Deutsche Bank und der Kirch-Prozess Der Zeuge M.

Als Thomas Middelhoff erneut im Kirch-Prozess befragt wird, fällt ihm vieles Wichtige ein - was er zuvor nicht erzählt hatte.

Wurde einst beim Abendessen mit Gerhard Schröder besprochen, das Medienimperium von Leo Kirch zu filetieren? Nicht wirklich, sagte der Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff im Juni 2011 vor Gericht. Doch ein Jahr später erzählte er der Staatsanwaltschaft eine andere Geschichte und belastet die Deutsche Bank und deren Ex-Chef Breuer.

Von Hans Leyendecker und Klaus Ott

Man erlebt alles, aber auch das Gegenteil, wie ein französischer Aphoristiker mal bemerkte. Doch dass man erleben kann, wie bei einem prominenten Zeugen in einem brisanten Fall das Erinnerungsvermögen über die Jahre offenbar immer besser wird, das ist schon erstaunlich.

Das Mysterium ist Thomas Middelhoff widerfahren, der mal Chef des Medienkonzerns Bertelsmann und später dann des Warenhausunternehmens Arcandor war. Und das Wunder freut die Münchner Staatsanwaltschaft, die in einem der großen Wirtschaftskrimis dieser Tage ermittelt: den Verwicklungen zwischen der Deutschen Bank und dem Münchner Medienunternehmer Leo Kirch.

Für die Ermittler ist "Big T.", wie Middelhoff auch genannt wird, zu einem wichtigen Zeugen geworden. Seine Aussagen schaden der Deutschen Bank. Was er den Staatsanwälten bei zwei Vernehmungen im Mai und August 2012 erzählt hat (und was öffentlich bislang nicht bekannt war), kann das zuletzt ohnehin schwer unter Druck geratene Geldinstitut im schlimmsten Fall einen Milliardenbetrag kosten - und es könnte dazu beitragen, dass der ehemalige Bankchef Rolf Breuer demnächst als Angeklagter wegen versuchten Prozessbetrugs vor Gericht kommt.

Im Kern geht es bei Middelhoffs Aussagen darum, was am 27. Januar 2002 bei einem Abendessen beredet worden war, zu dem der damalige Kanzler Gerhard Schröder ins Restaurant "Wichmann" in Hannover geladen hatte. Middelhoff, als Bertelsmann-Chef einer der wichtigsten Rivalen von Kirch, hatte die Idee gehabt, sich mal zu treffen - ein legendärer, aber auch rätselhafter Abend für alle, die sich mit den vielen Verwicklungen dieser Affäre rund um die Bank und Kirch beschäftigen.

Lange Zeit lag das meiste über diesem Abend im Dunkeln. Wer hat was zu wem gesagt? Wie besorgt war man wegen der drohenden Pleite von Kirch? Wie groß war die Furcht, Murdoch und Berlusconi könnten Kirchs Sender übernehmen und so den deutschen Medienmarkt erobern? Welchen Milliardenspiele wurden dort beredet? Ging es gar darum, Kirch unter der Ägide der Deutschen Bank aufzuteilen? Neben Gerhard Schröder, Thomas Middelhoff, und Rolf Breuer war auch der damalige Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe Erich Schumann bei dem Abendessen dabei.

Der im Juli 2011 verstorbene Kirch hatte, als er seinen Feldzug gegen die Deutsche Bank begann, bei Gericht einen bösen Verdacht über die Runde im "Wichmann" vorgetragen. Dort sei so etwas wie die Zerschlagung seiner Film- und Fernseh-Gruppe geplant worden. Denn wenige Tage später, am 4. Februar 2002, hatte Breuer in einem TV-Interview Zweifel an Kirchs Kreditwürdigkeit geäußert, was den ganzen Schlamassel verstärkt haben soll. Das Kirch-Imperium implodierte. Die Kirch-Erben wollen mehrere Milliarden Euro von der Bank und Breuer.

Doch keiner der Beteiligten an dem Abendessen konnte oder wollte reden; Schröder hat als ehemaliger Kanzler bis heute keine Aussagegenehmigung von der Bundesregierung bekommen; der WAZ-Geschäftsführer Schumann starb 2007; der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Breuer ist als Beschuldigter Partei.

Auf Middelhoff kommt es also an. Auf den Zeugen M.

Ein legendärer, aber auch rätselhafter Abend

Als Middelhoff im Juni 2011 erstmals zum Fall Kirch/Deutsche Bank als Zeuge aussagen musste, vor dem 5. Zivilsenat des Oberlandesgerichts in München, war sein Erinnerungsvermögen noch ziemlich schwach. Zu Beginn der Vernehmung hatte er sogar Probleme mit der genauen Angabe seines Alters. 53? 54? Oder doch schon älter? Jahrgang 1953! "Ich bin 58" rechnete der Zeuge schließlich vor.

Die Richter, die über die milliardenschwere Schadenersatzklage von Leo Kirch gegen die Deutsche Bank und Breuer verhandelten, lachten laut und sahen dennoch ziemlich grimmig drein. Diese Erinnerungslücke, das ahnten sie wohl, ließ nichts Gutes erwarten. Und draußen regnete es. Viel mehr als Middelhoffs Alter interessierte sie natürlich, was beim Abendessen beredet wurde. Doch der Zeuge M. konnte sich vor dem 5. Zivilsenat nur an Allgemeines erinnern; was aber in der Runde zum Thema Kirch genau gesagt wurde, blieb eher vage. "Mit der konkreten Erinnerung ist das schwierig", erklärte er. Der Kanzler-Treff sei ergebnislos und enttäuschend gewesen. Middelhoffs Aussage erfreute die Anwälte der Deutschen Bank. Die aus ihrer Sicht ohnehin unsinnige Theorie eines Komplotts gegen Kirch ließ sich mit diesem Zeugen nicht erhärten.

Die Richter kommentierten Middelhoffs Auftritt später mit bösen Worten. Als sie im Dezember 2012 ein Zwischenurteil sprachen und dem mittlerweile verstorbenen Kirch grundsätzlich recht gaben, ohne einen konkreten Schadensersatz festzulegen, fanden sie auch Platz für den aus ihrer Sicht merkwürdigen Zeugen. Middelhoffs Aussagen in der Sache seien "nicht glaubhaft" gewesen, lautete ihr Fazit. "Anhaltspunkte dafür, dass der Zeuge wenigstens nunmehr sein gesamtes Wissen preisgegeben hat, bestehen nicht". Die Münchner Staatsanwaltschaft hat deswegen gegen Middelhoff ein Verfahren wegen Verdachts auf Falschaussage eingeleitet.

Andererseits: Kennt man so etwas nicht aus vielen Gerichtsverhandlungen? "Gott gab uns, damit die Welt sich nicht in Tränen auflöst, als höchstes Gut ein miserables Gedächtnis," schrieb vor vielen Jahrzehnten der Gerichtsreporter Sling.