Deutsche Bank und der Kirch-Prozess Middelhoff fiel vieles wieder ein

Doch manchmal verwandelt sich ein miserables Gedächtnis auch in ein gutes. Und man erlebt dann alles - auch das Gegenteil. Am 21. Mai und am 30. August 2012 ist Middelhoff in München erneut zu dem Abendessen im "Wichmann" vernommen worden, dieses Mal von der Staatsanwaltschaft. Diese ermittelt wegen versuchten Prozessbetrugs gegen fünf ehemalige oder aktive Spitzenmanager der Deutschen Bank, darunter Breuer, dessen Nachfolger Josef Ackermann, und den heutigen Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen.

Wieder ging es um die alles entscheidende Frage: Hatte die Deutsche Bank damals ein Interesse daran, das Imperium ihres Kreditkunden Kirch zu zerschlagen und beim Verkauf von dessen Film- und Verlagsbeteiligungen, den Bundesliga-Übertragungsrechten und den Formel-1-Anteilen prächtig zu verdienen?

Middelhoff wurde dazu in Raum 530 C der Ermittlungsbehörde befragt und ihm fiel vieles Wichtige ein, was er bei früheren Aussagen nicht erzählt hatte. Er wusste eine ganze Menge mehr über das Abendessen im "Wichmann" zu erzählen. Darüber, was Schröder gesagt haben und Breuer gemeint haben soll und was sonst noch so an dem Abend und danach passiert ist. Der Zeuge M. berichtete sogar über Begegnungen und Telefonate, die nach dem Kanzler-Treff stattfanden, von denen früher nie die Rede gewesen war. Das böse Wort Zerschlagung, das über allem hängt, sei im "Wichmann" nicht gefallen; dabei blieb Middelhoff bei der Staatsanwaltschaft.

Unterschiedliche Interessenlagen der Akteure

Aber am Ende ging es doch, wenn man Middelhoff richtig interpretiert, um das Große und Ganze und die bestmögliche Aufteilung im Fall der Fälle. Erstmals lassen sich dabei dank seiner Aussage der Abend und die Interessenlage der vier Gäste ein Stück weit rekonstruieren.

Da war der Kanzler: Dieser habe, so erklärte Middelhoff den Ermittlern, die Sorge gehabt, dass sich die US-Unternehmer John Malone und Rupert Murdoch das TV-Kabelnetz und die Kirch-Gruppe zulegen könnten. Schröder solle zudem befürchtet haben, dass Kirchs Anteile am konservativen Axel-Springer-Verlag in die falschen Hände geraten könnten.

Da war Middelhoff selbst, der Bertelsmann-Chef: Auch er fand es beunruhigend, dass Malone und Murdoch sich in Deutschland breit machen könnten.

Da war Schumann, der WAZ-Mann: Das Springer-Paket sah Schröder, so Middelhoffs Eindruck, am besten bei Schumann und der eher liberalen Mediengruppe aufgehoben. Das wird dem Sozialdemokraten Schumann geschmeichelt haben.

Und da war schließlich Breuer: Kein Medienmann, aber ein Machtmensch. Seine Bank war der wichtigste Kreditgeber der Kirch-Gruppe.

Kirch, das soll laut Middelhoff die vorherrschende Meinung am Tisch gewesen sein, könnte mit einem kleineren Unternehmen überleben. Keine Zerschlagung, sondern eine Filetierung. Filetieren meint bei der Lebensmittelherstellung ein Verfahren zur Entfernung ungenießbarer oder unerwünschter Teile.

Und Breuer und seine Bank, was sollten die tun? Dazu hat Middelhoff den Ermittlern einige Sätze gesagt, die für das Geldinstitut verhängnisvoll werden könnten. Breuer habe Kirch die konkrete Unterstützung auch des Investmentbankings der Deutschen Bank anbieten sollen, um eine Lösung zu finden. Middelhoff sprach sogar von einer "Maßgabe" aus der Runde. Breuer habe Kirch behilflich sein sollen, mit einem geschrumpften Konzern zu überleben. So sei das vereinbart worden.

Das ist ein zentraler Punkt, denn die Deutsche Bank bestreitet bis heute vor Gericht, sie habe mit Kirch Geschäfte machen wollen. Man habe keinerlei Verträge mit diesem intransparenten Konzern angestrebt, und deshalb müsse man auch nicht haften für Breuers inzwischen legendäres TV-Interview vom 4. Februar 2002.

Allerdings haben die Ermittler mittlerweile Zweifel an dieser Argumentation der Bank. Die Zweifel werden genährt durch interne Akten der Deutschen Bank, die sie gefunden haben, so etwa eine Mail vom 28. Januar 2002. In dieser Mail erläuterte ein Londoner Investmentbanker der Deutschen Bank nur einen Tag nach dem Treffen im Restaurant "Wichmann" das Geheimprojekt "Barolo". Er beschrieb eine Win-win-Situation für viele Beteiligte, wenn es gelänge, die finanziell schwer angeschlagene Kirch-Gruppe aufzuspalten und große Teile zu veräußern. Der Investmentbanker nahm auch Bezug auf das Treffen mit dem Kanzler. Und: Er schickte seine Mail auch an Breuer.