Deutsche Bank Auf Abstand

Als Paul Achleitner (links) John Cryan (rechts) 2015 auf den Chefposten holte, war das Verhältnis noch in Ordnung.

(Foto: Martin Leissl/Bloomberg)

Gut zwei Jahre nach dem Amtsantritt von John Cryan ist dessen Verhältnis zu Aufsichtsratschef Paul Achleitner abgekühlt. Statt sich auf das Geschäft zu konzentrieren, droht schon wieder eine Führungskrise.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

So ganz klar ist nicht, ab welchem Zeitpunkt die unterschiedlichen Charaktere von John Cryan und Paul Achleitner zum Problem für die Atmosphäre an der Spitze der Deutschen Bank wurden. War es, als Aufsichtsratschef Achleitner zu Jahresanfang beschloss, dem Vorstandschef zwei Stellvertreter an die Seite zu stellen, nur um damit zu riskieren, Cryan vor aller Augen quasi handlungsunfähig zu machen? Oder war es, als Cryan daraufhin in Interviews gleich mehrfach damit kokettierte, seinen 2020 endenden Vertrag womöglich zu verlängern - wissend, dass ihn insbesondere die Großaktionäre aus Katar längst äußerst kritisch sehen und er damit Achleitner herausfordern würde?

Manchmal aber geht es in Konzernen eben zu, wie im wahren Leben: Wann es in einer Beziehung zu kriseln begann, lässt sich im Nachhinein oft nicht mehr rekonstruieren. Dass es in der Führung der Bank gut zwei Jahre nach Cryans Amtsantritt aber nicht mehr rund läuft, scheint inzwischen allzu offensichtlich. Man könnte das abtun, als Randproblem. Doch es trifft den Konzern in einer Phase, in der sich allen voran Cryan eigentlich konzentrieren will auf die schwere Aufgabe, das Geschäft wieder ins Laufen zu bringen. Die Ratingagentur Fitch hat die Bonitätsnote der Bank gerade weiter heruntergestuft. Die Zahlen zum dritten Quartal, über die das Geldhaus Ende Oktober berichtet, werden eher schlecht ausfallen. Der Aktienkurs dümpelt bestenfalls vor sich hin.

Der neue Großaktionär aus China ist Cryan nicht geheuer: Gewünschte Treffen blockte er ab

Zu allem Überfluss weitet sich der Zwist zwischen Achleitner (Typ: jovialer Österreicher mit Hang zu weltmännischen Thesen) und Cryan, dem detailverliebter Briten, inzwischen auch auf das Verhältnis zum neuen Großaktionär HNA aus, jenem undurchsichtigen, hoch verschuldeten Mischkonzern aus China. Seit Frühjahr hält HNA nicht nur knapp zehn Prozent an der Bank, man zeichnete auch die dringend benötigte, stabilisierende Kapitalerhöhung.

Seinerzeit war HNA als Geldgeber willkommen, inzwischen aber ist das Verhältnis abgekühlt. Cryan jedenfalls macht intern keinen Hehl daraus, dass ihm der neue Investor höchst suspekt ist. Und dort wiederum hält man - ebenfalls intern - nicht hinter den Berg damit, dass man an Cryans Visionskraft zweifelt. Wie weit das geht, zeigt der kuriose Umstand, dass Cryan seit Monaten mehrere Gesprächswünsche von HNA-Chef Adam Tan abblockt. Wie das Wall Street Journal schreibt, war bereits Anfang März ein Kennenlernen von Tan und Cryan in Frankfurt angesetzt. Zum Dinner mit dem Großinvestor erschienen aber lediglich Deutsche-Bank-Finanzchef Marcus Schenck, Achleitner sowie Cristobal Mendez de Vigo von der österreichischen Fondsgesellschaft C-Quadrat. Letzterer hatte HNA zu dem 3,4 Milliarden Euro teuren Investment bei der Bank überredet. Cryan aber? Hatte andere Prioritäten. Auch weitere Avancen blockte er ab.

Inzwischen hat sich der Brite zwar gefangen; über seinen Sprecher lässt er ausrichten, er werde Adam Tan "selbstverständlich" treffen. Und auch im Lager der Chinesen scheint man wieder wohlgesonnen. Die Posse fördert aber zutage, wie fragil die Lage bei der Bank nach wie vor ist. Jahrelang war das Geldhaus von der eigenen Belegschaft praktisch ausgeplündert worden, verschleppte bis lange in die Amtszeit von Paul Achleitner notwendige Anpassungen am Geschäftsmodell; musste schließlich erneut frisches Kapital aufnehmen - auch von zweifelhaften Adressen. Die Mehrheit auf der Hauptversammlung stellen heute neben HNA zwei Scheichs aus dem Emirat Katar (mit Anteilen von rund acht Prozent), die bereits 2014 eingestiegen sind. Auch sie kommen mit Cryan nicht klar, was sich noch dadurch verstärkt, dass sie von Ex-Deutsch-Banker Michele Faissola beraten werden, der im Zuge des Amtsantritts von Cryan gehen musste. Es ist ein Faustischer Pakt: Zusammen mit Katar sicherten die Chinesen auf der Hauptversammlung im Mai Achleitners Wiederwahl für fünf Jahre. Cryan scheint ihnen daher gewisse Nähe zu unterstellen. Haben sie sich gegen ihn verbündet?

Ob sie einen Plan für die Bank haben, ist unklar. Wollen sie das Investmentbanking ausbauen, wie es die Kataris favorisieren, oder das Gegenteil? Cryan jedenfalls kann sich längst nicht sicher sein, bis 2020 im Amt bleiben zu dürfen, um die Sanierung zu Ende zu bringen. Seit Achleitner die beiden Vorstandskollegen Marcus Schenck und Christian Sewing zu stellvertretenden Vorstandschefs beförderte, stehen theoretisch Nachfolger bereit. Zwar hatte sich sogar Cryan bemüht, die Personalien als gute Idee zu verkaufen. Doch wirkt das wenig glaubwürdig. Andererseits: Schenck und Sewing gelten noch längst noch nicht als reif für das Amt. Beide müssen zeigen, dass sie ihre Aufgaben, den Umbau des Investmentbankings und Privatkundengeschäfts, abschließen. Werden die Großaktionäre dann auf einen neuen Chef von Außen drängen? "Das wird die Bank nicht verkraften, der macht dann wieder alles anders", sagt ein Arbeitnehmervertreter. Sieht also so aus, als müssten sich Achleitner und Cryan zusammenreißen. Ohnehin heißt es ja in deren Umfeld, es gebe da "keinerlei Differenzen".