Deutscher Mittelstand Passwörter sind Einfallstüren für Datendiebe

Sie sind Wirtschaftsjuristin. Konnten Sie etwas von dem Wissen gebrauchen, dass Ihnen an der Uni vermittelt wurde?

Nein. Aber Gründen kann man auch nicht an der Uni lernen. Ich habe mir vieles selbst beigebracht. Als Gründer muss man Ahnung von allem haben: Finanzplanung, Arbeitsrecht, Steuern ...

Was war Ihr größter Fettnapf?

Ein paar Monate nach der Gründung wollte ein Dax-Konzern mehrere tausend Lizenzen kaufen. Ich sollte bis zum Abend ein Angebot schreiben. Nur wusste ich leider nicht, wie man Angebote schreibt.

Haben Sie den Auftrag bekommen?

Leider nein. Damals hätten wir einen solchen Auftrag aber auch noch nicht stemmen können.

Heute schon?

Prinzipiell ist die Software jetzt auch für Konzerne geeignet. Aber einen echten Mehrwert hat Boxcryptor eher für kleinere Mittelständler, die öffentliche Clouds nutzen, weil sie sich den eigenen Server nicht leisten können und wollen. So ein Konzern hat sicher meistens seine eigene Cloud.

Was macht Sie so unglaublich sicher, dass Boxcryptor nicht geknackt werden kann? Seit der NSA-Affäre und den Enthüllungen von Edward Snowden glaubt doch kein Mensch mehr, dass seine Daten nicht zu knacken wären!

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Auch bei uns nicht. Aber es gibt bislang keinen mathematischen Beweis, dass unsere Software zu knacken ist, wenn das Passwort ausreichend sicher ist. Das versuchen wir den Leuten immer wieder klar zu machen: mindestens zwölf Zeichen, Sonderzeichen. Passwörter sind die Einfallstüren für Datendiebe.

Wie oft ändern Sie Ihr Passwort?

Das letzte Mal habe ich es nach dem Heartbleed-Skandal, der Sicherheitslücke in der Verschlüsselungssoftware OpenSSL, die eigentlich jeder nutzt, Anfang April geändert. Ich ändere meine Passwörter in der Regel alle sechs Monate.

Wie vorsichtig gehen Sie mit Ihren Daten um? Gibt es irgendein soziales Netzwerk, in dem Sie nicht Mitglied sind?

Nein. Aber auf Facebook, Linkedin oder Twitter entscheide ich selbst, welche Daten ich veröffentliche. Weitaus weniger Einfluss habe ich darauf, welche Daten zum Beispiel auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert sind. Heute finde ich es vielleicht nicht schlimm, dass ein Bandscheibenvorfall oder mögliche Allergien gespeichert sind. In zehn Jahren, wenn ich verbeamtet werden will, vielleicht schon. Oder die elektronische Steuerklärung. Ich weiß dort nicht, ob das Finanzamt Augsburg meine Daten ausreichend schützt und wer darauf zugreifen kann.

Haben Sie nicht gefragt?

Nein, noch nicht.

Bereuen Sie heute schon, etwas im Internet preis gegeben zu haben?

Eigentlich nicht. Ich habe schon immer aufgepasst. Aber ich bin vorsichtiger geworden.

Inwiefern?

Einen Krankenkassenvergleich im Internet mit Angaben zu Erkrankungen würde ich heute nicht mehr machen. Früher schon. Klingt paranoid oder?

Nein. Machen Sie Online-Banking?

Ja. Natürlich möchte ich nicht, dass die US-Regierung weiß, wann ich wohin Geld überwiesen habe. Aber allzu viel kann man mit Transaktionsdaten auch nicht anfangen.

Dann liegt Herr Gabriel mit seinem Gefühl der Bedrohung doch nicht so falsch?

Nicht ganz. Die größte Gefahr ist die Speicherung von Daten, die wir nicht beeinflussen können. Jeder der seine Grundrechte wahren will, muss seine Daten verschlüsseln. Das Netz vergisst nichts.

Auch Sie brauchen Virenschutz und Firewalls, die Boxcryptor nicht bietet. Meiden Sie Sicherheitssoftware US-amerikanischer Anbieter?

Benutzen wir nicht. US-Konzerne unterliegen den dortigen Behörden und bauen teilweise Backdoors in ihre Software ein. Aber alle kann man nicht vermeiden. Wir speichern unsere Daten auch in der Dropbox - natürlich aber verschlüsselt.

Was ist mit Programmen wie Microsoft Office?

Alles lässt sich nicht vermeiden.

Was würden Sie nie ins Netz stellen?

Sehr private Fotos und Videos.

Was ist sehr privat?

Nacktfotos. Meine politische Gesinnung würde ich auch nicht ins Netz stellen.

Hochzeitfotos sind OK?

Ja, Ich habe letzten August geheiratet. Ich habe auch viele Glückwünsche übers Netz bekommen.

Ultraschallfotos vom ersten Kind wären auch noch OK?

Aus heutiger Sicht eher nicht. Ich habe Freude, die machen das auf Facebook. Aber was weiß ich, was man im Überschwang der Hormone so alles tut.

Die Firma ist jetzt drei Jahre alt. Haben Sie das Schlimmste überstanden?

Nein. Jetzt müssen wir zeigen, ob wir das Wachstum schaffen, das wir uns vorgenommen haben.

Hängt es am Geld?

Mehr noch, ob wir die Mitarbeiter finden, die wir brauchen. Mein Ziel war es nie, eine Firma mit zehn Mitarbeitern zu führen bis ich Fünfzig bin. Ich wollte was Größeres. Die Frage ist, sitzen wir in drei Jahren noch immer mit 15 Leuten hier rum und entwickeln oder sind wir dann vielleicht schon 50 oder 100 Leute, die an etwas arbeiten, was größeren Einfluss auf die Welt hat.

Von welcher Größe träumen Sie?

100 Mitarbeiter. Wir haben jede Menge Umsatzpotenzial. Wir planen weitere Produkte für Cloud-Security. In eine zweistellige Millionenhöhe kann der Umsatz innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre schon steigen.

Ehrlich! Träumen Sie nicht in der Größenordnung von Facebook oder Twitter?

Nein, so groß will ich es nicht haben.

Kapital ist kein Problem?

Geld ist schon ein kritischer Faktor. Die erste Finanzierungsrunde 2012 hat rund 400 000 Euro gebracht. Wir haben noch Geld auf dem Konto. Und ab dem Sommer rechnen wir mit Gewinn.

War es leicht, Investoren zu finden?

Ja, witzigerweise. Im ersten Jahr hatten wir das Exist-Gründerstipendium. Uns war immer klar, dass wir Investoren brauchen. Ich habe dann halbes Jahr gesucht. Schon recht bald haben uns drei Leute mittleren Alters aus Karlsruhe angerufen, die Fragen zum Produkt hatten ...

Wie alt waren die?

Um die 40. Die fanden uns toll. Die hatten gerade ein kleines Vermögen gemacht, weil sie ihre Firma, die Astaro AG, an Sophos verkauft hatten. Die wollten das Geld über ihre Gesellschaft Agile Partners reinvestieren. Das ging mir ein bisschen zu schnell und zu einfach, und ich habe weiter gesucht. Nach einem halben Jahr hatten wir dann sieben Beteiligungsangebote und ein Übernahmeangebot aus den USA. Das Interesse war wirklich groß. Wir hatten auch Glück, ein paar Monate vor dem Start unserer Firma gab es eine Sicherheitslücke bei Dropbox. Damit war unser Produkt superaktuell.

Wie hoch war das Übernahmeangebot?

Ein siebenstelliger Betrag ...

... für eigentlich ein Nichts!

Ja, wir waren zu zweit, hatten die Software gerade entwickelt und noch nicht viel investiert. Aber man gründet keine Firma, um sie gleich wieder zu verkaufen. Wir wollten bestimmen, wo es lang geht. Am Ende haben wir uns dann doch für Agile Partners entschieden. Die lassen uns viele Freiheiten.

Hatten Sie während der Suche manchmal das Gefühl, dass die potenziellen Investoren skeptischer sind, weil sie mit einer Frau verhandeln?

Nie. Wir haben das für uns genutzt. Um die Technik kümmert sich Robert. Ich um alles andere. Unser Ziel war es immer, auch technisch weniger versierte Menschen anzusprechen. Unsere Software sollen auch Nicht-Informatiker verstehen. Da ist es ganz gut, wenn ein Nicht-Informatiker sie erklärt.

Träumen Sie davon, reich zu werden?

Nicht im finanziellen Sinne. Ich wünsche mir, dass die Firma ein Erfolg wird. Wenn ich reich hätte werden wollen, hätte ich es als Wirtschaftsjuristin einfacher haben können.

Bedeutet Ihnen denn Geld nichts?

Doch. Ohne Geld läuft die Firma nicht. Mir ist aber wichtiger, dass ich mich wohlfühle. Natürlich arbeite ich hier mehr als der durchschnittliche Arbeitnehmer. Ich arbeite abends, am Wochenende und im Urlaub - aber mit einem Produkt, das wir uns ausgedacht haben, mit einem Team, das ich zusammengestellt habe. Wenn das Produkt gut ist, läuft die Firma. Der Reichtum kommt von alleine.

Zahlen Sie sich ein Gehalt?

Ja, aber Robert und ich verdienen am wenigsten. Softwareentwickler sind teuer.

Wie viel zahlen Sie sich?

Deutlich unter 50 000 Euro.

Wenn Google morgen käme und Ihnen ein tolles Angebot macht für die Firma, könnten Sie widerstehen?

Ich habe gerade gelesen, dass Google bis zu 30 Milliarden Dollar für Zukäufe plant.

Wenn Google Ihnen "nur" 100 Millionen Dollar bieten würde und einen tollen Führungsjob im Silicon Valley, da, wo man eigentlich ein Unternehmen wie das Ihre vermutet, und nicht auf einem von Siemens teilweise aufgegebenen Standort in Augsburg, könnten Sie dann wirklich Nein sagen?

Das kommt darauf an. Natürlich wäre es schon ein Erfolg, wenn ein Big Player wie Google an einer Firma wie Secomba Interesse zeigt. Ich würde abwägen, was die beste Lösung für die Firma ist. Ich kann einen Verkauf nicht kategorisch ausschließlich.

Andrea Pfundmeier

(Foto: oh)

Selbst wenn der Käufer Google wäre, eine, wenn nicht die größte Datenkrake?

Für die Firma wäre es ein Erfolg, für unsere Nutzer ganz sicher nicht, die haben uns ja ausgesucht, weil wir unabhängig sind. Aber: Es wäre schon verlockend. Anderseits: Wir waren heute Mittag ganz spontan im Biergarten, weil die Sonne schien. Und wer will, kann heute früher nach Hause gehen und das schöne Wetter noch nutzen. Am Wochenende soll es ja wieder schlechter werden. Und ich kann meinen Hund Caipi mit ins Büro nehmen. Solche Freiheiten haben auch einen Wert.