Deutsche Bahn: Zoff um Tantiemen Tiefensee ohne Freunde

Nie war Verkehrsminister Tiefensee so schwach wie heute: Keiner findet sich, der ihm öffentlich zur Seite springt. Die Boni beim Bahn-Börsengang könnten ihn um den Job bringen.

Von Michael Bauchmüller

Trist ist die Welt von Wolfgang Tiefensee, sehr trist. Knapp 120 Zuhörer sitzen verloren im Lichthof des Bundesverkehrsministerium. Auf den Tischen stehen weiße Lilien, als wäre das hier eine Beerdigung; dabei geht es um die glorreiche Rolle ostdeutscher Kommunen bei der Wiedervereinigung. Vorne auf der Bühne sitzt Wolfgang Tiefensee mit vier Zeitzeugen und diskutiert. Thema: "Was - wie - wozu erinnern?" Wie passend.

Unternehmen Deutsche Bahn: Zoff um Tantiemen

Minister Tiefensee - umringt von offenen Fragen und Rücktrittsforderungen.

(Foto: Foto: ddp)

Wer sich gerade an was erinnert, und vor allem: Wozu er sich an was erinnert, das reift derzeit zur Schicksalsfrage für Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Ende Juni hatte sein Staatssekretär Matthias von Randow ein Bonus-Programm für den Bahnvorstand abgenickt, als Belohnung sozusagen für den Börsengang. Mitte September will Tiefensee davon erfahren haben; der Minister war empört. Mitte Oktober bedrängte er vergeblich Werner Müller, den Chef des Aufsichtsrates, die ganze Regelung wieder rückgängig zu machen. Vergangene Woche feuerte Tiefensee von Randow. Und plötzlich sieht der Minister seinerseits sich umringt von Rücktrittsforderungen und offenen Fragen. Wusste Tiefensee viel früher Bescheid? War von Randow nur ein Bauernopfer? Und vor allem: Wer steht eigentlich noch hinter Tiefensee?

Tiefensee wollte Müller beknieen

Es gehört zum Irrwitz der jüngsten Entwicklungen, dass Tiefensee selbst den Stein ins Rollen brachte, vor dem er jetzt wegrennt. Der Minister selbst griff zum Hörer, um Müller zu beknieen. Er solle doch bitte, bat Tiefensee eine halbe Stunde lang, den Bonus aus der Welt schaffen. Rechtlich hatte er keine Handhabe mehr, Randow hatte ja zugestimmt. Genüsslich wies Müller ihn in seine Grenzen. Deutlicher hätte Tiefensee seine ganze Schwäche nicht offenbaren können.

Der Minister verlässt seinen Lichthof durch den Hinterausgang. Gerade hat er noch in drei Sätzen den Kapitalismus infrage gestellt, jedenfalls den ohne Mindestlöhne und mit Lohngefälle zwischen Ost und West. Dann schleicht er davon. Eine Pressekonferenz, die eigentlich noch vorgesehen war, sagt das Ministerium ab. Nur fünf Journalisten hätten sich angemeldet, so die offizielle Begründung, von denen hätte auch noch einer abgesagt. Dabei hätte an diesem Tag halb Berlin hören wollen, was der Minister zu sagen hat. Es ist eben die triste Welt des Wolfgang Tiefensee, der früher Pressekonferenzen noch zur letzten Belanglosigkeit abhielt: Was er gern sagen würde, will keiner mehr hören. Was andere gern erfahren würden, dazu will er nichts sagen. Der Minister taucht ab.

Stark war Tiefensee in diesem Amt nie. Aber auch nie so schwach wie jetzt - und keiner findet sich, der ihm öffentlich zur Seite springt. In seinem Ministerium wird er, vorsichtig gesagt, nicht gerade angebetet. In der eigenen Partei wird der SPD-Mann von nicht wenigen belächelt, ihn schützt derzeit vor allem seine ostdeutsche Herkunft. In der Regierung ist Tiefensee mit seinem Anti-Boni-Kurs isoliert, die anderen Ministerien haben nichts gegen die Sondervergütung, zumindest wollen sie sich nicht dazu äußern. Und beim Staatskonzern Bahn, über dessen Geschicke Tiefensee ja eigentlich mitentscheiden soll, wollen sie den Minister nur noch loswerden.

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