Deutsches Rotes Kreuz Vuitton? Noch nie gehört!

Ein Testkäufer entdeckt in einem Secondhandladen des DRK eine gefälschte Handtasche, die Hilfsorganisation soll zahlen. Doch nun knickt Louis Vuitton ein.

Ein Anruf beim DRK Marburg. Von Melanie Ahlemeier

Hosen, Shirts, Strümpfe: Im Secondhandladen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Marburg finden all jene Menschen günstig gebrauchte Kleidung, die sich Neuware nicht leisten können. Einem Testverkäufer des französischen Luxusherstellers Louis Vuitton fiel auf der Suche nach Plagiaten just dort eine nachgemachte Handtasche in die Hände - für drei Euro. Die Forderung des Konzerns: 2000 Euro für Anwaltskosten sowie 600 Euro für den Testkauf. Nun rudern die Franzosen zurück - und verzichten auf das Geld, wie der Konzern am Dienstagmorgen mitteilte. Im Interview erklärt Rudolf Kittel, DRK-Geschäftsführer beim Kreisverband Marburg, wie es zum Plagiat-Alarm im Secondhandshop kam - und wie es nun weiter geht.

sueddeutsche.de: Herr Kittel, bei Ihnen im Rot-Kreuz-Laden gibt es eine nachgemachte Louis-Vuitton-Tasche für drei Euro. Ist das Deutsche Rote Kreuz eine Fälscherbande?

Kittel: Nein, mit Sicherheit nicht. Ich wusste gar nicht, welche Probleme man bekommen kann, wenn man einen DRK-Secondhandshop führt. Als der Brief vom Rechtsanwalt kam, habe ich mich ziemlich hilflos gefühlt. Noch hilfloser bin ich geworden, als ich von meinem Justitiar hörte, dass ich keine Anzeige erstatten sollte. Ich sollte die Unterlassungserklärung unterschreiben.

sueddeutsche.de: Und Sie wollten nicht unterzeichnen?

Kittel: Mir hat es nicht gepasst. Ich möchte auch andere auf das Problem mit den Plagiaten hinweisen und darauf, was passieren kann. Wir sind ja nicht der einzige DRK-Kleiderladen, allein in Hessen haben wir zehn oder 15 weitere, bundesweit gibt es Hunderte, die das möglicherweise auch betreffen könnte.

sueddeutsche.de: Was für Plagiate haben Sie denn sonst noch im Angebot?

Kittel: Das kann ich doch gar nicht wissen. Das ist ja mein Problem. Wir haben zirka zwölf bis 15 ehrenamtliche Damen, und auch die können Plagiate nicht erkennen - obwohl es Frauen sind, die ja von Textilien bestimmt mehr verstehen als ich. Ich habe den Namen Vuitton oder wie er heißt vorher noch nie gehört.

sueddeutsche.de: Gefälschte Adidas-Shirts und Puma-Trainingsjacken lassen sich aber doch bestimmt auch in anderen Secondhandläden finden.

Kittel: Adidas, Lacoste und Boss - das ist ja nur die Spitze des Eisberges. Es gibt vielleicht Hunderte oder Tausende Marken, die auch noch geschützt sind. Ich weiß nicht, wer das alles erkennen soll.

sueddeutsche.de: Sind Wohlfahrtsorganisationen für gefälschte Produkte besonders anfällig, weil es viel zu wenig freiwillige Helfer gibt, die Original und Fälschung auseinanderhalten können?

Kittel: Man kann das Problem nicht am DRK festmachen. Auch andere Wohlfahrtsverbände haben die Aufgabe, sich um arme Menschen zu kümmern und diese Not ein bisschen zu lindern. Und auch kirchliche Einrichtungen wie die Diakonie und Caritas unterhalten ja Secondhandläden. Die Frage ist doch: Wo soll das mit den Markenrechten noch enden? Das möchte ich geklärt wissen.

sueddeutsche.de: Der französische Luxushersteller Louis Vuitton hat einen Rückzieher gemacht und verzichtet auf die zunächst geforderten 2600 Euro für Anwaltskosten und den Testkauf, es bleibt bei einem "Beschwerdebrief". Wie groß ist Ihre Erleichterung?

Kittel: Ich bin dankbar, dass uns die 2600 Euro nicht berechnet werden. Das ist ja jetzt amtlich.

sueddeutsche.de: Und wie geht es bei Ihnen weiter? Schon einmal darüber nachgedacht, den Laden ganz dichtzumachen, weil das Problem mit den Plagiaten nicht in den Griff zu bekommen ist?

Kittel: Sicherlich, weil ich das Risiko gar nicht tragen kann. Deshalb möchte ich es gerne weitergeben. Vielleicht gibt es ja eine Ausnahmeregelung für karitative Einrichtungen. Wir kaufen ja auch keine Ware ein, um sie anschließend zu verschleudern oder um Plagiate weiterzugeben. Wir bekommen gespendete Kleidung von Hausfrauen und Familien, die uns sagen: Die Sachen sind noch gut, gebt sie weiter an bedürftige Menschen.

sueddeutsche.de: Also würden strengere Kontrollen gar nicht ausreichen, um dem Plagiatsproblem Herr zu werden?

Kittel: Nein, ich kann Plagiate nicht ausschließen, wirklich nicht.