Deutsche Bank "Ein Quantum Gelassenheit"

Deutsche-Bank-Manager Asoka Wöhrmann über die Umbauarbeiten des Instituts, Geldanlage in unsicheren Zeiten und darüber, warum Frauen in seinem Leben immer entscheidend waren.

Interview von Katharina Wetzel

Rolle vorwärts und rückwärts. Die Umstrukturierungen der Deutschen Bank, die gerade wieder die Reintegration der Postbank verkündet hat, verlangen den Mitarbeitern so einiges ab. Asoka Wöhrmann macht zwar kein Yoga, aber dass er mit neuen Umständen flexibel umgehen kann, hat der Privatkundenchef der Deutschen Bank schon mehrfach in seinem Leben bewiesen. Ein Gespräch.

SZ: Machen Sie sich über die Präsidentschaftswahlen in Frankreich Sorgen?

Asoka Wöhrmann: Ja. Wahlen sind gut für große Überraschungen. Der Brexit oder die US-Wahlen zeigen das. Die Wahl in Frankreich birgt weitere Risiken für Marktverwerfungen insbesondere in Europa.

Die Risikoprämien für französische Staatsanleihen sind wieder gestiegen.

Das ist richtig, jedoch sind seit 2012 die Risikoprämien gegenüber Deutschland deutlich zurückgegangen. Das ist aber keine Normalisierung, sondern zeugt von verunsicherten Anlegern. Der französische Bondmarkt ist jedoch sehr stark durch eigene Pensionen und Fonds gefestigt.

Was wäre, wenn die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen an die Macht käme?

Nach den Wahlaussagen von Frau Le Pen stünde dann wohl der Fortbestand Europas auf dem Prüfstand. Allerdings sind schon viele bei der Umsetzung von Wahlversprechen gescheitert. Eine gewisse Abwendung von der europäischen Idee scheint nach dem Brexit aber en vogue zu sein. Und das sind natürlich für den Euro und den Euro-Raum insgesamt keine guten Nachrichten. Das schafft Unruhe.

Hat die Deutsche Bank schon verschiedene Szenarien durchgespielt?

Sie müssen als Investor in Szenarien denken. Je wahrscheinlicher ein bestimmtes Ereignis dann wird, desto stärker greifen die Mechanismen unseres Risikomanagements. Wir sind in Frankreich nicht stark investiert. Dennoch verlangen unsere Kunden eine Stellungnahme von uns und eine Handlungsempfehlung in diesen unsicheren Zeiten.

Und was sagen Sie den Kunden?

Trotz guter Voraussetzungen für die Märkte, dominieren in diesem Jahr politische Risiken und liegen wie ein Schleier über den Märkten. Dieser Schleier kann die Sicht auf die Märkte weiter trüben oder er lässt sich zur Seite schieben. Unsere Private-Banking-Kunden müssen wir in diesem Jahr fester an die Hand nehmen.

Was ist denn die größte Bedrohung?

Die größte Bedrohung für unsere Anleger ist der Nullzins. Nichts tun, bedeutet bei einer real existierenden Inflation Vermögensverlust. Doch diese Finanzrepression ist bis jetzt nicht wirklich verstanden worden. Da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen, weil wir es zu kompliziert erklärt haben. Reale Zinsverluste sind eine schwer vorstellbare Größe.

Wir versuchen es jetzt noch einmal.

Die Bürger sparen ja deshalb, weil sie Kaufkraft in die Zukunft verlagern wollen. Sie verzichten heute zugunsten zukünftigen Konsums. In einer Nullzinsphase wird das, was sie für später beiseitelegen, im Laufe der Zeit aber immer weniger. Die eine Frage ist also, was mache ich mit meinem Geld, und die andere, kriege ich für meinen Konsumverzicht und für das eingegangene Risiko genug Ertrag.

Und kriegen die Anleger genug Ertrag?

Nein, im historischen Vergleich nicht, denn es gibt, insbesondere bei Staatsanleihen, nur Risiko, aber kaum Rendite.

Und wenn jetzt die Inflation steigt.

Dann sitzen sie in der Falle. Private-Banking-Kunden wollen Beständigkeit und ihr Leben genießen. Sie kaufen sich deutsche Staatsanleihen. Diese sind zwar sicher, doch wenn ich heute 100 eingesetzt habe, werde ich aufgrund der Inflation in 10 Jahren gerade mal 90 zurückbekommen.

Das heißt, die Kunden müssen mehr ins Risiko gehen.

Ja, wenn sie ihre Kaufkraft erhalten möchten. Die große Welle der Staatsverschuldung ist noch nicht vorbei. Die Renditen von Staatsanleihen werden noch für eine gewisse Zeit relativ niedrig bleiben, siehe Japan. Deswegen sind etwa gute Aktien aus dem DAX interessanter für mich.

Und was ist mit Immobilien? Lohnt sich ein Investment noch?

In Ihre selbstgenutzte Immobilie sind Sie verliebt. Da ist der Preis zwar wichtig, aber sobald Sie sich wohlfühlen, werden Sie vermutlich fast jeden Preis rechtfertigen. Wenn Sie aber eine Kapitalanlage kaufen, dann müssen Sie mit ganz spitzem Bleistift rechnen. Ich bin ein großer Fan von Immobilien, aber in Immobilien investiere ich nur das Geld, das ich nicht brauche.

Lichtblick am Horizont: Insbesondere im Geschäft mit vermögenden Kunden will die Deutsche Bank wachsen. Doch die Aufräumarbeiten dauern noch an.

(Foto: Martin Leissl/Bloomberg)

Wenn ein Kunde 100 000 Euro übrig hat. Was empfehlen Sie ihm?

Ich würde mit dem Kunden erst mal über seine Renditeerwartung sprechen und ihm erklären, was es an Renditen für Aktien, Hochzinsanleihen und Staatsanleihen gibt. Und dann würde ich mit ihm eine Liquiditätsanalyse machen. Das haben wir früher viel zu wenig getan. Wir müssen die Vertrauensbeziehung zu den Kunden stärken, denn nicht alle unsere Kunden haben wir in der Vergangenheit schon perfekt bedient. Das wollen wir verbessern.

Wie wollen Sie das erreichen? Durch die Digitalisierung fallen Filialen weg.

Die Digitalisierung kehrt die Kommunikationshoheit um. Der Kunde entscheidet heute, wann und wie er zu uns kommen will. Was wir anbieten, muss einfach und nachhaltig sein. Das hat Auswirkungen auf die Investmentberatung.

Und was machen Sie nun konkret?

Wir haben die Anzahl unserer Berater im Private Banking auf über 2300 erhöht. Jeder Private-Banking-Kunde hat heute seinen persönlichen Berater.

Ab welchem Volumen ist man Private-Banking-Kunde bei der Deutschen Bank?

Es gibt ein paar Richtgrößen. Schon ab einem Vermögen von etwa 100 000 Euro oder einem Nettoeinkommen von 4500 Euro.

Sie hatten vorwiegend im Wealth Management Abflüsse von 24 Milliarden Euro im vierten Quartal 2016, als eine Strafzahlung wegen Hypothekengeschäften in den USA von 14 Milliarden Dollar im Raum stand. Kamen die Einlagen wieder zurück, als die Strafe geringer ausfiel?

Ja, das war eine schwierige Zeit für die Bank, aber wir haben allen unseren Kunden gesagt, dass die Strafzahlung am Ende nicht so hoch ausfallen wird. Heute liegen die Liquiditätsreserven in der Privat- und Firmenkundenbank global bei 218 Milliarden Euro. Die Einlagen kommen Schritt für Schritt zurück.

Die UBS verkauft ihre Fondsadministration an den US-Anbieter Northern Trust. Haben Sie ähnliches vor?

Wie der Vorstand beschlossen hat, wird zunächst im Zeitraum von zwei Jahren ein Minderheitsanteil des Asset Managements an die Börse gebracht. Diskussionen um die Fondsbuchhaltung sind mir nicht bekannt.

Ausländische Banken kommen nach dem Brexit nach Frankfurt, während Sie Filialen streichen und Mitarbeiter entlassen. Überlassen Sie der Konkurrenz das Feld?

Nein. Unsere Marktposition in Deutschland ist stark. Im Private Banking sind die regionale Präsenz und eine breite Angebotspalette entscheidend. Sie müssen eine Flächenbank sein und nicht nur einige Filialen in Großstädten haben wie manche ausländische Institute.

Können Sie weitere Entlassungen im Privatkundengeschäft ausschließen?

Wir wollen im Privatkundengeschäft und im Private Banking wachsen, so wie unser CEO John Cryan das gesagt hat. Wie in jedem anderen gesunden Unternehmen werden dabei an einer Stelle Jobs aufgebaut, während an anderer Stelle auch Jobs wegfallen können.

Verlangen Sie Negativzinsen?

Wir haben gesagt, wir werden im breiten Privatkundengeschäft keine Gebühren für Einlagen einführen. Dazu stehen wir.

Weil Sie es einfach anders nennen?

Nein, wir bieten seit vielen Jahren Preisstabilität. Ich lade Sie ein, den Preischeck zu machen.

Sind etwa 14, 97 Euro im Quartal für ein Girokonto nicht viel?

Ein Bankkonto ist ein Produkt, das Geld kostet. Wir bauen gerade viele digitale Zusatzleistungen. Nehmen Sie den Finanzplaner, den Finanzcheck, oder unsere App. Es war nie unsere Politik, das Konto zu verschenken. Und dass viele Banken, deren Konten bislang umsonst waren, nun nachziehen oder Ertragsprobleme bekommen, zeigt, dass wir richtig lagen.

Was kann die Deutsche Bank besser als ein Robo-Advisor, eine Plattform im Netz?

Die persönliche Beratung. Viele unserer Top-Kunden haben die Handynummer unserer Berater und sind sehr anspruchsvoll. Die Kunden sind ganz nah am Kundenberater und das ist der größte Mehrwert, den die Deutsche Bank liefern kann.

Die Deutsche Bank hat viel Vertrauen verspielt durch viele Rechtsstreitigkeiten. Glauben Sie, das Gröbste ist getan?

Wir haben unser schwerstes Jahr der letzten 30 Jahre erlebt. 2016 kam alles zusammen: Kapitaldiskussion, Strategiediskussion, Personaldiskussion, Strafzahlungen. Da ist nichts zu beschönigen. Wir haben vor zehn, 15 Jahren Fehler begangen, die der neue Vorstand nun mit großer Energie ausräumt. Ich glaube, das Gröbste der Aufräumarbeiten ist getan. Wir sind zuversichtlich, dass 2017 besser wird.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Auf der Kapitalseite werden wir weiter konsolidieren. Auf der Liquiditätsseite sind wir hervorragend aufgestellt. Und dieses Institut beschäftigt immer noch die besten Berater in Deutschland. Daher haben wir in unserem Heimatmarkt den Anspruch, eine Vorreiterrolle als eine globale Universalbank einzunehmen.

Viele fragen sich, wofür die Deutsche Bank heute eigentlich stehen möchte.

Für die Privatkundenbank habe ich den Anspruch, unseren Kunden dabei zu helfen, in allen Finanzfragen die beste Entscheidung zu treffen, um ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Der Kunde bestimmt dabei, wann, wo und wie er unsere Leistung in Anspruch nimmt. Das muss jeder Mitarbeiter verinnerlichen. Was wir mit dem Umbau im vergangenen Jahr geleistet haben, war ein enormer Kraftakt und mit tiefen Einschnitten verbunden.

Wie war das für Sie persönlich?

Ich stand unter ungemein hohem Druck im vergangenen Jahr, ich habe meine Familie kaum gesehen.

Was machen Sie als Ausgleich?

Ich mache kein Yoga. Meine Familie und unsere vier Kinder sind am Wochenende mein Ausgleich. Und Sie brauchen ein Quantum Gelassenheit und Bodenständigkeit in diesem Beruf.

Sie sind für acht Millionen Privat-, Geschäfts- und Firmenkunden verantwortlich. War so eine Karriere immer klar?

Nichts war vorgezeichnet in meinem Leben. Eigentlich wollte ich nach dem Studium Wissenschaftler werden. Dann bin ich mit 33 Jahren zur DWS gekommen. Mir war nur klar, was du tust, musst du mit ganzem Herzen tun.

Ist Ihnen das immer so leicht gefallen? Sie sind mit zwölf aus Sri Lanka gekommen.

Ende der Siebzigerjahre aus Sri Lanka nach Ostwestfalen zu kommen, war schon eine Herausforderung. Aber meine Pflegemutter hat mir das Einleben in die Gesellschaft leicht gemacht. Sie war eine ältere alleinstehende, sehr selbstbewusste Frau, die sich in Finanzdingen gut auskannte.

Wollten Sie schon immer in die Finanzbranche?

Es war für mich eher eine schwierige Entscheidung, in die Banken- und Fondswelt zu gehen. Ich war damals nicht weit entfernt davon, ein überzeugter Wissenschaftler zu werden. Ich hatte promoviert und war dabei zu habilitieren. Bisher habe ich es aber nicht einen Tag bereut, eine Finanzkarriere eingeschlagen zu haben.

Was half Ihnen dabei?

Ohne meine Eltern aufzuwachsen in Deutschland, mit zwölf Jahren, ohne ein Wort Deutsch zu können - da entwickeln Sie schon ein gewisses Durchsetzungsvermögen. Ich habe mir vieles erkämpft. Früher war ich hitziger und es gab auch manch schlaflose Nacht. Jetzt bin ich 51 und viel ruhiger.

Zu was sind Sie denn noch bereit?

Ich würde es gerne sehen, dass die Deutsche Bank sich wieder an der Spitze der Industrie und in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Dazu will ich beitragen.

Ist die Vorstandsebene noch ein Ziel?

Ich war bislang immer dort, wo die Bank mich brauchte. So halte ich das auch in Zukunft. Über meinen Karriereweg entscheidet ja nicht mehr meine Frau alleine.

Das hat sie bisher?

Als ich 1997 Beamter im Finanzministerium werden wollte, sagte meine Frau, "Lass es sein, das bist du nicht". Frauen haben schon immer wesentliche Entscheidungen im meinem Leben mitgeprägt. Für meine Mutter war Bildung das Höchste. Ohne diese Bildungsvorgabe hätte ich diese Karriere in Deutschland nie geschafft. Und meine erste Chefin bei der DWS hat mich sehr früh gefördert und mir Türen geöffnet. Das habe ich ihr nie vergessen.