Der selbstbewusste Chef der Deutschen Bank ist viel in der Welt der Hochfinanz unterwegs - die Anklage wegen Untreue hält er für eine Farce.
In den vergangenen Wochen war Josef Ackermann nur selten in seinem Büro im 32. Stock der Deutschen Bank in Frankfurt zu finden. Der Vorstandschef jettete um die Welt: Er weilte in Indien und referierte dort auf einer Führungskräftetagung seines Konzerns, er war in China und konferierte in Moskau mit Wladimir Putin, er sprach in London vor Investoren, er besuchte Kunden in Kopenhagen, in St. Petersburg, in den USA. Mit Begeisterung erzählt er dann, was er erlebt hat, mit wem er sich getroffen hat, räsoniert über die weltpolitische Lage.
Der Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann (© Foto: ddp)
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"Ich bin wirklich gern auf Reisen", betont Ackermann, der auch privat zwischen Frankfurt, Zürich, London und New York pendelt. Für diese Leidenschaft wird er in den nächsten Monaten jedoch nur noch wenig Zeit haben. An diesem Donnerstag nämlich beginnt vor dem Landgericht Düsseldorf erneut der Mannesmann-Prozess.
Termine im Gerichtssaal L 111
Ackermann muss sich zusammen mit fünf weiteren Angeklagten wegen Untreue verantworten. Das neue Verfahren, das zunächst bis Ende Februar 2007 terminiert und auf 26 Prozesstage angesetzt ist, wird den Deutsche-Bank-Chef voll in Anspruch nehmen, deshalb musste er viele Auslandsreisen schon mal vorziehen.
Zwei Verhandlungstage in der Woche wird er im Durchschnitt von jetzt an im Gerichtssaal L 111 zubringen. Ackermann wird meist schon am Vorabend anreisen, in einem vornehmen Hotel an der Königsallee absteigen und mit seinen Anwälten zu Abend essen, um die Strategie zu besprechen. Ein eigenes Büro in Düsseldorf will er aber nicht beziehen.
Sturm der Kritik
Auch wenn es um viel geht: Der 58-Jährige gibt sich in diesen Tagen erstaunlich gelassen. Diesmal werde in ihm sicherlich nicht wieder die gleiche Wut hochkochen wie beim ersten Prozess, glauben Vertraute. Damals posierte der Schweizer schon am ersten Verhandlungstag mit dem Victory-Zeichen und sorgte so für einen Eklat. "Deutschland ist das einzige Land, wo die, die Werte schaffen, dafür vor Gericht kommen", hatte er gepoltert - und damit einen Sturm der Entrüstung entfacht.
Diesmal weiß der Banker besser, was ihn erwartet, und so wird er den neuen Prozess über sich ergehen lassen. Die bisherigen Urteile habe er nicht einmal genau studiert, ist zu hören. Dafür sind seine Anwälte da. Einer Schuld ist sich Ackermann ohnehin nicht bewusst. Er selbst rechtfertigte die strittige Sonderzahlung für die Mannesmann-Spitze im ersten Prozess als "außergewöhnliche Anerkennung für eine außergewöhnliche Leistung"
In der Deutschen Bank beispielsweise komme so etwas immer wieder vor. An Rücktritt denkt Ackermann nicht. Diesen Schritt werde er erst tun, wenn er rechtskräftig verurteilt würde, heißt es aus seinem Umfeld. Das ist auch mit der Bankaufsicht Bafin so abgesprochen.
Gegen das Urteil im jetzt beginnenden Verfahren wäre eine erneute Revision möglich. Und das kann mindestens bis 2008 dauern. Sein aktueller Vertrag als Vorstandsvorsitzender von Deutschlands größter Bank läuft bis 2010, dann ist Ackermann 62 Jahre alt.
Ob sich Ackermann nach einem möglichen Schuldspruch weiter an der Bankspitze halten könnte, ist ohnehin offen. Zu groß wäre wohl ein Imageschaden bei einer Verurteilung. Doch solche Überlegungen quälen den selbstbewussten Mann nicht.
Kämpfertyp mit großen Ehrgeiz
Auf den ersten Blick ist er ein freundlicher, fast zurückhaltender Mensch; seine Schweizer Herkunft hört man ihm deutlich an. Aber er gilt auch als Kämpfertyp mit großen Ehrgeiz. Das Thema Mannesmann verfolgt ihn seit seinem Amtsantritt als Deutsche-Bank-Chef im Mai 2002.
Der Sohn eines Arztes aus der Ostschweiz, der nicht in wohlhabenden Verhältnissen aufwuchs, ist für viele Deutsche der Inbegriff des arroganten Managers. Auch wegen seines hohen Gehaltes: Rund 8,4 Millionen Euro Gehalt bekommt der Banker im Jahr, hinzu kommen Boni und Aktienoptionen, sodass sich sein Einkommen auf etwa zwölf Millionen addiert.
Sein persönliches Glück hängt mutmaßlich nicht allein von der Höhe des Gehaltes ab. Aber es ist ihm wichtig, denn auch daran wird international seine Bedeutung gemessen. Ackermann, der gerne klassische Musik hört und Opernfan ist, hat viel erreicht. Er hat die Deutsche Bank aus der Krise geführt und seit seinem Amtsantritt den Gewinn vervierfacht.
Erfolgreiche Bilanz und doch umstritten
Bis 2008 ist sogar ein Ergebnis von mehr als acht Milliarden Euro geplant. Das Unternehmen erwirtschaftet 25 Prozent Rendite auf das Eigenkapital. Ackermann, der alle Zahlen aus dem Kopf referieren kann, hat immer seine Versprechen gehalten - er hat "geliefert", wie es im Managerdeutsch heißt.
Und trotzdem ist er hoch umstritten. "Er saß zu oft im Jet irgendwo zwischen London und New York. Deshalb konnte Ackermann am Main nur als Außenseiter reüssieren", analysiert sein Biograph Leo Müller. Zuletzt immerhin hat er, der sich so wenig angreifbar fühlt, dann aber doch an seinem Image gearbeitet: Ackermann investierte eine Milliarde Euro in die Übernahme von Berliner Bank und Norisbank, und er äußerte sich in Interviews positiv über Deutschland.
Kein Kronprinz gekürt
Experten in Frankfurt glauben aber, das reiche nicht: "Das Image Ackermanns und der Deutschen Bank ist noch immer im roten Bereich."
Intern hat der Bankier die Deutsche Bank voll auf seine Person ausgerichtet. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Zwar wurde Anshu Jain, Chef des globalen Wertpapierhandels der Bank, für den Job gehandelt; der 43-jährige Inder laufe sich warm und lerne schon Deutsch, wurde kolportiert. Doch: Da sei nichts dran, verlautet aus der Bank, und: Die Gerüchte hätten Jain nicht gut getan.
Ob das zweite Verfahren - wie schon das erste - wieder mit einem Freispruch enden wird, ist sehr zweifelhaft. Gut möglich, dass die Tage Ackermanns an der Bankspitze gezählt sind. Er aber demonstriert Desinteresse. Jüngst erschienen zwei umfangreiche Biografien über ihn. Der Banker soll sie nicht einmal gelesen haben.
(SZ vom 25.10.2006)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak