Deutsche Bank Alles, was Recht ist

Doppelte Verantwortung, schonungslose Analyse: John Cryan, seit 1. Juli Chef der Deutschen Bank.

(Foto: Keystone Schmidt/dpa)
  • Die Deutsche Bank kämpft in so vielen Rechtverfahren, dass sie scherzhaft schon eine "gigantische Rechtsabteilung mit angeschlossener Bank" genannt wird.
  • Der neue Chef Cryan will in dem Geldhaus aufräumen - und unterstellt sich dazu die Rechtsabteilung direkt.
Von Meike Schreiber, Frankfurt

Fast alle neuen Vorstandschefs folgen dem gleichen Reflex: Zu Beginn ihrer Amtszeit zeichnen sie ein ungeschöntes Bild des Unternehmens, damit es dann nur noch aufwärts geht. Besonders gut darin ist der neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan: Als er vergangene Woche zum ersten Mal seit Amtsantritt am 1. Juli die Quartalszahlen vorstellte, zählte er schonungslos die vielen Baustellen des Instituts auf: die verschwenderisch hohen Kosten, die unklaren Entscheidungswege und die zahlreichen Rechtsstreitigkeiten.

Für Letztere hat das Institut derzeit enorme 3,8 Milliarden Euro zur Seite gelegt. Als größtes noch nicht gelöstes Problem gelten die umstrittenen Finanzkrisen-Geschäfte mit verbrieften Immobilienkrediten in den USA. Zuletzt kam auch noch heraus, dass Bankhändler in Moskau im Umfang von mehreren Milliarden Dollar Geldwäsche betrieben haben könnten.

Kein Wunder, dass Cryan das Vorstandsressort Recht nun zur Chefsache macht. Wie erst jetzt bekannt wurde, übernahm er schon zum 1. Juli den Bereich von Christian Sewing, der auch Privatkundenvorstand ist. Das stand zwar bereits im Zwischenbericht, der am 30. Juli veröffentlicht wurde, allerdings so versteckt, dass es niemandem aufgefallen war. Angesichts der rund 7000 Rechtsstreitigkeiten, in die die Deutsche Bank verwickelt ist, gilt Recht als ein Schlüsselressort des Instituts. Unter Aktionären machte zuletzt das Bonmot die Runde, die Bank sei eine "gigantische Rechtsabteilung mit angeschlossener Bank".

Sewing selbst stand dieser "gigantischen Abteilung" zwar erst seit Jahresanfang vor, übernahm zum 1. Juli aber auch noch die Verantwortung für die weltweit über 28 Millionen Privat- und Geschäftskunden - ebenfalls eine gewaltige Aufgabe. Er muss nicht nur 200 Filialen schließen, sondern auch zeigen, wie die Bank auf das digitale Zeitalter reagiert.

Sein Vorgänger Rainer Neske war nach unterschiedlichen Ansichten über die Strategie im Mai ausgeschieden. Kurz darauf war auch Co-Chef Anshu Jain zurückgetreten, nachdem die Kritik von Aufsicht und Aktionären überhandgenommen hatte. Im Zentrum der Kritik: die hohen Kosten für die Rechtsstreitigkeiten. Auf der Hauptversammlung im Mai - als Jain noch im Amt war - hatte Aufsichtsratschef Paul Achleitner bereits angedeutet, dass Sewing die beiden Kernressorts nicht dauerhaft führen wird. Auch die Finanzaufsicht Bafin dürfte es nicht gutgeheißen haben, dass die Verantwortung für diese wichtigen, aber unterschiedlichen Themen bei nur einem Vorstandsmitglied liegt.

Noch macht der Neue nicht unbedingt Werbung für die Aktie - im Gegenteil

Noch offen ist, ob Cryan das Rechtsressort dauerhaft übernimmt, was eher ungewöhnlich wäre. Als Kandidatin für das Vorstandsthema gilt seit einigen Monaten auch Nadine Faruque, die derzeit bei der Deutschen Bank im erweiterten Vorstand für Compliance zuständig ist, also die Einhaltung der Regeln überwacht. Seit Juni ist sie im Rang einer Generalbevollmächtigten, und Beobachter gehen davon aus, dass der studierten Juristin und vormaligen Compliance-Chefin von Unicredit zur Berufung in den Vorstand nur noch das Placet der Bafin fehlt. Es ist durchaus üblich, dass die Finanzaufsicht von Vorstandskandidaten noch ein paar Monate Bewährung in einer vorstandsähnlichen Position verlangt.

Dann wird sich Cryan wohl wieder vollkommen auf die neue Strategie der Bank konzentrieren können, die bisher nur in Eckpunkten bekannt ist und von November an mit Leben gefüllt werden soll. Dass der gebürtige Brite der neue starke Mann ist, machte er vergangene Woche übrigens nicht nur durch seine kernigen Aussagen in der Analystenkonferenz deutlich ("Ich bin mir sehr bewusst: Worte reichen nicht mehr, Taten sind gefordert"), er schrieb auch einen wortgewaltigen Brief an die Mitarbeiter ("den Status quo beizubehalten, ist keine Option"). Dass dabei allerdings sein Co-Chef Jürgen Fitschen gar nicht mehr auftauchte, verwunderte viele in der Bank, hatte das Institut zu Zeiten der Doppelspitze von Anshu Jain und Jürgen Fitschen doch peinlichst darauf geachtet, dass immer gleichwertig kommuniziert wird. Tatsächlich werteten es einige im Haus bereits als "Alarmsignal" und Zeichen dafür, dass Cryans harte Botschaft gerade jene vor den Kopf gestoßen habe, die für die hohen Kosten verantwortlich sind. Gut möglich aber auch, dass Fitschen kein Interesse daran hatte, schlechte Botschaften zu verkünden, die in einen umfangreichen Stellenabbau münden werden.

Immerhin saß er vor ein paar Tagen in der ersten Reihe, als Cryan sich per Videokonferenz an die Führungskräfte wandte. Auch dort bereitete dieser die Kollegen wie erwartet auf harte Zeiten vor. Laut Teilnehmern ging indes ein Raunen durch den Saal, als er sich zu der Aussage hinreißen ließ, es sei verständlich, dass die Aktie der Bank derzeit nicht gekauft werde.

Vielleicht hat er dabei aber zu tief gestapelt: Seit Amtsantritt ist die seit Langem dümpelnde Aktie immerhin um etwa elf Prozent gestiegen.