Deutsche Post Aushilfen aus dem Container

Die Post steht wegen des Streiks enorm unter Druck (Archivbild)

(Foto: Stephan Rumpf)

Während Tausende Mitarbeiter streiken, setzt die Post slowakische Saisonarbeiter ein. Ein Teil von ihnen lebt in beengten Unterkünften. Betriebsräte sind deshalb empört: Der Konzern nutze "die Notsituation dieser Leute" aus.

Von Kirsten Bialdiga, Münster

Kanariengelb sind sie angestrichen, die Container. Gelb wie die Farbe der Deutschen Post. Doch in diesen Containern im Münsterland lagern keine Päckchen oder Briefe. In diesen Containern wohnen Saisonarbeiter aus der Slowakei, die für die Post arbeiten. Dicht an dicht stehen die Behausungen, in mehreren Reihen an unbefestigten Wegen auf dem Gelände eines Gartenbaubetriebes. Zur Schicht im Paketzentrum im nahegelegenen Greven werden die Arbeiter von einem Bus abgeholt, später wieder zurückgebracht.

Der Betriebsrat ist empört

Drinnen im Container ist es dunkel, das Auge muss sich erst an das Dämmerlicht gewöhnen. Im hinteren Teil stehen vier Stockbetten, davor ein paar primitive Regale. Der Raum in der Mitte ist so schmal, dass schon eine Person sich kaum umdrehen kann, ohne irgendwo anzustoßen. Geschweige denn vier. So viele sind es, die sich mitunter einen dieser Wohncontainer teilen.

Für Jürgen Rohoff, Betriebsratschef in Münster, ist das moralisch verwerflich, zumal bei einem Unternehmen, das sich zum Teil immer noch in Staatsbesitz befindet: "Die Post nutzt die Notsituation dieser Leute in ihrer Heimat aus." Rohoff missfällt es, dass der Konzern den Hilfskräften Bedingungen zumutet, wie man sie in Deutschland sonst eher beim Spargelstechen oder in der Fleischindustrie findet. Der Umgang mit den ausländischen Arbeitern könnte nach Ansicht der Arbeitnehmervertreter im Widerspruch zu den konzerneigenen Leitlinien stehen, zu einem Kodex, den jeder Beschäftigte einhalten soll. Darin heißt es: "Es ist Teil unserer Unternehmenskultur, dass die Beziehungen zwischen Vorstandsmitgliedern, Führungskräften und Beschäftigten auf allen Ebenen, in allen Unternehmensbereichen und allen Regionen von gegenseitigem Respekt, Offenheit, Ehrlichkeit und dem gemeinsamen Verständnis vertrauensvoller Zusammenarbeit geleitet werden."

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Der Konzern wollte sich am Donnerstag nicht zu diesem Punkt äußern. Die Beschäftigten würden behandelt wie alle anderen auch. Sie erhielten den gleichen Vertrag und gleiche Lohnabrechnungen, teilte die Post mit. Der Stundenlohn betrage für alle Arbeiter inklusive der Zuschläge und Zulagen 13 Euro.

Das deckt sich nicht ganz mit den Aussagen der Arbeiter in den Containern. In der Eingangstür eines Wohncontainers steht ein junger Mann, die Kapuze seines Pullis hat er weit ins Gesicht gezogen. Möglichst unerkannt möchte er bleiben, nur zögerlich antwortet er auf Fragen. Er verdiene zehn Euro in der Stunde plus Zuschläge, sagt er. Also in etwa 13 Euro. Bis hierhin stimmen die Angaben überein.

Doch dann gibt der slowakische Arbeiter etwas zu Protokoll, das die Rechnung verändern würde. Für den Wohncontainer, sagt der junge Mann, zahle er pro Tag zehn Euro Miete. Das wären 300 Euro im Monat. Dass die Arbeiter für ihre beengte Unterkunft zahlen müssen, bestätigte auch ein Insider, der nicht Arbeitnehmerkreisen zuzurechnen ist. Zur Höhe der Mietzahlungen wollte er sich aber nicht äußern.

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Die Post weist diesen Vorwurf zurück: "Auf Nachfragen der slowakischen Kollegen haben wir ihnen Unterkünfte kostenfrei zur Verfügung gestellt." Außerdem: Die Wohnungen befänden sich nur zum Teil in mobilen Unterkünften, zum Teil aber auch in Wohnhäusern.

Für den Arbeiter im Kapuzenpulli ist die Miete nicht das einzige Ärgernis. Auch Mittagessen gebe es keines, sagt er leise. Mit diesem Vorwurf steht er nicht allein. Ein slowakischer Kollege hatte sich schon an den Betriebsrat gewandt, weil er seit einer Woche kein Mittagessen mehr bekommen hatte. Zu diesem Punkt äußerte sich die Deutsche Post nicht.

Die Auseinandersetzung wirft ein Schlaglicht darauf, wie stark der Konzern angesichts des über zwei Wochen dauernden Streiks unter Druck steht und sich bemüht, die Folgen des Ausstands mit Aushilfen und Zusatzarbeit in Grenzen zu halten. Um die Auslieferung von Briefen und Paketen trotz des Streiks sicherzustellen, hatte der Konzern zuletzt sogar Sonntagsarbeit angeordnet. Aus Sicht des nordrhein-westfälischen Arbeitsministers Guntram Schneider (SPD) war diese Vorgehensweise widerrechtlich.

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"Das Unternehmen ist zu einem beträchtlichen Teil in öffentlichem Eigentum und dies beinhaltet den Auftrag, sich an bestehende Gesetze zu halten", hatte der Minister klargestellt. Hintergrund des Streiks ist eine erbitterte Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft Verdi. Im Mittelpunkt steht die Gründung von 49 regionalen Gesellschaften, in denen die Post Paketzusteller zu schlechteren Konditionen beschäftigen und nur noch nach dem Tarif der Logistikbranche entlohnen will.

Die geplante niedrigere Entlohnung stieß auf heftige öffentliche Kritik, auch von Politikern. Nach Angaben der Gewerkschaft waren 32 000 der etwa 140 000 inländischen Beschäftigten am Donnerstag im Dauerstreik. Die Post hingegen spricht von begrenzten Folgen. Ein Großteil der Sendungen werde noch immer pünktlich abgefertigt, heißt es in Bonn. Die Arbeiter aus der Slowakei jedenfalls könne die Post im Paketzentrum Greven gut gebrauchen, bestätigt Post-Großkunde Kurt Dominik, Geschäftsführer des Gartenbaubetriebes, auf dessen Gelände die Wohncontainer stehen. Wegen des Streiks kämen zurzeit besonders viele Arbeiter in den Containern unter. "Wir haben als Gartenbaubetrieb große Erfahrung mit Saisonarbeitskräften."

Angst vor Konsequenzen

Die Post hingegen verneint einen Zusammenhang zwischen dem Streik und den Hilfsarbeitern aus der Slowakei: Die Arbeiter würden schon seit April in Greven beschäftigt, sie würden nicht als Streikbrecher eingesetzt. Die Bewerberzahlen in der Region seien zu gering.

Für den Arbeiter im Kapuzenpulli spielt das keine Rolle. Er braucht Geld, und deshalb ist er in Deutschland. So sehen es auch seine Kollegen. Nicht alle sind daher über seine Auskünfte erfreut. Ein Landsmann stellt sich den Besuchern in den Weg, er will, dass sie gehen. Zu groß sei die Sorge, dass es Konsequenzen geben könnte, dass sie ihren Job verlieren. Auch wenn sie dafür eine Unterkunft in Kauf nehmen müssen, die teils weit unter dem Standard liegt, den sie von zu Hause gewohnt sind.