Deutsche Bank Innerlich zerrissen

Die Deutsche Bank muss sich eine entscheidende Frage stellen: Was für eine Bank will sie sein?

(Foto: dpa)
  • Die Deutsche Bank steckt in der tiefsten Sinnkrise seit ihrer Gründung.
  • In den vergangenen Jahren musste sich das Finanzinstitut die Identitätsfrage aufgrund seines Erfolgs nicht stellen.
  • Doch mittlerweile jagt ein Skandal den nächsten und hohe Gewinne bleiben aus.
  • Macht es nun Sinn, die Postbank wieder zu verkaufen?
Von Andrea Rexer

Es gibt kaum eine Strategie, die nicht mit den Worten "ein großer Wurf" begleitet würde. So war es vor sechs Jahren, als der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann den Kauf der Postbank verkündete. Und so könnte es bald wieder sein, würden seine Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen tatsächlich den Verkauf der Postbank ankündigen, über den öffentlich spekuliert wird. Man könnte ein solches Manöver als Hü-und-Hott-Strategie abtun. Doch es steckt mehr dahinter: Es zeigt eine Bank in der tiefsten Sinnkrise seit ihrer Gründung.

In den vergangenen Jahren ist das Institut nicht aus den schlechten Schlagzeilen herausgekommen. Ein Skandal jagt den nächsten, die hohen Gewinne bleiben aus, und zu allem Überfluss stehen nun auch noch frühere und aktuelle Vorstandsmitglieder bei der Staatsanwaltschaft am Pranger.

Die Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen wollten mit einem Kulturwandel gegensteuern, doch bislang zeigen sich keine Erfolge. Aber das hat tiefere Ursachen als nur Fehlverhalten von Mitarbeitern. Die Frage ist: Welche Kultur soll denn überhaupt gewandelt werden? Die Deutsche Bank ist innerlich zerrissen. Es gibt nicht "eine" Kultur der Bank, sondern viele verschiedene.

Bank mit grellem Logo trifft auf Bankiers des alten Schlages

Der Kauf der Londoner Investmentbank Morgan Grenfell in den 1980er-Jahren war dafür das erste große Beispiel: Statt an einer echten Zusammenführung zu arbeiten, wurde geduldet, dass sich in London eine Parallelwelt aufbaut. 2009 zog Ackermann das nächste Paralleluniversum an Land: die Postbank. Die Abstoßreaktionen waren ähnlich groß. Da traf eine Bank mit grellem Logo und starken Gewerkschaftern auf traditionsbewusste Bankiers des alten Schlages und Investmentbanker mit Hosenträgern und enormem Selbstbewusstsein.

Was alle drei Universen eint, ist, dass sie sich zuletzt hart an der Grenze des Legalen bewegt haben - auf beiden Seiten der Grenze wohlgemerkt. Das Investmentbanking hat eine ganze Fülle von Affären aufzubieten, von der Manipulation des Libor-Zinssatzes bis hin zu Tricksereien bei den Wechselkursen, die Postbank wird von Kunden wegen Falschberatung angeprangert und das Firmenkundengeschäft muss erklären, welches Spiel sie mit ihrem Kunden Leo Kirch gespielt hat.

Die Deutsche Bank als reine Zockerbude?

In den letzten Jahren ist es nicht gelungen, aus dem Konglomerat eine Bank zu formen. Die Überlegungen der Strategen, einzelne Teile abzustoßen, sind daher nicht überraschend. Mit kühlem Blick auf die Regulierung und die damit verbundenen Zahlen mag es tatsächlich Sinn machen, die Postbank zu verkaufen.

Doch die Deutsche Bank wollte aus der Finanzkrise gelernt haben, dass Zahlen nicht alles sind. Renditeziele lassen sich korrigieren. Aber eine Grundhaltung wirft man nicht von heute auf morgen über Bord. Nach ihrem Amtsantritt hatten sich Jain und Fitschen das Prinzip der "Universalbank" auf die Fahnen geschrieben. Würden sie sich nun rein dem Investmentbanking zuwenden, so müsste man ihnen Wortbrüchigkeit vorwerfen. Hinzu kommt, dass die Öffentlichkeit aufschreien würde: Viele würden interpretieren, dass sich die Deutsche Bank vom bodenständigen Geschäft verabschiedet und nur noch Zockerbude sein will.

Es geht also um nichts Geringeres als um die Identität der Bank. Wer ist die Deutsche Bank? In den vergangenen Jahrzehnten hat der Erfolg der Bank diese grundlegende Frage übertüncht. Doch die Krise lässt das Institut nackt da stehen. Jetzt müssen die Vorstände eine überzeugende Antwort finden.