Deutsche Börse "Nicht mehr tragbar"

Carsten Kengeter, Chef der Deutschen Börse in Frankfurt, gerät immer stärker unter Druck.

(Foto: Ralph Orlowski/ Reuters)

Bei der Deutschen Börse mehren sich Stimmen, die Konzernchef Carsten Kengeter loswerden wollen. Im September solle entschieden werden.

Von Jan Willmroth, Frankfurt

Am kommenden Dienstag wird Carsten Kengeter mal wieder nach Frankfurt fahren, zur Alten Börse, von wo aus die Fernsehanstalten am Abend die Börsen-Nachrichten in Deutsche Wohnzimmer senden. Kengeter, Chef der Deutschen Börse und unter Insiderhandel-Verdacht, wird dann gemeinsam mit Maskottchen, Mannschaft und Management von Eintracht Frankfurt symbolisch die Börsenglocke läuten und die neue Partnerschaft feiern: Endlich wird die Deutsche Börse zur neuen Saison Sponsor des Bundesligisten. Es könnte einer der letzten Auftritte von Kengeter als Börsenchef werden.

Denn im Unternehmen mehren sich nach SZ-Informationen die Stimmen, die den Vorstandsvorsitzenden loswerden wollen. "Es geht nicht mehr um die Frage, ob er gehen muss, sondern wann und wie", hieß es in Aufsichtsratskreisen des Dax-Konzerns. Eine Verlängerung von Kengeters Vertrag, der Ende März 2018 ausläuft, sei "jenseits der Vorstellungskraft". Das verlorene Vertrauen sei mit den derzeit verantwortlichen Personen nicht mehr zurückzugewinnen, auch Joachim Faber als Aufsichtsratschef sei nicht mehr tragbar. Es komme nur noch darauf an, den Abgang möglichst gesichtswahrend zu gestalten.

Beim Insiderhandel sind die Ermittler oft hilflos

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Im Aufsichtsrat zeichnet sich damit ein Streit über die Zukunft der Konzernführung ab. Aus dem Umfeld des Gremiums fordern einige, mit dem Chefwechsel müssten auch mehrere Aufsichtsratsmitglieder ihre Posten räumen. Faber hält bislang uneingeschränkt zu Kengeter. Der Chefkontrolleur sehe "keinen Anlass, von seinen früheren Äußerungen abzurücken", sagte ein Sprecher der Börse, wollte aber keinen weiteren Kommentar abgeben. Faber hatte Kengeter unter anderem als "Ausnahmetalent" bezeichnet und ihm mehrmals sein Vertrauen ausgesprochen.

Der Betriebsrat ist bestürzt über den schweren Reputationsschaden

Das Vertrauen der Belegschaft in die Konzernführung ist indes schwer beschädigt. In seinem jüngsten Newsletter geht der Betriebsrat auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ein. Aus vielen Gesprächen sei ihnen bekannt, schreiben die Arbeitnehmervertreter, dass die Ermittlungen nicht nur als extrem peinlich empfunden würden, sondern auch große Unruhe und Besorgnis erzeugten. "Wir können uns nicht erinnern, dass jemals zuvor in der langen Geschichte unseres Unternehmens ... ein solch schwerer Reputationsschaden verursacht wurde", schreibt der Betriebsrat. Die Frage, die man am häufigsten höre: Wie konnte denn so etwas passieren?

Die Staatsanwaltschaft verdächtigt Kengeter des Insiderhandels. Der Manager hatte im Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro Anteilsscheine der Börse gekauft, um spezielle Aktien zum gleichen Wert als Bonus zu erhalten. Zu diesem Zeitpunkt, so die Staatsanwaltschaft, habe Kengeter schon die Fusion mit der Londoner Börse LSE geplant. Die Pläne wurden gut zehn Wochen nach dem Kauf bekannt, die Aktienkurse beider Unternehmen stiegen daraufhin deutlich. Der zweite Vorwurf: Die Börse habe die Pläne einen Monat zu spät per Pflichtmitteilung öffentlich gemacht und damit den Markt manipuliert. Die Staatsanwälte haben die Ermittlungen auf den Konzern ausgedehnt und fordern zwei Bußgelder über insgesamt 10,5 Millionen Euro. Kengeter beteuert seine Unschuld.

Derweil wird über mögliche Nachfolger spekuliert. Ein Bericht der Wirtschaftswoche, wonach der Aufsichtsrat über Vizechef Andreas Preuß und Finanzchef Gregor Pottmeyer gesprochen habe, wurde in Kreisen des Gremiums dementiert. Allerdings werde "spätestens im September" über Kengeter entschieden.

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