Deutsche Wirtschaft Plötzlich ist da wieder eine German Angst

Autos auf Halde in Bremerhaven: Die Zeiten für die Konzerne und ihre Zulieferer werden härter.

(Foto: Ingo Wagner/dpa)
  • Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft verdüstert sich deutlich.
  • Es trifft gerade Unternehmen der zweiten Reihe: Am Donnerstag brachen die Aktien von Osram um mehr als 20 Prozent ein.
Von Caspar Busse und Thomas Fromm

Eigentlich müsste beim Autozulieferer Elring-Klinger alles in Ordnung sein. "Die weltweite Nachfrage nach ElringKlinger-Produkten ist unverändert stark", schrieb der schwäbische Spezialist für Dichtungen vor einigen Tagen in einer Mitteilung. Allerdings ist da einiges, was gerade nicht in Ordnung ist, denn die Mitteilung war eine Gewinnwarnung: Man werde wegen "einer unverändert hohen allgemeinen Unsicherheit - sowohl in politischer und makroökonomischer als auch in operativer Hinsicht" - weniger verdienen als gedacht. Folge: Die Aktie der Firma aus Dettingen brach um neun Prozent ein.

Am Donnerstag folgte der Nächste: Der Lichttechnikkonzern Osram schraubte seine Ziele zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate nach unten und erwartet weniger Umsatz und Gewinn. Die Aktie der Ex-Siemens-Tochterfirma brach um mehr als 20 Prozent ein. Schon vor einigen Wochen war Continental, einer der größten Autozulieferer der Welt, mit schlechten Nachrichten rausgegangen, die Aktie fiel ebenfalls.

Zufall ist das alles nicht. Zollkonflikte, Regierungskrise in Deutschland, die Angst vor einem Zerfall Europas, ein im Chaos endender Brexit, schwankende Währungen, steigende Ölpreise, dazu Probleme in der Autoindustrie wegen fehlender Zulassungen für Fahrzeuge nach dem neuen WLTP-Abgastest - es kommt gerade eine Menge zusammen.

"Der Boom ist vorbei"

Die Unsicherheit in der Wirtschaft steigt, die Stimmung wird schlechter. In allen großen Branchen lässt der Optimismus der Führungskräfte nach, stellte das Münchner Ifo-Institut in dieser Woche fest. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im Juni um 0,5 auf 101,8 Punkte und damit zum sechsten Mal in sieben Monaten. "Der Boom ist vorbei", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Die Industrie steckt in der längsten Auftragsflaute seit der weltweiten Finanzkrise 2008: Die Bestellungen schrumpften zuletzt vier Monate in Folge.

Führende Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognosen für das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland deutlich gesenkt. Worauf müssen sich die deutschen Unternehmen einstellen? Optimisten rechnen mit einer Normalisierung nach den vielen Jahres des Aufschwungs. Pessimisten dagegen sehen Anzeichen für einen schnellen Abschwung.

Die Stimmung in der Wirtschaft sei jedenfalls auffallend mies, sagt ein deutscher Aufsichtsratschef. So etwas habe er zuletzt in der großen Krise 2008 erlebt. Was die Industrie am meisten belaste: die derzeitige Unberechenbarkeit der politischen Entwicklung. Die Zollpolitik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump sei erratisch, dazu komme die Angst vor harten Reaktionen aus China und ein mögliches Zerbrechen der Bundesregierung, was weitere Unsicherheit nach sich ziehen würde. Ein anderer Unternehmensvertreter berichtet, dass man gerade versuche, die Auswirkungen der amerikanischen Zollpolitik zu beziffern. Ein zur Zeit wohl ziemlich aussichtsloses Unterfangen, zumal niemand weiß, wie andere Regionen auf Trumps Strafzölle reagieren. Die deutsche Wirtschaft steckt also gerade fest: zwischen neuer Unsicherheit, Krisenszenarien und verzweifelter Chaosforschung.

Immer lauter droht Trump damit, für Autos Einfuhrzölle von 20 Prozent einzuführen. Am kommenden Freitag wollen die USA Einfuhrzölle auf weitere Produkte aus China in Kraft setzen. "Mit Blick auf die Zukunft könnten sich die Risiken für die Weltwirtschaft, die aus einem weitgreifenden Anstieg des Protektionismus resultieren, als beträchtlich erweisen", warnte am Donnerstag die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem neuen Wirtschaftsbericht.

"Die Aura wird weg sein und sie werden wie nie zuvor besteuert werden!"

Elring-Klinger, Osram, Continental - es trifft die, die weiter hinten an der Nahrungskette hängen, schon früh und mit voller Wucht. Die Unternehmen liefern an die Automobilindustrie, bei Osram macht das Geschäft mit den Herstellern immerhin rund die Hälfte aus. Nicht zufällig machte Osram für seine Prognose eine Marktabschwächung im Automobilbereich und Projektverschiebungen verantwortlich - "Handels- und Vertriebsbeschränkungen sowie Planungsrisiken bei Automobilherstellern" hätten "zu einer spürbaren Verunsicherung" geführt. Osram-Finanzchef Ingo Bank sprach am Donnerstag dann auch davon, dass sich die Märkte "sehr zum Nachteil entwickelt" hätten. Derzeit müsse man die "mittelfristige Strategie" überprüfen. Man wird also etwas verändern müssen.

Zuletzt musste auch Daimler seine Aussichten zurücknehmen, die Aktie gab daraufhin ebenfalls deutlich nach. Die Zölle, die für Autoexporte aus den USA nach China geplant sind, könnten die Geschäfte belasten. Denn die Stuttgarter produzieren in den USA große Geländewagen, sogenannte SUVs, und bringen diese dann nach China.

Künftig würden Absatz und Gewinn von Daimler darunter leiden, teilte der Konzern mit. Probleme hat auch Harley-Davidson. Nachdem die EU Zölle von 25 Prozent auf amerikanische Motorräder einführen will, kündigte das amerikanische Traditionsunternehmen an, Produktion aus den USA weg in andere Länder zu verlagern. Präsident Trump schäumte und drohte unverhohlen mit neuen Zöllen und Steuern für Harley-Davidson.

"Die Aura wird weg sein und sie werden wie nie zuvor besteuert werden!", polterte Trump bei Twitter. Der Spirituosenkonzern Brown-Forman aus Louisville im US-Bundesstaat Kentucky teilte mit, dass auch Whiskey der Marke Jack Daniel's in Europa wegen neuer EU-Zölle bald teurer werden wird.

Es sind ungemütliche Zeiten - und manche glauben, dass das Schlimmste erst noch kommen wird.