweltmeister China - Du bist Deutschland 08.01.2010
- Chinas Wirtschaft auf der Überholspur Schnell sein ist alles 06.01.2010
- Wirtschaft kompakt Der Osten brummt 04.01.2010
- Gastronomie und Rauchverbot Das Märchen von der Pleitewelle 28.04.2010
- Griechenland "Das kann ein Fass ohne Boden werden" 21.04.2010
- Griechenland: Rettungsfonds Finanzfeuerwehr für Europa 16.04.2010
- Europa unterstützt Griechenland Viel Furor, viel Unwissen 15.04.2010
(SZ vom 09.01.2010/hgn)
Gysi gegen Lafontaine
Eigentlich beginnt es langweilig zu werden, aber bitte, wenn Herr Beise schon polemisieren muss, dann sollte er doch anregen, in streng ausgewählten Branchen 1 Euro-Jobs zu organisieren, damit wären wir dann gegenüber allen Schwellenländern wettbewerbsfähig, außer, andernorts würden die Löhne weiter gesenkt. Und schon haben wir ein weltweites Karussell nach unten. Ich will mir lieber nicht vorstellen, was dann passiert. Und außerdem ist doch sehr die Frage, ob D. unbedingt Exportweltmeister sein muss. Man wird allen ernstes damit beginnen müssen, die Inlandsnachfrage zu stärken. Keynes läßt grüssen. Es ist halt Intelligenz gefragt und keine Pseudowissenschaften!
Es gibt sehr wohl einen Weg, uns sehr schnell aus der Abhängigkeit von Exporten zu lösen, das Problem der Billigimportkonkurrenz zu lösen und endlich den Binnenmarkt zu nutzen und auszubauen - mit dem bandbreitenmodell.de
Um die Kaufkraft der Bürger eines (beliebigen) Landes zu steigern, muß man bei der Arbeit Angebot und Nachfrage ausgleichen. Man muß also dafür sorgen, daß die Arbeitgeber möglichst so viele Arbeitsplätze besetzen müssen, wie Arbeitskräfte vorhanden sind. Wie erreicht man das?
1. Die zusätzlichen Mitarbeiter müssen für alle Unternehmen existentiell wichtig sein.
2. Was ist die Existenzgrundlage von Unternehmen? Ein möglichst hoher Umsatz/Marktanteil, um im Wettbewerb zu überleben.
3. Wie erzielt man einen möglichst hohen Umsatz/Marktanteil? Vor allem durch möglichst niedrige Verkaufspreise.
4. Wie kann der Gesetzgeber Einfluss auf die Verkaufspreise nehmen? Durch den Satz der Umsatzsteuer.
5. Wie kann der Gesetzgeber also Einfluss auf die Zahl der Beschäftigten nehmen? Indem er den Satz der Umsatzsteuer mit der Beschäftigungsintensität (= Verhältnis von Mitarbeiterzahl zum Umsatz) der einzelnen Unternehmen verknüpft
Unsere zulasten des viel bedeutenderen Binnenmarktes geförderte Exportabhängigkeit hat nachweislich jahrelang zu weniger Wachstum und stärkerer Rezession geführt als in weniger exportorientierten europäischen Ländern.
Das Rezept der SZ zur Behebung des Problems: "Wenn etwas nicht funktioniert, dann machen wir verstärkt so weiter!"
Ist der Autor SPD-Mitglied?