Deutsche Bank Kurz warmlaufen

Fast 30 Jahre Deutsche Bank stehen in Christian Sewings Lebenslauf. Zuletzt war der neue Chef für Privat- und Firmenkunden zuständig.

(Foto: Sepp Spiegl/imago)

Bei einer Veranstaltung der SPD tritt Christian Sewing erstmals als Chef der Deutschen Bank in die Öffentlichkeit auf. Er bekennt: Ich habe wahnsinnigen Respekt vor der Aufgabe.

Von Jan Willmroth und Meike Schreiber, Frankfurt

Noch sitzt er da in der ersten Reihe, neben Brigitte Zypries, die bis vor Kurzem noch Bundeswirtschaftsministerin war, scherzt mit ihr und lächelt sein Christian-Sewing-Lächeln. Wie immer ziehen sich gut trainierte Lachfalten bis zu den Schläfen. Während Zypries dann vorn am Rednerpult spricht, schreibt sich der neue Chef der Deutschen Bank letzte Notizen ins Manuskript, ein paar Minuten noch, dann wird er davon ablesen. Sie sei ja jetzt frei, sagt Zypries und schaut ihn an, der zwei Meter von ihr entfernt sitzt, was sie wirklich toll finde. "Das wünsche ich Ihnen aber so bald nicht, Herr Sewing." Lachen füllt den Raum; der neue Chef, an diesem Dienstagabend Hausherr, lacht mit.

Vor Monaten schon hatte das SPD-Wirtschaftsforum zum "Unternehmerdialog" geladen, in die 35. Etage der Deutsche-Bank-Zentrale, in jenen Saal, wo sonst der Aufsichtsrat tagt. Konnte ja keiner ahnen, wie sich in den Wochen um Ostern die Ereignisse überschlagen würden, und dass Christian Sewing nicht einmal 48 Stunden vor diesem Termin vom Privatkunden-Vorstand und Vizechef zum Vorstandsvorsitzenden aufrückt, bestimmt in einer eiligst terminierten Telefonkonferenz seiner Aufsichtsräte. Er kommt trotzdem.

Im Publikum sitzen um die hundert Gäste, größtenteils hessische Unternehmer, typische Mittelstandskunden der Deutschen Bank. Sewing nutzt die kleine Runde, um sich warmzulaufen in der neuen Rolle. Das Thema lautet "Digitale Plattformen in der Finanzindustrie", und es steht die Frage im Raum, wie die Banken es schaffen können, ihre Geschäftsmodelle hinüber zu retten in die Zukunft.

Für die Suche nach der richtigen Antwort wird Sewing schon länger gut bezahlt, und jetzt ist er auch noch Chef eines Instituts, das obendrein ziemlich viele hausgemachte Probleme hat. Seiner vorbereiteten Rede stellt er deshalb ein paar Worte voran, die ganz gut zur Kampfrhetorik passen, in der er sich tags zuvor per Mitarbeiterbrief übte: "Ich werde alles dafür tun, dass die Deutsche Bank wieder zu alter Stärke zurückfindet", sagt er. "Mir ist bewusst, wie anspruchsvoll die Aufgabe ist."

Als Chef der Konzernrevision hat Sewing nicht alles richtig gemacht. Sonst lief es zuletzt gut

Wohl wahr. Drei Jahre und 14 Wochen hatte er Zeit, sich aus der Nähe anzusehen, was ein Deutsche-Bank-Chef leisten muss. 2015 wurde er Rechtsvorstand, sah Cryan Monate danach als Bankchef kommen und in den vergangenen Wochen, da war er längst dessen Stellvertreter und zuständig für das Geschäft mit Privat- und Firmenkunden, wieder gehen. Nun, da er Chef ist, sagen viele: immerhin einer, dem Dinge gelungen sind, einer mit reiner Weste.

Im Vergleich zum Investmentbanking-Chef Marcus Schenck, der das Rennen um die Führungsspitze verloren hat, sieht Sewings Bilanz tatsächlich ziemlich sauber aus. Schenck hatte in seinem Bereich, dem Handel mit Wertpapieren und der Beratung großer Unternehmen, zuletzt Kosten- und Ertragsziele verfehlt. Das dürfte eine Rolle gespielt haben bei der Entscheidung, ihn nicht an die Konzernspitze zu holen. Nun hat er gekündigt. Im Kontrast dazu steht etwa Sewings Erfolg mit einem Projekt namens "Horizon", das die Kosten im Privatkundengeschäft senken und die Bank in Sachen Digitalisierung auf Vordermann bringen sollte. Fast 200 von gut 700 Filialen hat Sewing schließen lassen, 2500 Stellen abgebaut, ohne viel Aufhebens und strikt im Zeitplan.

Seine zweite große Aufgabe aber übergibt Sewing zwangsweise unfertig an seinen Co-Vorstand Frank Strauß: die Integration der Bonner Postbank in den Gesamtkonzern. Sie ist eines der zentralen Elemente der noch von Cryan beschlossenen, jüngsten Neuausrichtung der Bank. Ob Sewing diese Bewährungsprobe bestanden hätte, kann er nun nicht mehr beweisen. Schon einmal ist die Integration der Postbank gescheitert, genauso wie der folgende Versuch, sie zu verkaufen.

Als kompromissloser Kostensenker, als der er sich in seinem Antrittsbrief darstellte, ist Sewing bei der Integration bislang jedenfalls nicht aufgefallen. Von der Gewerkschaft Verdi gedrängt, ließ er sich darauf ein, betriebsbedingte Kündigung bis 2021 auszuschließen. Er hielt auch den Firmensitz der Tochter in Bonn aufrecht, schloss in der ehemaligen Bundeshauptstadt einen langfristigen Mietvertrag für eine neue Zentrale ab und ließ die parallelen IT-Plattformen weitgehend bestehen. "Sie werden die Integration der Postbank wieder nicht hinbekommen", ätzt ein ehemaliger Manager des Instituts.

Fast 30 Jahre Deutsche Bank stehen jetzt in Sewings Lebenslauf. Bevor er Vorstand wurde, war er lange für Risiko und Revision zuständig. Gelang es ihm wirklich, sich von den vielen unsauberen Geschäften fernzuhalten? Für den Aktienhandels-Skandal in Russland etwa, einen der letzten großen Fehltritte der Bank, für den sie rund 600 Millionen Euro Strafe bezahlte, trägt er Mitverantwortung: Unter ihm stellte die Revision den Moskauer Aktivitäten nach einer Routineprüfung ein einwandfreies Zeugnis aus. Sewings Prüfer hatten sich auf den dortigen Aktienhandel konzentriert, aber den Zusammenhang mit der Londoner Handelsabteilung übersehen. Den Fehler gestand er ein.

Nachdem Sewing am Dienstagabend über die Herausforderungen für Banken im Allgemeinen und die Deutsche Bank im Speziellen gesprochen hat, sagt er, jetzt lerne er jede Stunde etwas Neues, weil der Fokus ein ganz anderer sei. "Auf der einen Seite", sagt er, "bin ich natürlich unheimlich stolz. Auf der anderen habe ich wahnsinnigen Respekt vor der Aufgabe."